Ausstellung "Faszination Stadt" Warum Magdeburg das "mittelalterliche Manhattan" war

Die "Faszination Stadt" zeigt eine Ausstellung in Magdeburg. Als im Mittelalter Städte wie Pilze aus dem Boden schossen, florierte die Stadt an der Elbe ganz besonders. Denn das Magdeburger Recht begünstigte den gesellschaftlichen Fortschritt durch Handel Kultur und Wissenschaft und wurde Exportschlager. Die Silhouette mit den über sechzig imposanten Türmen ließ Magdeburg zudem wie ein "mittelalterliches Manhattan" wirken.

von Sandra Meyer, MDR KULTUR-Landeskorrespondentin für Sachsen-Anhalt

Der "Faszination Stadt" spürt das Kulturhistorische Museum in Magdeburg in einer Sonderausstellung nach. Doch nicht die Gegenwart steht hier im Fokus, die Reise geht ins Mittelalter. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Schirmherrschaft für die Schau übernommen, die die Urbanisierung Europas im Mittelalter sowie das Magdeburger Recht betrachtet. 400 Exponate von hundert Leihgebern aus zwölf Ländern Mittel- und Osteuropas geben Einblick in das städtische Leben, für das Magdeburg  hier exemplarisch steht, weil es damals eine besondere Rolle gespielt hat.

Gebäude der Macht und des Stolzes

Der Magdeburger Dom von außen bei blauem Himmel.
Der Magdeburger Dom war ein Wolkenkratzer des Mittelalters Bildrechte: MDR/Marco Prosch

Mittelalterliche Städte sind Orte neuer Maßstäbe und  Herausforderungen. Kuratorin Christina Link beschreibt beispielsweise die damalige Wirkung der Silhouette Magdeburgs mit den über sechzig imposanten Türmen wie ein "mittelalterliches Manhattan". Die Bauten spiegelten nicht nur die Macht der Hansestadt, sondern auch das Selbstbewusstsein ihrer Bürger. Im Zentrum dieser Stadt steht das Rathaus auf einem Marktplatz, der vielleicht sogar gepflastert ist, dazu kommen Patrizierhäuser - aber auch einfachere Holzhäuser gibt es, vielleicht noch mit Tierhaltung im Hinterhof, schildert Link den Aufbau einer Stadt. Im späten Mittelalter sei aber auch die Infrastruktur mitzudenken: wie schützt man sich bei enger Bebauung vor Feuer, wie kommen die Menschen in der Stadt an Wasser, wie werden sie ihre Abwässer los?

Vom Schweinehirt zum Bürgermeister

Beim Recht war Magdeburg Vorreiter. Als Handelsplatz an der Elbe und ehemalige Pfalz Ottos des Großen hat man sich bereits seit dem 11. Jahrhundert zu einem innovativen Zentrum mit gut funktionierender rechtlicher Verfassung entwickelt. Unterschieden werde zwischen dem Recht des Landes und dem Recht der Stadt. Museumsleiterin Gabriele Köster beschreibt die Vorteile des Stadtlebens: "Und das ist eben eine entscheidende Neuerung, dass Jemand, der in die Stadt zieht tatsächlich nach Jahr und Tag, auch wenn er vorher ein Bauer gewesen war, also ein Abhängiger gewesen ist, nun frei wurde in der Stadt. Und als Freier in der Stadt konnte er wiederum reisen, selbstständig agieren, über sein Vermögen verfügen. Man konnte Ämter erwerben - zum Beispiel Bürgermeister werden.

Plan des antiken Nippur - "Ältester Stadtplan der Welt", Nippur (Südirak), um 1400 v. Chr., Tontafel, Beischriften in Keilschrift. H 21,5 cm, B 17 cm
Plan des antiken Nippur - "Ältester Stadtplan der Welt", Nippur (Südirak), um 1400 v. Chr., Tontafel, Beischriften in Keilschrift. H 21,5 cm, B 17 cm Bildrechte: Jena, Friedrich-Schiller-Universität, Hilprecht-Sammlung

Die Pracht zeigen

Damals kommt es durch Handel, Kultur und Wissenschaft auch zu einer gesellschaftlichen Veränderung, in den Städten wird der Bürger neben dem Klerus und dem Adel zu einem neuen Player. Als Selbstverwalter seiner Belange kann er optimale Bedingungen für Handel und Handwerk schaffen und sorgt so für eine florierende Wirtschaft. Das erworbene Prestige wird nach außen repräsentiert, durch Bauten, aber auch mit der Kleidung.

Wenn man sich den Bürger anschaut ist er prächtig gekleidet. Das heißt, sein Mantel ist im besten Fall mit Pelz besetzt oder er trägt einen Spitzenkragen. Und die Frau trägt wie der Mann auch Goldketten und Broschen und andere Ausweise seiner besonderen Verdienste.

Gabriele Köster, Museumsleiterin

Ausstellungsobjekt Sachsenspiegel

Heidelberger Bilderhandschrift des Sachsenspiegels, Ostmitteldeutschland, frühes 14. Jahrhundert (nach 1295, vor 1304?), Pergament, 30 Bl. Kolorierte Federzeichnungen. H 30 cm, B 23,5 cm
Heidelberger Bilderhandschrift des Sachsenspiegels, Ostmitteldeutschland, frühes 14. Jahrhundert (nach 1295, vor 1304?), Pergament, 30 Bl. Kolorierte Federzeichnungen. H 30 cm, B 23,5 cm Bildrechte: Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. germ. 164

In der Magdeburger Ausstellung zeigt sich auch die Qualität des Kunsthandwerkes. Ob Schmuck oder importierte Keramiken, ein kleines Kruzifix von Veit Stoß, eine Silberkanne aus Goslar, die vom technischen Fortschritt des Bergbaus erzählt oder ein kleines Notizbuch, das von der wachsenden Bildungslandschaft zeugt.

Wichtigstes Exponat ist allerdings der bunt illustrierte Sachsenspiegel von Eike von Repkow, das älteste Rechtsbuch in deutscher Sprache, das als Landrecht dennoch Einfluss auf das Stadtrecht hat. Laut Kuratorin Christina Link hat der Sachsenspiegel das sächsische Gewohnheitsrecht niedergeschrieben, das Magdeburger Recht entwickelte sich aus diesem sächsischen Gewohnheitsrecht.

Eine der Hypothesen, warum das Magdeburger Recht so erfolgreich ist, ist möglicherweise, dass es mit dem Sachsenspiegel immer Hand in Hand gegangen ist. Die Magdeburger Schöffen beziehen sich in ihren Urteilen auf den Sachsenspiegel. Sie geben teilweise auch Sachsenspiegel-Handschriften mit weiter.

Christina Link, Kuratorin

Thorner Passionstafel, Nördliche Niederlande, um 1480-1490, Öl auf Eichenholz. H 221 cm, B 270 cm
Thorner Passionstafel, Nördliche Niederlande, um 1480-1490, Öl auf Eichenholz. H 221 cm, B 270 cm Bildrechte: ZPAF andrzej r. skowronski

Exportschlager Magdeburger Recht

Einer der vielen Rechtssprüche, die sich daraus bis heute gehalten haben ist "Wer zuerst kommt mahlt zuerst", was die Reihenfolge an der Mühle festschrieb. Doch auch andere Regeln sind in der Ausstellung nachzulesen, so Link: "Da geht es um Erbrecht, da geht es um eheliches Güterrecht. Wir haben viele Themen im Bereich des Handels, jemand der Pelze kauft und nicht bezahlt, weil wie er behauptet, sie seien nicht in Ordnung gewesen. Also Qualitätskontrolle." Die Schau zeigt auch, wie das Recht gesprochen wurde und dessen Symbolik: eine Schöffenbank oder ein Schwurkästchen als Reliquiar, eine Rathauskanzel oder ein Bürgermeisterzepter aus Krakau.

Denn, und das ist die eigentliche Botschaft der Schau, das Magdeburger Recht wurde zu einem echten Exportschlager. Mit den rasanten Stadtgründungen verbreitete es sich bis weit nach Osteuropa. In Vilnius oder Breslau fand es bis ins 19. Jahrhundert Verwendung und machte Magdeburg damit regelrecht berühmt.

Schöffenbank, Berlin, um 1264-1270, Kürzung/Umbau vor 1884, Aus dem alten Berliner Rathaus mit Gerichtslaube, Kiefer, Esche, Eiche (Ergänzungen). H 103,5 cm, B 294 cm, T 58 cm
Schöffenbank, Berlin, um 1264-1270, Kürzung/Umbau vor 1884, Aus dem alten Berliner Rathaus mit Gerichtslaube, Kiefer, Esche, Eiche (Ergänzungen). H 103,5 cm, B 294 cm, T 58 cm Bildrechte: Stiftung Stadtmuseum Berlin/Oliver Ziebe

Die Ausstellung Faszination Stadt - Die Urbanisierung Europas im Mittelalter und das Magdeburger Recht

Kulturhistorischen Museum Magdeburg
1. September 2019 bis 2. Februar 2020

Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr
(außer Heiligabend, 1. Weihnachtsfeiertag und Silvester)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. August 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. August 2019, 04:00 Uhr