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Welche Kulturlandschaft erwartet uns nach der Pandemie und mit der neuen Landesregierung in Sachsen-Anhalt? Bildrechte: Anna Kolata

Landtagswahl 2021

Wie Sachsen-Anhalts Kulturschaffende über die scheidende Landesregierung urteilen

von Felicitas Förster, MDR KULTUR

Stand: 03. Juni 2021, 04:00 Uhr

Am 6. Juni wird in Sachsen-Anhalt der Landtag neu gewählt. Dort regiert seit fünf Jahren eine Koalition aus Schwarz-Rot-Grün. Kulturschaffende, wie die Intendanten Matthias Brenner und Ulrich Fischer oder der Geschäftsführer des Landesmusikrats Sachsen-Anhalt Dietmar George, ziehen eine gespaltene Bilanz. Was erhoffen sie sich für die Zukunft der Kulturpolitik?

Lob für Kommunikator Robra

Ulrich Fischer, Intendant am Theater Eisleben, ist voll des Lobes: Man habe mit Rainer Robra als Kulturminister "großes Glück gehabt", sagt er. Besonders zufrieden ist Fischer mit der Kommunikation des Ministeriums, zum Beispiel durch regelmäßige Intendantenkonferenzen. Sein Kollege Matthias Brenner vom neuen theater Halle pflichtet ihm bei: Er habe Robra "echt als Partner empfunden", so der Intendant.

2016 wurde Kultur zur Aufgabe der Staatskanzlei, zuvor war sie im Kultusministerium angesiedelt. Manche warnten: Kultur werde zum Anhängsel der Staatskanzlei degradiert. Fischers Erfahrung ist eine andere: Ein Staatsminister habe in der Landesregierung einen besseren Stand als ein Kultusminister. Zumindest hat die Kultur nun einen besseren Stand bei den Finanzen: Der Kulturetat ist deutlich gestiegen, um etwa 20 Prozent seit 2017.

Die Musik? Eine gespaltene Bilanz

Dietmar George, Geschäftsführer des Landesmusikrats Sachsen-Anhalt, zieht eine zwiegespaltene Bilanz. Was positiv war: Das Verhältnis der Regierung zur Kultur habe sich grundlegend geändert. So freut ihn nicht nur ein gestiegener Etat im Bereich Musikpflege (um 60 Prozent seit 2016), sondern auch die neuen Theater- und Orchesterverträge, die "ohne großes Aufheben" beschlossen worden seien. "Das war sonst immer ein öffentlicher Eklat."

Gleichzeitig übt George scharfe Kritik: Einerseits an der Streichung der musikpädagogischen Studiengänge an der Martin-Luther-Universität in Halle, wodurch die künstlerische Ausbildung "in arge Schieflage geraten" sei. Andererseits am Aus für die Förderung des IMPULS-Festivals: "Wir monieren, dass hier Gespräche angeboten wurden und dann vor dem Gespräch schon die Entscheidung gefallen ist. Das ist ein politisches Unding, das hat uns sehr bestürzt gemacht."

Industriekultur: Da geht mehr

Stillgelegter Schaufelradbagger in der Eisenstadt Ferropolis Bildrechte: imago/Cathrin Bach

Das Bauhaus-Jubiläum, der Welterbebeschluss für den Naumburger Dom, das Reformationsjubiläum, der Bundeswettbewerb Jugend musiziert – all das waren große Themen, mit denen Sachsen-Anhalt über die Landesgrenzen hinaus auf sich aufmerksam machen konnte. Mehr Aufmerksamkeit hätte aber die Industriekultur verdient. Hier schöpft das Land noch nicht aus seinen Vollen, findet zumindest Thies Schröder, Geschäftsführer des Industriemuseums und Veranstaltungsortes Ferropolis. "Da ist ein Anfang gemacht, aber wir sind bei weitem noch nicht dort, wo wir als starke Industrieregion hinwollen."

Immer noch prekär: die freie Szene

Sachsen-Anhalt gibt zwar mittlerweile mehr für Kultur aus. In der freien Szene aber kommt dieses Mehr anscheinend nicht so recht an. "Wir sind zu großen Teilen finanziell schwierig bis prekär ausgestattet", berichtet Wybke Wiechell von der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V. Häufig würden hohe Eigenanteile verlangt, das heißt: Projekte können zwar öffentliche Gelder bekommen, aber nur wenn die Veranstalter zusätzliches Geld akquirieren. "Das ist für uns sehr schwierig zu realisieren", so die Verbands-Geschäftsführerin. Letztlich sei es immer ein Abwägen, welche Initiativen man überhaupt angehen könne, eine "Schere im Kopf".

Ärger mit dem Krisenmanagement

Ein Thema, das auch nach der Wahl nicht abgeschlossen sein wird: Der Umgang mit der Corona-Krise. Musikrat Dietmar George bemängelt die finanziellen Hilfen, "wo wir immer den Eindruck hatten, dass die Verwaltung entscheidet, ohne mit den Betroffenen selbst gesprochen zu haben." Intendant Ulrich Fischer berichtet von der schwierigen Planung am Theater. Kurzfristige Eindämmungsverordnungen hätten den Betrieb "von einem Chaos ins andere gestürzt". Allerdings zeigt er sich nachsichtig: "Da die Politik noch nie Pandemie geübt hat, kann nicht automatisch alles richtig gewesen sein."

Was kommt nach der Pandemie?

"Ich habe große Angst davor, dass es irgendwann ein Hauen und Stechen geben wird", gesteht Fischer mit Blick auf die Folgen der Corona-Krise. Schließlich müssten die aufgenommenen Schulden irgendwann beglichen werden – und wenn gekürzt wird, dann wohl zuerst in der Kultur. Diese Sorge geht unter vielen Kulturschaffenden um, und zwar sowohl in öffentlichen Häusern als auch in der freien Szene. Hoffnung ruht auf der Ein-Prozent-Regel, die 2016 eingeführt wurde. Demnach soll die Kultur mit mindestens einem Prozent des Landeshaushalts öffentlich gefördert werden.

Wie soll es weitergehen?

"Große Ziele setzen! Sachsen-Anhalt ist so reich an großen Geschichten!", findet Thies Schröder von Ferropolis. Eine Chance sieht er zum Beispiel im "Neuen Europäischen Bauhaus", einer Initiative der Eurpäischen Union. Matthias Brenner vom neuen theater Halle wiederum wünscht sich einen "Umschwung im Denken", und zwar nicht nur in Kulturpolitik, sondern auch in Bereichen wie Bildung, Jugend oder Klimaschutz. Ihm zufolge braucht es eine umfassende Debatte, "was gesellschaftlich nicht nur nutzbringend, sondern was auch lebenswert ist." Die Kultur sei gerne bereit, das alles kritisch zu begleiten.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 01. Juni 2021 | 16:20 Uhr