"bauhausland" Eine Reise in die Architekturgeschichte Mitteldeutschlands

Unter dem Motto "Die Welt neu denken" wird 2019 das 100-jährige Jubiläum des Bauhauses gefeiert. Maximilian Netter steckt als Assistent in der Geschäftsstelle "Bauhaus Verbund 2019" mittendrin in den Vorbereitungen für dieses Ereignis. Aber was ist eigentlich dran an dieser Bauhaus-Idee, die die Welt noch heute beschäftigt? Maximilian Netter begibt sich auf eine Spurensuche im Bauhausland auf der "Grand Tour der Moderne".

Das Bauhaus in Dessau in einer Archivaufnahme von 1935 54 min
Bildrechte: imago/Arkivi

Das Bauhaus sei eine Gebrauchsanweisung für die Gegenwart. Eine unvollendete Idee, die weitergeführt werden muss. Solche Formulierungen hört Maximilian Netter häufig, wenn es um "100 Jahre Bauhaus" geht. Seit drei Jahren arbeitet er als Assistent in der Geschäftsstelle Bauhaus Verbund 2019. An die revolutionären Ideen der bekanntesten Hochschule Deutschlands wird zum Jubiläum mit unzähligen Ausstellungen und Events angeknüpft. Aber was ist eigentlich dran an dieser Bauhaus-Idee?

Zwischen Website-Launch, Pressekonferenz und Netzwerktreffen macht sich Maximilian Netter auf den Weg durchs Bauhausland und sucht nach Antworten im Gestern und Heute. Als Wegweiser dient ihm die Grand Tour der Moderne, eine ihm Rahmen des Jubiläums entwickelte Reiseroute, die durch ganz Deutschland führt – zu außergewöhnlichen Orten der Architekturgeschichte zwischen 1900 und 2000.

Hellerau – Versuchslabor der Moderne

Netter reist zunächst nach Dresden-Hellerau. Die erste deutsche Gartenstadt, gebaut ab 1906 nach englischem Vorbild, scheint ihm auf den ersten Blick verschlafen und ein bisschen spießig. Doch hinter der Vorortidylle steckt mehr.

Postkarte - Dresden-Hellerau, Endstation der Straߟenbahn, Wohnhaus
Dresden-Hellerau auf einer historischen Postkarte Bildrechte: IMAGO

Die Siedlung Hellerau entstand als Antwort auf die Folgen der fortschreitenden Industrialisierung: immense Luftverschmutzung, mangelnde Hygiene und bedrückende Wohnverhältnisse in den Städten. Der reformorientierte Möbelfabrikant Karl Schmidt plante die Gartensiedlung zusammen mit dem Neubau seiner "Dresdner Werkstätten für Handwerkskunst". Kleine Reihenhäuser mit Gärten boten den Arbeitern erschwinglichen Wohnraum. Hinzu kamen ein Villenviertel und der Marktplatz mit Versorgungseinrichtungen. Karl Schmidts Vision war es, eine Einheit von Wohnen, Arbeit, Kultur und Bildung zu schaffen.

Festspielhaus in Dresden Hellerau
Festspielhaus in Dresden-Hellerau Bildrechte: Stephan Floß

In der Fabrik wurden modern und schlicht gestaltete Möbel maschinell hergestellt. Als Schulgebäude für die "Bildungsanstalt für Musik und Rhythmus" entstand ab 1911 nach Plänen Heinrich Tessenows das berühmte Festspielhaus. Die Schülerfeste der vom Schweizer Musikpädagogen Émile Jaques-Dalcroze geleiteten Bildungsanstalt wurden zum Anziehungspunkt der Europäischen Avantgarde. Der erste Weltkrieg beendete die künstlerische Glanzzeit des Hauses.

Ein Ozeandampfer in der thüringischen Provinz

Eiermannbau
Blick in den Eiermannbau Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein außergewöhnliches Denkmal der Architekturmoderne befindet sich in Apolda: Der sogenannte Eiermannbau. Wie ein Fremdkörper erhebt sich der mehrstöckige Stahlbetonbau im Norden der Stadt: mit großflächiger Glasfassade und einer einem Schiffsdeck nachempfundenen Dachterrasse. Egon Eiermann wurde in den 1930er-Jahren mit der Erweiterung des als Weberei um 1900 errichteten Gebäudes beauftragt. Der gelungene Umbau in einer an die Ästhetik des Bauhauses angelehnten Formensprache machte den Architekten berühmt.

Eine Besonderheit des Gebäudes sind die im dritten Obergeschoss großzügig angelegten Sozialräume der Firma: die Umkleideräume und ein lichtdurchfluteter Speisesaal. Bis in die 1990er-Jahre wurden hier Feuerlöschgeräte hergestellt, dann stand der Bau lange her. 1999 gründet der früher im Feuerlöschwerk tätige Ingenieur Dietram Franke den Verein "Freunde des Eiermannbaus", der das Kulturdenkmal vor dem weiteren Verfall rettete. Seit 2018 hat die IBA Thüringen, die Internationalen Bauausstellung, hier ihren Sitz.

Von Weimar nach Dessau und in die Welt

Die Bauhaus-Universität in Weimar
Die Bauhaus-Universität in Weimar Bildrechte: imago/Bild13

An diesem Gebäude ist Maximilian Netter bestimmt schon hundert Mal vorbeigegangen: das Hauptgebäude der heutigen Bauhaus-Universität in Weimar. Es wurde Anfang des 20. Jahrhunderts nach Plänen Henry Van de Veldes als großherzoglich-sächsische Kunstschule gebaut. 1919 vereinte Walter Gropius die Kunstschule und die ehemalige Kunstgewerbeschule zum Staatlichen Bauhaus Weimar. Die Architekturstudentin Annika Eheim betrachtet die Gründung der Kunsthochschule als logische Folge früherer Entwicklungen:

Das sind Dinge, die im Arbeitsrat für Kunst und dem Deutschen Werkbund quasi vorbereitet wurden. Und Walter Gropius ist dann derjenige, der erkennt, dass genau hier der richtige Zeitpunkt dafür ist.

Annika Eheim, Architekturstudentin

Am Bauhaus will man sich ästhetisch von der Tradition lösen, eine neue Gestaltung für den neuen Menschen schaffen. Es sei ein geradliniges, mathematisches und damit auch übergeordnetes Konzept, dem man sich verschreibt, erklärt Annika Ehm. Anschauliches Beispiel des Bauhaus-Konzepts ist das streng geometrisch gestaltete Direktorenzimmer im Hauptgebäude, das von Walter Gropius 1923 zur ersten großen Bauhausaustellung als exemplarisches Arbeitszimmer entworfen wurde.

Meisterhaus Dessau
Das Meisterhaus Muche/Schlemmer Bildrechte: imago/Rainer Weisflog

Nachdem die rechtsgerichtete Thüringer Regierung der Hochschule die finanzielle Existenzgrundlage entzieht, geht das Bauhaus 1925 nach Dessau. Hier entstehen die berühmten Bauhaus-Ikonen: Meisterhäuser, Bauhausgebäude, Stahlrohrmöbel.

1932 beschließt eine Mehrheit aus Nationalsozialisten im Dessauer Gemeinderat die Schließung der Hochschule. Mies van der Rohe führt das Bauhaus noch ein Jahr als private Einrichtung in Berlin-Steglitz fort, sieht sich aber 1933 unter dem Druck der Nationalsozialisten zur Selbstauflösung der Institution gezwungen. Es ist das vorläufige Ende der Utopie. Viele Bauhäusler emigrieren aus Nazideutschland. Sie und ihre Schüler verbreiten die Ideen des Bauhauses auf der ganzen Welt.

Herausforderungen der Gegenwart

Umweltbundesamt in Dessau
Das Umweltbundesamt in Dessau Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Das neueste Gebäude der "Grand Tour der Moderne" steht 15 Gehminuten vom historischen Bauhausgebäude in Dessau entfernt. Das Umweltbundesamt, entworfen vom Berliner Büro Sauberuch Hutton, gilt als Modellprojekt für ökologisches Bauen. Der viergeschossige Bau sieht von oben aus wie ein langgezogenes U. Die Holfassade ist durch farbige Flächen gegliedert. Neben dem Einsatz vorwiegend ökologischer Baustoffe wie Holz, Zellulose und Lehm wurde auch viel Wert auf Energieeffizienz gelegt. Dämmung und Formgebung, sowie ein ausgeklügeltes Lüftungskonzept mindern Energieverluste.

Die großen Themen zu Zeiten des Bauhauses waren die Mechanisierung, die Mobilisierung, die Globalisierung. Heute ist es der Klimawandel. Darauf mit Architektur positiv einzuwirken, dass sei eine klassische, moderne Herangehensweise, findet Matthias Sauerbruch. Dennoch vermisst der Architekt heute manchmal diesen revolutionären Geist, wie zum Beispiel in Hellerau.

Da wünschte ich mir manchmal es gäbe mehr Visionen, selbst auf die Gefahr hin, dass da auch einiges schief gehen kann.

Matthias Sauerbruch, Architekt

Am Bauhausgebäude in Dessau, das wie kein anderes für den Aufbruch in die Moderne steht, endet Maximilian Netters Reise. Für ihn ist es an der Zeit, ein Fazit zu ziehen über die Bauhaus-Idee und ihre Bedeutung für die Gegenwart.

Ich denke mir: Das Bauhaus hat diese Utopie einer besseren Welt formuliert. Ein Ziel das nie erreicht wurde. Und vielleicht brauchen wir diese 100 Jahre alte Kunsthochschule, weil es in der Gegenwart nicht nur an Visionen mangelt, sondern auch an Mut neue Wege einzuschlagen. Und weil die Probleme natürlich trotzdem da sind.

Maximilian Netter, Feature-Autor

Über den Autor Maximilian Netter, 1985 in Nürnberg geboren, studiert im Master-Programm Mediengestaltung an der Bauhaus-Universität Weimar mit dem Schwerpunkt "Experimentelles Radio".

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"bauhausland" - Die Zukunft bleibt eine Baustelle
Von Maximilian Netter

Sprecher: Leonie Brandis und Maximilian Netter
Regie: Maximilian Netter
Redaktion: Mareike Maage
Produktion: RBB 2019 (Ursendung)

Sendung: 16.01.2019 | 22:00-23:00 Uhr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören bereit.

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Zuletzt aktualisiert: 16. Januar 2019, 04:00 Uhr

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