Interview mit preisgekröntem Autor Tom Schimmeck Kaputte Krieger: Keine Geschichte über verlorene Helden

Im MDR KULTUR-Feature "Kaputte Krieger" erzählen Veteranen von ihren Kriegserlebnissen und wie sie heute mit Depressionen und Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) zu kämpfen haben. Feature-Autor Tom Schimmeck erhält dafür den DRK Medienpreis. Schimmeck gebe überraschende Einblicke in das Leben der Soldatinnen und Soldaten und trage dazu bei, das Schweigen über dieses oft tabuisierte Thema zu brechen, lobte die Jury. Im Gespräch erklärt der Autor, wie schwer es war, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen und warum er gerade ihre Geschichten erzählenswert findet.

MDR KULTUR: Tom Schimmeck, das Thema ist seit Jahren latent da, es gibt Filme, "The Hurt Locker" z.B. über Soldaten, die ohne die Truppe und das Adrenalin des Krieges nicht mehr leben können, hat einen Oscar bekommen. Oder "Generation Kill" von Evan Wright, was von HBO verfilmt wurde – es gibt diese starken Hollywood-Bilder. Und dann beginnt ihre Geschichte aber in Mecklenburg-Vorpommern, ein Mann mit norddeutschem Dialekt, mit einer Stimme, die ganz anders klingt als die Schauspieler in den ganzen Filmen, so weich und verloren. Mit welcher Idee haben Sie angefangen über die seelischen Folgen der Einsätze für Bundeswehrsoldaten zu recherchieren?

Tom Schimmeck: Da sehen Sie mal, wie stark das Kino unsere Klischees prägt. Das war ein bisschen der Plan, nicht die Verlorene-Helden-Story zu machen – wobei es natürlich trotzdem eine ist, denn es sind ja irgendwo verlorene Helden. Ich fand es erstmal schwierig, denn das ist ein Thema, wo man furchtbar nah an die Leute ran muss. Man muss in ihre Seele reingucken, was immer auch ein bisschen aufdringlich ist. Das dauert einfach. Man muss versuchen Kontakte zu finden, man muss mit den Leuten mal ein Bier trinken, man fährt vier Wochen später wieder hin, man schreibt zwischendurch mal 'ne SMS. Da muss man was aufbauen, damit die Leute auch das Gefühl haben, sie werden nicht verarscht – genau das ist ihr Grundgefühl ohnehin schon. In dem Fall hatte ich Glück und habe einige gefunden, die erzählen mochten und auch wahnsinnig gut erzählen konnten, was ihnen widerfahren ist.

Das Vertrauen spürt man dann in dem Feature. 10 Jahre früher sind Sie in den USA unterwegs gewesen für ihr Feature über US-Army-Veteranen "Die Narben des Uncle Sam". Wie geht die Öffentlichkeit in den USA verglichen mit Deutschland damit um? Ich hab das Gefühl, das ist ganz verschieden.

Es ist natürlich völlig verschieden, schon aufgrund der historischen Situation. Die USA haben eine extrem kriegerische Geschichte. Es gibt eigentlich alle paar Jahre einen Krieg. Es gibt in den USA ein eigenes Gesundheitswesen nur für Kriegsveteranen zum Beispiel. Es gibt den Veteranentag, "unsere Helden", das wird sehr zelebriert. Aber auch da haben Sie den Kontrast: Viele Leute, die hinten runterfallen, die drogenabhängig sind, obdachlose Veteranen. Also einerseits werden sie gern zumindest am "Veteran's Day" zu Helden erklärt, aber im Alltag geht es ihnen zum Teil grauenhaft. Es gibt eine Geschichte der Traumatisierung in den USA, die ist ungeheuerlich. Zum Beispiel die ganzen Motorradclubs von den "Hell's Angels" aufwärts, deren Gründer sind alle Kriegsveteranen. Das ist auch eine Art, mit seinen Traumata umzugehen, sich wieder in einer Männergemeinschaft aufgehoben zu fühlen. Es war in den USA eine völlig andere Geschichte, aber der individuelle Schmerz ist natürlich sehr ähnlich.

Und Sie persönlich? Warum fühlen sich zu diesen Männern hingezogen?

Feature-Autor Tom Schimmeck
Der Feature-Autor Tom Schimmeck Bildrechte: Tom Schimmeck

Ich fand das Thema Männlichkeit und entgleiste Männlichkeit immer schon sehr spannend. Ich hab früher auch Kriegsberichterstattung gemacht, wobei ich das ehrlich gesagt hasse. Denn über Kriege zu berichten mittendrin ist fürchterlich. Zurück zu den Männern: Diese gebrochene Männlichkeit ist ein unglaublich interessantes Phänomen. Und wenn diese Männer gut darüber reden können und davon erzählen können, was mit ihnen geschehen ist, finde ich das unglaublich faszinierend. Außerdem geht's natürlich auch darum, die Kehrseite dieser heroischen Erzählung "unsere Sicherheit wird bis zum Hindukusch verteidigt" zu zeigen.

Was haben Sie bei diesem Feature formal überlegt? Sie machen ja nicht diesen typischen Podcast-Trend mit, bei dem der Weg der Recherche eine große Rolle spielt, der Autor ganz subjektiv mit auftritt. Sie haben mehr ein klassisches Feature gemacht.

Allerdings ja. Ich finde auch, wenn der Autor eine Rolle spielt in der Handlung, ist das Auftreten des Autors okay, aber ansonsten finde ich, hat der Journalist sich zurückzunehmen. Und gerade in dem Fall – diese Typen haben die Dinge erlebt, mein Erleben in dem Zusammenhang ist völlig unwichtig. Allein mein Erleben mit ihnen ist interessant, aber da stehe nicht ich im Mittelpunkt.

Das Interview führte Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. September 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. September 2019, 17:32 Uhr

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