Interview mit Olaf Zimmermann Warum das Aus des Deutschen Fernsehballetts schade ist

Lange Beine in perfekter Synchronität, immer wieder neue und virtuose Choreographien und vor allem viel Glamour: Das ist seit 58 Jahren das Deutsche Fernsehballett. Nun man muss wohl eher sagen: Das WAR das Deutsche Fernsehballett. Denn Ende 2021 hat es sich nach mehr als einem halben Jahrhundert wohl ausgetanzt. Das Deutsche Fernsehballett hört auf, verkündete der Geschäftsführer des Balletts in der Bildzeitung am Sonntag. Sehr schade findet das der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann. Der Kulturrat hatte das Ballett schon 2014 auf die Rote Liste der bedrohten Kultureinrichtungen gesetzt.

MDR Fernsehen DIE GROßE SHOW DER LANGEN BEINE, "50 Jahre Deutsches Fernsehballett", am Samstag (27.10.12) um 20:15 Uhr. Das Deutsche Fernsehballet
Das Deutsche Fernsehballett gibt es seit fast 60 Jahren Bildrechte: MDR/Lander

MDR KULTUR: Herr Zimmermann, Sie haben auf Twitter geschrieben, das Ende des Fernsehballetts sei sehr schade. Was geht denn eigentlich der deutschen Kulturlandschaft mit diesem Ensemble verloren?

Olaf Zimmermann: Es geht ein Stück Vielfalt verloren, denn das Besondere, das Kultur und vor allem Kultur im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausmacht, ist ja, dass wir von ganz vielen Sachen etwas haben. Mit dem Fernsehballett geht diese ganz bestimmte Form des künstlerischen Ausdrucks verloren. Und das finde ich schade.

Tänzer und Tänzerinnen des MDR Deutsches Fernsehballett während eines Auftrittes, 2010 6 min
Bildrechte: IMAGO/Star Media
Tänzer und Tänzerinnen des MDR Deutsches Fernsehballett während eines Auftrittes, 2010 6 min
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Sie hatten als Deutscher Kulturrat das Fernsehballett schon 2014 sozusagen auf die Liste der bedrohten Arten gesetzt. Damals drohte wegen Auftragsmangels das Ende, nun offenbar das endgültige Aus aus gleichem Grund. Hat man es da verschwitzt, das Ballett zu modernisieren, neu aufzustellen? Oder liegt es dann doch eher an der veränderten Fernsehlandschaft?

Ich glaube, es ist beides. Zum einen ist ja schon 2012 die Entscheidung getroffen worden, das Fernsehballett vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk in private Hände zu übergeben. Das ist natürlich ein starker Einschnitt gewesen. Stellen Sie sich vor, man würde auch die Chöre und Orchester, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat, in private Hände übergeben. Da würden sie auch sehen, wie schwierig ist, da letztendlich Gewinn zu erwirtschaften. Aber es stimmt natürlich auch, dass sich die Art und Weise, wie wir uns heute unterhalten lassen, stark verändert. Die große Samstagabend-Fernsehshow hat sich verändert und Ballett spielt da einfach eine deutlich geringere Rolle. Und das spürt man eben auch, wenn man dann auf dem freien Markt gebucht werden muss.

Nun gibt es ja trotzdem weiterhin Tänzer im Fernsehen, aber eben kein professionelles Ballett. Das war jetzt wirklich das letzte Relikt. Ballett ist ja eher auf den Bühnen zuhause, auf den Opernbühnen und Theaterbühnen. Welchen Status hat es da heute noch?

Olaf Zimmermann, 2016
Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats Bildrechte: dpa

Einen sehr guten und sogar einen erfolgreichen! Einen Status, wo immer mehr Publikum Interesse gerade am Ballett hat. Also es ist nicht so, dass die Kunstform Ballett jetzt am Ende wäre, sondern sie scheint im Fernsehen am Ende zu sein. Und das finde ich schade, weil ich nicht glaube, dass das unbedingt hätte sein müssen, sondern wir sind ja gerade im Bereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auch ein wenig verantwortlich für die Nischen, also für das, was eben nicht immer auf dem freien Markt erfolgreich sein muss. Und die Ballettkompanien in den Theatern sind ja auch subventionierte Ballettkompanien. Die hätten, wenn sie wirklich ihr Geld am Markt verdienen müssten, auch riesige Probleme. Das heißt, da leisten wir uns diese Kunstform. Und im Fernsehen werden wir sie uns zumindestens in dieser Form in Zukunft nicht mehr leisten.

Und das, obwohl das Ballett, was die tänzerischen Möglichkeiten anging, sehr vielseitig aufgestellt war. Es gab ja vom Pop-Tanz bis zum klassischen Ballett eigentlich alles…

Genau und deswegen glaube ich auch, dass es wirklich ein Verlust ist. Aber es ist natürlich ein Verlust, der, wie gesagt, schon vor ungefähr acht Jahren angefangen hat, denn mit der Privatisierung dieser Kompanie war es einfach abzusehen, dass es enorm schwierig ist, das Ballett am Leben zu erhalten. Jetzt ist das passiert, was wir auch schon damals befürchtet haben und deswegen finde ich kann eigentlich die Lehren daraus doch nur heißen: Wir sollten Bereiche des öffentlich rechtlichen Rundfunks nicht privatisieren. Da liegt kein Segen drauf.

Das Fernsehballett ist ein Ballett von sehr gut ausgebildeten Tänzerinnen und Tänzern, die dann im kommenden Jahr erst mal vor dem Aus stehen. Gibt's denn schon Anschluss-Engagements oder Möglichkeiten für sie, weiterhin Fuß zu fassen?

Ich hoffe sehr, dass man die finden wird. Man muss auch sehen, dass Balletttänzerinnen und Balletttänzer ganz besonders herausgefordert sind. Man kann diesen Beruf ja nicht zu lange ausüben. Das heißt, man ist einfach körperlich nicht so lange in der Lage, diese Hochleistung zu erbringen. Deswegen ist es wichtig, dass es jetzt vernünftige Übergangsmöglichkeiten gibt. Und ich hoffe, dass auch der MDR, der ja bisher der große Auftraggeber gewesen ist, sich dort auch weiter in der Verantwortung sieht, dass man eine vernünftige soziale Abfederung mitbringen kann.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Februar 2020 | 16:10 Uhr

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