Jahr der Industriekultur 2020 Hellerauer Festival "Arbeit!" macht Industriekultur zum Kunstgegenstand

Das Jahr der Industriekultur in Sachsen: das Europäische Zentrum der Künste Hellerau (EZKH) greift sich den Begriff der Industriekultur und platziert dazu zeitgenössische Positionen in der Kunst. Bis zum 1. November ist das Themen-Festival "Arbeit!" in Hellerau zu erleben. Carena Schlewitt, Intendantin des EZKH, im Gespräch mit MDR KULTUR.

Die Intendantin des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau (EKZH), Carena Schlewitt
Die Intendantin des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau (EKZH), Carena Schlewitt Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Ich verstehe das so: Sie interessiert die Auseinandersetzung im Präsenz. Industriekultur ist für Sie weniger Vergangenheit, kein untergegangenes Zeitalter, sondern eher Gegenwart?

Carena Schlewitt: Ja, so würde ich das definieren. Im Rahmen dieser Ausstellung wird beleuchtet, welche Fortschrittskultur, welche Energien, welche Erfindungen mit Industriekultur verbunden waren. [...] Und für uns ist aber interessant, was das eigentlich immer bedeutet hat und was es heute bedeutet – also die Industriekultur und Arbeit auch im weiteren Sinne gefasst – in der Auseinandersetzung für den Menschen, für sein Leben und für die Gesellschaft. Das ist jetzt etwas groß gefasst, aber so würden wir das auf heute immer noch runterbrechen, weil es um Beziehungen geht. Und das ist interessant natürlich für Theater, Tanz und die Performing Arts.

shift change. SCHICHTWECHSEL Irina Pauls
shift change. SCHICHTWECHSEL Irina Pauls Bildrechte: Festival ARBEIT! Hellerau/Matthias Zielfeld

Und das heißt erstmal auch, wir haben auch heute noch eine Industriekultur, auch wenn viel von postindustriellem Zeitalter die Rede ist. Und eine Industriekultur sieht inzwischen nur anders aus?

Genau. Und diese Industriekultur, die wir heute haben und die jetzt in aller Munde ist mit dem schönen Wort "Digitalisierung" und "Einführung der Digitalität. Das entsteht ja aus Prozessen, die auch im vergangenen Jahrhundert schon eine große Rolle gespielt haben. [...] Alles, was mit wissenschaftlich-technischer Revolution in der DDR zum Beispiel beschrieben wurde – Rationalisierungsprozesse, Steuerungsprozesse, etc. – hat sich ja jetzt im 21. Jahrhundert unmerklich zum Begleiter jedes Menschen im Alltag gemacht, aber natürlich auch unmerklich in die Industriekultur eingeschrieben.

Und nun steckt in dem ganzen Festival "ARBEIT!" auch dieses deutsche Pathos aus der Welt der Fleißigen und der Arbeitsamen?

Es ist natürlich ein Spiel damit. Es ist aber gleichzeitig auch ein Aufmerksammachen darauf, dass die Arbeit in keiner Weise schwindet oder verschwunden ist. Oder wenn sie verschwunden ist, was bedeutet das für den Menschen? Also es will sich eigentlich umfassend, soweit das geht in so einem kleinen Festival, mit Positionen aber damit beschäftigen "Was bedeutet eigentlich Arbeit für den Menschen im positiven oder degradierenden Sinne?". [...] Und da ist das Spektrum einfach sehr weit.

Und da ist dieses Pathos, diese Welt, nicht mehr ungebrochen. Auch das Arbeitspathos ist so unter die kritischen Räder der Moderne gekommen.

Uncanny Valley/Unheimliches Tal, Rimini Protokoll (Stefan Kaegi) & Thomas Melle | Münchner Kammerspiele
Uncanny Valley/Unheimliches Tal, Rimini Protokoll (Stefan Kaegi) & Thomas Melle | Münchner Kammerspiele Bildrechte: Festival ARBEIT! Hellerau/Gabriele Neeb

Ja, so ist das. Also die Arbeit an sich als menschen- und gesellschaftsverwirklichendes Element funktioniert so pur nicht mehr, sondern es gibt ganz viele Bedingungen für Arbeit und für die menschliche Arbeit in der Gesellschaft, die heutzutage eine Rolle spielen und mit Recht eine wichtige Rolle spielen. Und dazu gehört immer auch die Erschließung von Arbeit im Zusammenhang mit Umwelt, mit Gesellschaft, mit Arbeitsverhältnissen und so weiter. Und diese, ich nenne die mal, Begleitfaktoren, die aber auch Hauptfaktoren des Begriffes "Arbeit" sind, sind uns wichtig zu beleuchten, beziehungsweise vor allem die künstlerischen Produktionen beleuchten das natürlich.

Carena Schlewitt, wie setzt sich Kunst beim Festival konkret mit Arbeit auseinandersetzt.

Ja, wir beginnen beispielsweise mit dem Projekt "Neue Horizonte – Eternity für alle" von der Berliner Gruppe "andcompany&Co.", die sich mit dem Stück "Horizonte" beschäftigen, welches Gerhardt Winterlich Ende der 60er-Jahre für das Arbeitertheater in Schwedt geschrieben hat. Und dort ging es genau um diese Rationalisierungsprozesse, die in die Produktion eingeführt werden sollten. Und er hat das in einem Verwirrspiel eine Art Sommernachtstraum-Bearbeitung aufgegriffen, sodass die Arbeiter und Arbeiterinnen des Schwedter Erdöl-Verarbeitungsbetriebes in einem Verwirrspiel sich selber in Bezug auf diese Prozesse befragten. Heiner Müller hat das später dann noch einmal aufgegriffen und für die Volksbühne bearbeitet. Und in dem Stück geht es den Künstlerinnen und Künstlern jetzt nicht nur um den wichtigen Prozess der Rekonstruktion, sondern sie führen das weiter auf heutige digitale Prozesse. Und auf diese Frage "Übernehmen jetzt Maschinen die Arbeit für die Menschen, für uns? Und was bedeutet das, wenn sozusagen die Menschen von der Arbeit freigestellt werden? Also was bedeutet das für die Gesellschaft?“ Früher hieß es immer Arbeitsgesellschaft und Freizeitgesellschaft, und das kann man heute gar nicht mehr so trennen. Das ist die Frage, die in diesem Stück verhandelt wird mit den Mitgliedern des Arbeitertheaters Schwedt, die sich natürlich sehr gefreut haben, sich noch mal mit diesen Fragen zu beschäftigen. Es ist also vielversprechend.

Neue Horizonte: Eternity für alle! andcompany&Co. feat. Arbeiter*innentheater
Neue Horizonte: Eternity für alle! andcompany&Co. feat. Arbeiter*innentheater Bildrechte: Festival ARBEIT! Hellerau/Dorothea Tuch

Sie beschreiben gerade, dass die Arbeit in die Wohnzimmer schwappt. Gibt es kritische Positionen, die das Widerstreben unterstützen, die Subversion, den Ungehorsam gegenüber dieser Arbeit, die alles frisst – privaten Raum bis hin zur Natur?

Ich denke, dass das viele Produktionen deutlich machen. [...] Das ist keine rein affirmative oder positiv bejahende Auseinandersetzung, sondern schon mit der Frage "Wie weit sind wir schon gekommen in diesen Prozess? Und inwieweit kann der Mensch diese Maschinen nach wie vor beherrschen und in seinem Sinne einsetzen?" Und das hat dann ja auch wieder mit Prozessen zu tun, die etwas mit dem Raubbau von Umwelt zu tun haben. Da komme ich auf eine Arbeit, die von Kötter/Seidel/Israel entwickelt wurde: "Gold & Coal". Da geht es um Rohstoffabbau. Wir wissen, dass Rohstoffe wiederum für unsere täglichen Geräte wie Handys etc. verwendet werden. Und was bedeutet das wiederum, in so einer Arbeit einzusteigen, um diese Rohstoffe abzubauen für unseren täglichen Bedarf und Wohlstand? Und was bedeutet das für diese Regionen? Zum Beispiel in Papua, eine der größten Gold- und Kupfermine, die sich dort befindet, in Indonesien, die von einem amerikanischen Konzern, bewacht und abgeschottet, genutzt werden. Und an den Rändern dieser Industrielandschaft bauen indonesische Goldwäscher, versuchen sozusagen noch, ihren Teil des Glücks zu machen und Gold zu finden. Und das stellt diese Gruppe dem ehemaligen Braunkohlegebiet rund um Leipzig, was es ja nicht mehr gibt und was jetzt eine Renaturierung erfahren hat, gegenüber. Und diese Gruppe Kötter/Seidel/Israel spricht mit den Menschen vor Ort und verwebt das zu einer, ich würde sagen, immersiven Theaterveranstaltung, wo man sich quasi wie in einem Parcours auch mit einer VR-Brille durch diese Landschaften bewegt und das er selber erlebt, was da vor Ort passiert beziehungsweise wie eine solche Umwandlung der Landschaft vor sich gegangen ist.

Menschen vor einer Hütte, einige tragen eine VR-Brille
Gold & Coal, Daniel Kötter/Sarah Israel/Elisa Limberg (DE) Bildrechte: Festival ARBEIT! Hellerau/Daniel Kötter

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderator Carsten Tesch.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Oktober 2020 | 08:10 Uhr