Highfield, Splash, Full Force und Co. Frauenanteil bei Festivals: Weniger Prozent als das Bier

Das Festival Rock am Ring steht in der Kritik, weil dort kaum Frauen auftreten. Wie sieht es bei Festivals in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit dem Frauenanteil aus? Wir haben nachgezählt: Das Highfield steht sogar noch schlimmer da, das Melt-Festival ragt dagegen deutlich heraus.

Little Simz Simbiatu Ajikawo britische Sängerin auf der Gremmin-Beach-Stage während des Melt Festivals.
Das Melt-Festival macht vor, wie es geht: Rapperin Little Simz ist eine von vielen Headlinerinnen Bildrechte: IMAGO / Hartmut Bösener

Die Festivalsaison hat längst begonnen, im ganzen Land feiern nach zwei Jahren Pandemiepause tausende Menschen an Wochenenden alte und neue Lieblingsbands. Doch auffällig oft sind es vor allem Männer, die dort auf den Bühnen stehen. Schlagzeilen machte zuletzt Rock am Ring (RaR), weil es so gut wie keine weiblichen Künstlerinnen gebucht hatte. "Bei Rock am Ring hat das Bier mehr Prozente als der Frauenanteil", brachte Moderatorin Caroline Kebekus das Problem vergangenes Jahr auf den Punkt – 2022 konnte das Festival am Nürburgring dann doch noch die 5-Prozent-Marke knacken und kam auf 5,6 Prozent Frauen im Programm.

Sächsische Frauen vs. Rock am Ring

Ausgezählt hat das Music S Women, ein Netzwerk aus Akteurinnen und Akteuren aus der sächsischen Musikbranche, die sich für Chancengleichheit und Gleichstellung von FLINTA Personen einsetzen. Musik S Women gingen mit ihrem Post auf Instagram, der den Frauenanteil bei RaR kritisierte, viral. Die einen waren entrüstet, die anderen kommentierten, dass es halt nicht so viele Frauen in der Rockmusik gebe.

Dieses Argument hält die Leipzigerin Susann Grossmann für Quatsch. Sie ist Vorstandsmitglied von Music S Women und sammelte mit Hilfe der Community innerhalb weniger Stunden eine Liste von über 1.200 Bands. "Die hatten teilweise fünf Millionen Follower", sagt Grossmann. "Und ich hatte noch nie zuvor von denen gehört." Die geringe Sichtbarkeit von Frauen – sie ist einer der Gründe, warum mehr Frauen auf Festivalbühnen gefordert werden. Denn viele Musikerinnen erzählen, dass es für ihre Karriere wichtig war, weibliche Role Models zu sehen. Je weniger auftreten, umso weniger kommen also nach.

Ziel von Keychange: 50/50

Auch das in den vergangenen Jahren von Veranstaltern oft angebrachte Argument, dass weibliche Musikerinnen entweder zu groß wären – wie etwa Lady Gaga, Rihanna, Billie Eilish – oder aber zu unbekannt, um ein zahlendes Publikum anzuziehen, findet Grossmann nicht überzeugend. "Es spielen ja auch kleine unbekanntere Bands auf den großen Festivals wie Rock am Ring, da buchen sie aber auch keine mit Frauen." Andere Festivals haben das Thema auf dem Schirm, wie die Initiative Keychange zeigt, die sich die Gleichberechtigung im Musikbusiness auf die Fahne geschrieben hat. Immer mehr Festivals schließen sich der Bewegung an und versprechen, eine 50/50-Quote einzuführen. Darunter ist auch das Melt.

Besucher des Melt! Festival im Ferropolis , Gräfenhainichen.
Das Melt-Festival im Ferropolis, Gräfenhainichen Bildrechte: imago/STAR-MEDIA

Das Festival in Ferropolis kam diesem Ziel 2022 sehr nahe, wie eine Auszählung von MDR KULTUR zeigt. Demnach waren 43 Prozent der Auftretenden weiblich und circa drei Prozent queer oder non-binär – also nur gut die Hälfte des Line-ups männlich. Damit ragt das Melt deutlich heraus aus den anderen großen Musikfestivals Mitteldeutschlands. Nur das Rudolstadt-Festival schafft noch eine Quote von ungefähr 30 Prozent. Das SonneMondSterne und das Splash-Festival schaffen es immerhin über die Zehn-Prozent-Hürde. Das Sputnik Spingbreak, das Full Force und das Highfield bleiben sogar drunter. Der Frauenanteil beim Highfield am Störmthaler See in der Nähe von Leipzig erreicht sogar nur 3,6 Prozent.

Frauenanteil bei Musikfestivals in Mitteldeutschland
Name männliche Musiker weibliche Musikerinnen Musiker*innen insgesamt Frauenquote
Melt 166 130 305 42,62%
Rudolstadt Festival (Kategorie "Konzerte") 175 78 254 30,71%
Splash 86 20 106 18,87%
SonneMondSterne 40 7 47 14,89%
Sputnik Springbreak 73 7 80 8,75%
Full Force 305 17 322 5,28%
Highfield 134 5 139 3,6%

Geschlechtervielfalt als Kaufargument

Ein Statement von der Festivalorganisation, woran das liegt, ist schwer zu bekommen. Man sei "viel unterwegs und werde es nicht schaffen, die Anfrage detailliert zu beantworten", heißt es nach mehrmaligem Nachfragen an die Konzertproduktionsfirma FKP Scorpio, die hinter dem Highfield steht. "Generell kann ich sagen, dass uns das Thema wichtig ist und es nur eben nicht auf jeder unserer Veranstaltungen gelingt, ein sichtbares Zeichen für mehr Diversität zu setzen", erklärt Jonas Rohde und verweist direkt auf das Festivals Tempelhof Sounds in Berlin, bei dem "es uns in diesem Jahr geglückt ist, einen Anteil an weiblichen Acts von mehr als 50 Prozent zu präsentieren, was uns natürlich sehr freut". Warum das aber beim Highfield und vielen anderen Festivals nicht "glückt", bleibt unbeantwortet.

Die deutsche Hip Hop Band Fettes Brot aus Hamburg
Auf der Bühne des Highfields stehen fast nie Frauen Bildrechte: imago images / Christian Grube

Denn auch das wirtschaftliche Argument, dass sich mit einem Line-up, in dem Frauen gleichberechtigt auftauchen, nicht genug Geld machen lässt, verliert immer deutlicher an Kraft. Eine Studie von Keychange kam im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass schon jetzt jeder und jede Fünfte beim Kauf von Musikprodukten auf Geschlechtervielfalt achte. In der Gruppe der 16- bis 29-Jährigen seien es bereits jede dritte Person. Auch bei der Auswahl eines Radiosenders oder eines Streamingdienstes würden sich 28 beziehungsweise 34 Prozent der Befragten von einer Selbstverpflichtung für ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis in den Playlisten beeinflussen lassen. Die jüngere Generation achtet also zunehmend darauf.

Anders als manch staatliche Institution. So haben zum Beispiel viele Festivals wegen der Pandemie Förderhilfen durch das "Neustart Kultur"-Programm des Bundes bekommen. Da müsse man ansetzen, findet Grossmann. "Von öffentlicher Seite sollte die Vorgabe kommen: Wenn ihr Geld von uns haben wollt, dann müssen wir zumindest einen guten Willen sehen, dass ihr ein diverses Programmen aufstellen wollt. Das heißt nicht, dass das gleich 50:50 sein muss, aber mehr als zehn Prozent wären schön."

Mitarbeit: Lena Hähnchen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Juni 2022 | 17:10 Uhr

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