"Zukunftsvisionen" Zeitgenössische Kunst in Görlitz: Zuvi-Festival trotzt Corona

Während große Kunstfestivals Corona-bedingt Probleme haben, sind die kleineren da wendiger und können besser auf die aktuellen Anforderungen reagieren. Das Festival für zeitgenössische Künste in Görlitz "Zukunftsvisionen" (Zuvi) ist so ein kleines feines. Im Mittelpunkt steht eine Ausstellung Bildender Kunst, um sie herum ein Programm mit Pop, Diskussionen, Workshops, einer spektakulären Bar – und das alles an einem sonst für Besucherinnen und Besucher nicht offenen Ort.

Die deutsch-polnische Grenze in Görlitz
Görlitz ist unter anderem bekannt für Altstadt und Grenzlage. Aber es gibt mehr zu entdecken. Bildrechte: IMAGO

Der bekannte Konzeptkünstler Peter Kees hat seine schwarze Diplomatenlimousine mit Pan-Standarte – seit Jahren ist er als arkadischer Botschafter unterwegs – auf dem Gelände "In der Lunitz 9" geparkt. Aber er hat in Görlitz nicht die paradiesische Idylle gefunden, sondern sein Interviewprojekt fortgesetzt und Gesprächspartner gefunden, die er Corona-bedingt aus dem Fenster der Limousine heraus in Diskussionen verwickelt hat. Er ist einer der beiden Residenzkünstler und ganz begeistert von der frischen, gleichwohl professionellen Art des Festivals "Zukunftsvisionen" (Zuvi).

Junge Generation stellt sich Zukunftsfragen

Peter Kees erklärt: "Wir Leben in einem großen Wandel, in einem großen Veränderungsprozess. Die Corona-Krise bringt es noch mal etwas mehr an die Oberfläche. Aber das war natürlich auch zum großen Teil alles schon längst Thema. Und das ist das, was mich interessiert und mich interessiert auch, dass hier eine junge Generation sich den Gegenwartsfragen und den Zukunftsfragen stellt. Und da hatte ich Interesse mitzumachen. Deswegen habe ich mich beworben."

Zukunftsvisionen-Festival Görlitz
Impressionen vom Konzert Bildrechte: Steve Nauke

Das Zuvi-Festival findet in diesem Jahr schon zum 14. Male in Görlitz statt. Studierende des Studienganges "Kultur und Management" haben es ins Leben gerufen.

Die einzige Konstante ist, dass es jedes Jahr anders ist. Das gehört dazu. Weil es jedes Jahr ein neues Team ist.

Lisa Wiedermuth, Festival-Team

Lisa Wiedemuth ist eine Zugezogene, wie sie sagt, kommt aus Berlin und schätzt die Freiräume, die sich hier noch finden lassen: "Also das gehört dazu. Weil jedes Jahr ein neues Gebäude und neues Team da ist. (...) Wir haben uns im November zusammengesetzt, im Dezember hatten wir das Thema fertig und arbeiten dann wirklich ein Dreivierteljahr an dem Festival. Das sind 15 Leute, wozu aber dann noch ein riesiger Kreis an Menschen zählt, die dann einspringen und während des Festivals mithelfen."

Zukunftsvisionen-Festival Görlitz
Das Publikum sorgt für Stimmung Bildrechte: Steve Nauke

Festival im leerstehenden Gaswerk

Die kreative Nutzung des Leerstandes, ja, den gibt es auch in so einer Bilderbuchstadt wie Görlitz, gehört seit Anbeginn zum Anliegen des Festivals. Der leer stehende Ort, der in diesem Jahr bespielt wird, ist das Oktogon, ein einstiges Gaswerk inmitten der Nikolaivorstadt: ein charaktervoller, geradezu sakral wirkender Bau, groß, aus Feldsteinen und mit viel freiem Gelände.

Zukunftsvisionen-Festival Görlitz
Blick in die Ausstellung Bildrechte: Steve Nauke

Diese Situation hilft, die Corona-Auflagen zu erfüllen. Die Städtischen Ämter zeigten sich sehr kooperativ, auch beim Bau der unerlässlichen zusätzlichen Fluchttreppe. Das diesjährige Thema "An die Substanz" meint weder die Arbeitsbelastung des kleinen Teams, noch will es aktuell nur auf Corona bezogen werden, wie Projektleiter Felix Schuster erklärt: "Für uns ist dieses Thema eben auch so vielseitig, weil es verschiedenste Ebenen anspielt. Dieses Wort Substanz kann biologisch aufgefasst werden, aber auch psychisch aufgefasst werden und aber auch sozial."

'An die Substanz' ist eben auch die Aufforderung.

Lisa Wiedermuth, Festival-Team

Lisa Wiedemuth ergänzt die Dringlichkeit des Themas mit eigener Erfahrung: "Für mich war auch so ein Umschlag-Moment, als eine Bürgerratswahl war in der Innenstadt Ost und wir als junge Menschen da hingegangen sind, um zu wählen. Und danach geglaubt wurde, wir wären mit Bussen aus Dresden angereist. Das war der Moment, wo wir festgestellt haben: Nimmt uns eigentlich jemand wahr? Sind wir präsent als junge Menschen in dieser Stadt? Dann haben wir gesagt: Okay, 'An die Substanz' ist eben auch die Aufforderung. Wir wollen in die Kontroverse gehen und wir wollen sichtbar werden."

Wir möchten eben auch die unangenehmen, auch politischen Themen auf die Agenda setzen.

Lisa Wiedermuth

Politisierte Jugend

Zukunftsvisionen-Festival Görlitz
Héctor Solari beim Vortrag Bildrechte: Steve Nauke

Rund 200 nationale und internationale Künstlerinnen und Künstler bewerben sich jedes Jahr, rund 20 können ausstellen. Wer dazugehört, entscheidet eine professionelle Jury, zu der z. B. Ostrale-Leiterin Andrea Hilger und Künstler und Kurator Hector Solari gehören, der die Stadt noch aus den Tagen der Kulturhauptstadtbewerbung bestens kennt: "Es wurde vor zehn Jahren immer gesagt, die Millennials sind politisch uninteressiert. Und jetzt hat sich das wirklich geändert. Die jetzige Jugend ist politischer als vor 10, 15 Jahren und jetzt kommen auch langsam die Antworten in der Kunst."

Die unprätentiös, aber sehr luftig und großzügig arrangierte Ausstellung wird ergänzt durch knapp 30 weitere Veranstaltungen vor Ort. Das Festival läuft bis zum 6. September 2020.

Kultur in Görlitz

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. August 2020 | 08:15 Uhr