Spielerinnen Mona Krueger, Claudia Acker.
Im ehemaligen Karl-Marx-Stadt wurden Robotron-Computer produziert. Jetzt kehren die Rechner zurück – auf die Bühne. Bildrechte: Nasser Hashemi

"Aufstand der Dinge" Theater Chemnitz bringt verschwundenen DDR-Alltag auf die Bühne

Robotron-Radio, ORWO-Filme, Kittifix-Kleber oder das Rührgerät RG 28: Mit der Wende 1989 wurden viele Dinge, die zu DDR-Zeiten in fast allen Haushalten vorhanden waren, als überflüssig angesehen und entsorgt. Das Figurentheater Chemnitz holt einige dieser Gegenstände nun wieder auf die Bühne. Am 3. November feiert der "Aufstand der Dinge" im Rahmen des Festivals "Aufstand der Geschichten" Premiere. MDR KULTUR-Autorin Mareike Wiemann erklärt die Idee hinter dem Theaterstück.

Spielerinnen Mona Krueger, Claudia Acker.
Im ehemaligen Karl-Marx-Stadt wurden Robotron-Computer produziert. Jetzt kehren die Rechner zurück – auf die Bühne. Bildrechte: Nasser Hashemi

Im Archiv des Sächsischen Industriemuseums in Chemnitz lagern Tausende Gegenstände, gut verpackt für die Ewigkeit. Theaterregisseur Mirko Winkel hat hier zusammen mit Museologin Carola Hütcher Objekte für sein neues Stück ausgewählt. Mit dabei ist ein sogenannter "Russentod": Ein zu DDR-Zeiten selbstgebauter Entstörer, der es ermöglichte, Westfernsehen zu empfangen. Für den Regisseur ist es ein idealer Gegenstand für sein Stück.

Ich hab am Anfang so um die 20 Kategorien entwickelt und beim Museum gefragt, ob sie dazu was finden. Zum Beispiel: Gibt es eine Sache, an die sich jeder erinnern kann? Oder gibt es eine Sache, die vielleicht gestohlen wurde. Also nach Sachen, die sofort bestimmte Gefühle auslösen.

Mirko Winkel, Theaterregisseur

Nach 1989 verschwanden Dinge des alltäglichen Lebens

Dinge lösen Emotionen aus. Man kann sich mit ihnen identifizieren oder nicht. Gleichzeitig bringen Dinge und ihre Geschichten nicht die Schwere mit, die menschlichen Schicksalen vorauseilt. Regisseur Winkels Ansatz ist, losgelöst von alten Mustern über die Wende zu reden. Für das Stück "Aufstand der Dinge" hat er unzählige Objekte im Industriemuseum zusammengesucht und von Privatpersonen bekommen. Dinge, die vor 1989 Teil des Alltags waren – und danach nicht mehr.

Unsere Frage ist genau die gleiche, die auch den Menschen vielleicht Anfang der 90er gestellt wurde: Ja, wir brauchen dich jetzt nicht mehr, weil es deinen Beruf nicht mehr gibt. Was kannst du noch?

Mirko Winkel, Theaterregisseur

Die Emanzipation der Dinge

Spielerinnen Mona Krueger, Claudia Acker.
Die Schauspielerinnen Claudia Acker und Mona Krueger (von links) nähern sich den Dingen an. Bildrechte: Nasser Hashemi

Winkel greift sich ein altes Radio von Robotron. "Wir geben diesen Objekten in unserem Stück eine neue Aufgabe. Gemeinsam finden wir eine neue Aufgabe. Und es ist ein Emanzipationsprozess dieser Dinge", sagt der aus Mecklenburg-Vorpommern stammende Regisseur. Er hofft auf einen Emanzipationsprozess der Dinge und einen Kommunikationsprozess für das Publikum. Sein Wunsch ist, dass mit dem Theaterstück Brücken zwischen den Generationen gebaut werden. Abseits der Anekdoten, die auf jeder Familienfeier erzählt werden.

Vom Museums- zum Bühnenstück

Beim Sächsischen Industriemuseum unterstützt man diesen Ansatz. Mitarbeiterin Carola Hütcher hat Regisseur Winkel über Monate bei seiner Objektsuche begleitet und freut sich nun auf die Premiere:

Das Theater hat einen anderen Ansatzpunkt, mit den Dingen umzugehen. Hier werden sie in einer Ausstellung präsentiert. Und dort geht man anders ran, man stellt andere Fragen als wir an das Objekt.

Carola Hütcher, Sächsisches Industriemuseum

Was genau auf der Bühne passieren wird, bleibt offen. Die Spieler werden teilweise improvisieren, und auch das Publikum darf mitmachen, wenn die Objekte von damals wieder zum Leben erweckt werden.

Alltagsgeräte "made in GDR"

Kaffeeboy
Keine Pumpe und kein Hebel zur Erzeugung von Druck – kaputtgehen konnte beim Kaffeeboy kaum etwas. Und wirklich schaden konnte dem robusten Gerät neben Wasserkalk eigentlich nur eines: die Kaffee-Malz-Zichorie-Mischung "Kaffee-Mix". Aber die ist ja inzwischen aus dem Handel genommen. Bildrechte: Conrad Weigert
Diabetrachter Pentacon DB1
Dieser überaus praktische und mit stabiler Mechanik versehene Diabetrachter Pentacon DB1 diente den Freunden der Diafotografie zum schnellen Vorbetrachten ihrer Dias. Bildrechte: MDR/Weigert
Multiboy gelb
Ob Zwiebeln, Nüsse oder Mandeln - der Multiboy zerkleinerte zuverlässig Backzutaten – und macht das oft noch bis heute. Sogar Getreidekörner soll das Multifunktionsgerät hexeln können. Bildrechte: Michael Diel
Kabeltrommel
Unverwüstliche Kabeltrommel mit dem ulkigen Namen "Stromfix Junior 3". Bildrechte: Conrad Weigert
Kaffeeboy
Keine Pumpe und kein Hebel zur Erzeugung von Druck – kaputtgehen konnte beim Kaffeeboy kaum etwas. Und wirklich schaden konnte dem robusten Gerät neben Wasserkalk eigentlich nur eines: die Kaffee-Malz-Zichorie-Mischung "Kaffee-Mix". Aber die ist ja inzwischen aus dem Handel genommen. Bildrechte: Conrad Weigert
Mahlwerksmühle MWM 3
Die Mahlwerksmühle MWM 3 war in vielen Küchen der DDR zu Hause und mahlt bis heute zum Beispiel Kaffeebohnen. Bildrechte: MDR/Weigert
Plattenspieler RFT SP 3001 Hifi
Der Plattenspieler RFT SP 3001 Hifi ist genauso stabil wie sein solides Design vermuten lässt. Und Ersatzteile lassen sich nach wie vor günstig beschaffen. Bildrechte: MDR/Weigert
Reiseschreibmaschine Erika
"Erika"-Schreibmaschinen, hergestellt vom VEB Kombinat Zentronic Schreibmaschinenwerk Dresden, waren in der DDR bereits begehrte Klassiker. Vor allem die kleinen Reisemodelle, wie hier im Bild die "32/42", kamen ohne Elektronik aus und sind daher nahezu unzerstörbar. Bildrechte: MDR/Weigert
Schlagbohrmaschine WMW ESB 16
Der Bohrhammer „WMW ESB 16“ aus dem VEB Elektrowerkzeugbau Eibenstock ist wie viele Werkzeuge made in GDR robust und langlebig. Bildrechte: MDR/Weigert
Feldstecher Dekarem
Der Feldstecher Dekarem aus dem VEB Kombinat Carl Zeiss Jena war so lichtstark, dass er ohne weiteres auch nachts verwendet werden konnte. Bildrechte: MDR/Weigert
Spiegelreflexkamera EXAKTA Varex IIB
Die Spiegelreflexkamera EXAKTA Varex aus dem Hause Ihagee in Dresden war prädestiniert für die makro- und wissenschaftliche Fotografie. Bildrechte: MDR/Weigert
Beirette
Die Beirette: Eine robuste und sehr nutzerfreundliche Kamera mit einem Aluminiumgehäuse. Beliebt als Reisekamera. Bildrechte: MDR/Weigert
Radioempfänger Typ REMA Mono 230
Auch das Radio REMA Mono 230 scheint für die Ewigkeit gebaut zu sein. Für den Anschaffungspreis von 600 Mark dudelt es mit maximal 6 Watt bis heute in Küchen und Wohnzimmern. Bildrechte: MDR/Weigert
AKA Staubsauger HSS20
Der AKA Staubsauger HSS20 war eines der Top-Produkte des VVB Elektrische Konsumgüter. Zwar verfügte er nur über eine Leistung von maximal 400 Watt, dafür saugt er aber bis heute. Und Filtertüten gibt es auch immer noch zu kaufen. Bildrechte: Conrad Weigert
Mixer RG-28
Auch wenn es nach Plastik aussieht, das Gehäuse des Rührgeräts RG 28 ist stabil verschraubt und die Aufnahmen für die Rührstäbe ebenso aus Metall wie die Antriebswelle. Der Mixer ist bis heute ein robuster Küchenklassiker. Und falls er doch einmal kaputt gehen sollte, sind immer noch Ersatzteile erhältlich.
(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR Zeitreise | 25.07.2017 | 21:15 Uhr)
Bildrechte: Gudrun Furche
Alle (14) Bilder anzeigen

Informationen zum Theaterstück "Aufstand der Dinge"
Figurentheater Chemnitz | Schauspielhaus - Kleine Bühne

Aufführungen:
3. November | 16:00 Uhr
5. November | 09:30 Uhr
6. November | 18:00 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. November 2018 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. November 2018, 04:00 Uhr

Mehr Bühne

Kultur in Chemnitz

Szene mit Tommaso Randazzo (König Gonzaga), Katerina Hebelkova (Gertrude), Ina Yoshikawa (Königin Giovanna), Pierre-Yves Pruvot (Claudius), Magnus Piontek (Polonius), Cosmin Ifrim (Laertes) – v.l.
"Hamlet" an der Oper Chemnitz: Tommaso Randazzo als König Gonzaga, Katerina Hebelkova als Gertrude, Ina Yoshikawa als Königin Giovanna, Pierre-Yves Pruvot als Claudius, Magnus Piontek als Polonius und Cosmin Ifrim als Laertes (v.l.n.r.) Bildrechte: Foto: Nasser Hashemi