Literarische Reportage Kupferberg - vom Verschwinden eines Ortes

Der polnische Journalist und Fotoreporter Filip Springer hat die Geschichte des Städtchens Kupferberg in Niederschlesien recherchiert. Er ging in die Archive und sprach mit ehemaligen deutschen und polnischen Bewohnern des Ortes, der in den 70er-Jahren dem Uranbergbau zum Opfer fiel. Sein Buch "Kupferberg. Der verschwundene Ort" erschien in Polen im Jahr 2011 und brachte dem Autor etliche Preise, nominiert war er unter anderem für den renommierten polnischen Literaturpreis "Nike" sowie für den Ryszard-Kapuscinski-Reportagepreis. Jetzt liegt "Kupferberg" auch auf Deutsch vor.

von Mechthild Baus, MDR KULTUR

Buchcover - Filip Springer: "Kupferberg"
Buchcover - Filip Springer: "Kupferberg" Bildrechte: Zsolnay bei Hanser

Auf die Geschichte von Kupferberg bin ich per Zufall gestoßen. Ich schaute mir ein altes Archivfoto an. Darauf war ein Marktplatz zu sehen mit einem Auto, das den Berg hinauffährt. Ein Foto aus der Vorkriegszeit, und ich fragte, wo dieser Ort liegt. Die Antwort hieß: Diesen Ort gibt es nicht mehr. Und ich wollte wissen, warum er verschwunden ist.

Filip Springer in einem Kurzfilm zur Nominierung für den Ryszard-Kapuscinski-Reportagepreis

Kupferberg ist damals eine kleine Stadt am Rande des Riesengebirges, die den Wohlstand in ihrer 700-jährigen Geschichte dem Bergbau verdankt. Doch die Idylle auf dem Foto trügt: Im Untergrund rumort es.

Zum ersten Mal sackt der Erdboden unter Preuß' Schmiede und Reimanns Kaufladen ab. Ein Krater entsteht, so groß, dass ein ganzes Pferdefuhrwerk Platz darin fände. Auch quer über die Häuserzeile – vom Bäcker Flade bis zum Friseur Friebe – hat sich ein Riss im Mauerwerk gebildet, weil Stollen eingebrochen sind.

Zitat aus "Kupferberg"

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird Kupferberg zu Miedzianka

Filip Springer
Filip Springer Bildrechte: MDR/Peggy Wolter

Filip Springer, Jahrgang 1982, erzählt die Geschichte von Kupferberg, das nach dem Krieg zu Miedzianka wird: Als die polnischen Umsiedler aus dem Osten ankommen, während die deutschen Bewohner vertrieben werden. Eine kleine Stadt, die nur scheinbar fern vom Weltgeschehen liegt.

"Ich dachte, dass es im heutigen Deutschland sicher Menschen gibt, die früher an diesem Ort gelebt und aufgeschrieben haben, wie es dort zuging. Also fing ich an, nach ihnen zu suchen. Und so, im Gespräch mit ihnen, hat sich mir die Geschichte dieser Stadt erschlossen", erzählt Springer. Etwa nach Kriegsende, als es der Apotheker – zur Hälfte ist er jüdischer Abstammung, hat gerade die NS-Zeit überstanden – mit den Besatzern zu tun bekommt:

Die Russen kommen in Kurt Hänischs Apotheke und fordern Spiritus aus seinem Labor. Der Apotheker weigert sich, erklärt, ohne Spiritus könne er weder Arzneien herstellen, noch Wunden versorgen. (…) Sie holen ihn mit einem Wagen ab, misshandeln ihn schwer. Nach einer Woche kehrt er zurück, wenige Tage später ist er tot.

Zitat aus "Kupferberg"

Vielstimmig und spannend erzählt

Ein Bergarbeiter 1990 unter Tage in einem Schacht der Wismut
Uranbergbau: Ein Bergarbeiter 1990 unter Tage in einem Schacht der Wismut Bildrechte: dpa

Springer beleuchtet die Ereignisse in Kupferberg in vielen einzelnen Momentaufnahmen, fügt Anekdoten ein, schildert Einzelschicksale im Städtchen. Vor allem aber lässt er die Bewohner, Deutsche wie Polen, selbst zu Wort kommen, ihre verschiedenen, sich teils widersprechenden Sichtweisen. So entsteht ein vielstimmiger, spannender Erzählfluss.

Die bedrückendsten Kapitel handeln von der Nachkriegszeit, als die Russen in Miedzianka Uran abbauen lassen. Unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen: Kein Bergmann darf auch nur das kleinste Bröckchen Gestein mit aus dem Stollen nehmen.

Am Tor stehen Soldaten mit Detektoren. Knackt ein Detektor, rollen sie Ärmel herab, durchsuchen Jacken- und Hosentaschen. Wenn sie etwas finden, verschwindet der Betreffende. Man raunt sich Geschichten von Männern zu, die ihre Kleidung nicht gründlich genug ausgebeutelt haben. Diese Leute hat später niemand mehr gesehen, bestimmt sind sie nicht mehr am Leben.

Zitat aus "Kupferberg"

Aus Kupferberg wird eine Geisterstadt

Nachdem die Sowjets das Bergwerk in den 50er-Jahren geschlossen haben, tun sich in der durchlöcherten Erde immer mehr Krater auf, die Menschen beginnen wegzuziehen. Vier Blöcke in einem Plattenbauviertel – dort entsteht das neue Miedzianka. Auf dem Berg bleibt die alte Stadt mit ihren verfallenden Häusern zurück, in Fotos festgehalten von einem Besucher aus Deutschland.

Man sieht sofort, dass die Fotos niemand von hier gemacht hat, einem Einwohner wären solche Fotos sicher peinlich gewesen, oder er hätte gar keinen Sinn darin gesehen, Ruinen abzulichten. Nein, diese Farbaufnahmen hat jemand gemacht, der hergekommen ist, um zu überprüfen, ob die Stadt noch existierte und in welchem Zustand sie war.

Zitat aus "Kupferberg"

Miedzanka, das frühere Kupferberg, erzählt Filip Springer, wird zur Geisterstadt und in den 70er-Jahren schließlich ganz abgerissen. Seine literarische Reportage ist ein packendes Buch geworden über den Verlust eines Ortes, über die Sehnsucht nach Heimat und die Kraft der Erinnerung.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 15. Januar 2020 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Januar 2020, 04:00 Uhr

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