Dokfilm "Bitte nach Mitte!" Warum die Schauspielschule "Ernst Busch" eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte ist

Die Schauspielschule "Ernst Busch" in Berlin sollte nach der Wende abgewickelt werden. Das wurde verhindert und die Talenteschmiede zählt bis heute zu den renommiertesten deutschsprachigen Bühnenausbildungsstätten. Im Dokumentarfilm "Bitte nach Mitte!" erzählen Absolventen wie Leander Haußmann, Lars Eidinger, Nina Hoss, Mark Waschke, Thomas Ostermeier oder Rainald Grebe ihrer Zeit an der "Ernst Busch", vom Kampf, der dazu führte, dass die Hochschule heute ihren Platz in einem Neubau im Herzen von Berlin, erhalten hat. Dazu im Gespräch ist die Regisseurin Anne Osterloh.

Schauspielschule mitte Berlin 5 min
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MDR Kultur - Filmmagazin Sa 23.11.2019 00:45Uhr 05:23 min

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MDR KULTUR: Gibt es einen Tenor in der Wahrnehmung der Schauspielschule "Ernst Busch", der die Generationen verbindet?

Thomas Ostermeier und Mark Waschke 2 min
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Ein Film über die Schauspielschule "Ernst Busch" von Anne Osterloh.

Do 21.11.2019 21:25Uhr 01:38 min

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Anne Osterloh: Ja, auf alle Fälle. Es ist irgendwie so eine Gemeinschaft, die man vielleicht gar nicht so richtig greifen kann, die jetzt nicht so oberflächlich ist. Aber man hat so gleiche Wurzeln. Das merkt man, egal, in welcher Generation auch die Interviews stattgefunden haben. Ob das jetzt vor oder nach der Wende war. Am Ende sind sie irgendwie mit etwas vereint, was man gar nicht so genau benennen kann. Rainald Grebe sagt so witzig: "Als hätte man in Harvard studiert" – also man hat so einen Bund.

Es ist natürlich auch ein Klang: "an der Ernst Busch" – und alles andere ist dann erst mal zweite oder dritte oder vierte Reihe. Die Schule stand nach der Wende vor dem Aus. Sie sollte mit der Hochschule der Künste, heute die Uni der Künste, im Westen zusammengelegt werden. Aber Schüler und Lehrer haben für die "Ernst Busch" gekämpft. Für die Einzigartigkeit dieser Schule im Osten. Wie symptomatisch war das im Ringen um so eine Identität? Auch in der, sagen wir mal, neuen Zeit?

Ich glaube – sogar jetzt, nach dem Filmemachen, dem sich damit zu befassen und zu beschäftigen – dass genau dieses Immer-wieder-angegriffen-Werden dazu geführt hat, dass man sich noch mal ganz neu besonnen hat auf das, was man hat und was man ist und was man geschaffen hat. Und das ist irgendwie schön beim Zugucken.

Anne Osterloh
Anne Osterloh ist nicht nur Regisseurin, als Schauspielerin wirkt sie in Film und Theater, so wie hier 1997 am Theater Stralsund Bildrechte: dpa

Also, dass man so 'ne Kraft gefunden hat, das ist ja nun eigentlich irgendwie auch 'ne gute Geschichte aus dem Osten, kann man sagen. Eine Schauspielschule, die '51 in Schöneweide angesiedelt wurde, um nah bei den Arbeitern zu sein - Kabelwerk Oberspree und so weiter - hat es dann sozusagen bis in die Mitte der Stadt geschafft jetzt. Genau in die teuerste Ecke von Berlin. Da sitzt sie jetzt mittendrin und hat sich da breitgemacht, sag ich mal. Das ist interessant.

Also einer der wenigen Fälle, wo der Osten sich durchgesetzt hat. Es gibt ja nicht allzu viele Beispiele.

Die Schauspielerin Nina Hoss unterstützt die Studenten der Schauspielschule «Ernst Busch».
Die Schauspielerin Nina Hoss 2012 bei einer Demonstration von Studenten der Schauspielschule "Ernst Busch" für einen Neubau der Hochschule Bildrechte: dpa

Ja, das ist wirklich gut. Weil – das war mir gar nicht so klar beim Machen, das habe ich auch selber gar nicht so empfunden vorher – aber das ist eine Erfolgsgeschichte. Und zwar eine von der Basis. Das sind ja die Studierenden, die dafür gekämpft haben, immer wieder. Ob das '95 war wegen der Zusammenlegung, ob das 2012 war wegen dem Neubau. Da haben sich die Studierenden rausgelehnt aus dem Fenster, sind auf die Straße gegangen, haben gekämpft. Und das prägt natürlich auch.

Und das ist übrigens auch das, was die Schule so ausmacht. Dass sie nicht nur Theaterschaffende ausbildet, die irgendwie Künstler sind, sondern die zur Gesellschaft stehen. Die sich damit reiben und die auch was wollen.

Gehört denn der Kampf, also das Ringen, zur DNA der Schule?

Hochschule für Schauspielkunst in Berlin
Der alte Standort der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin-Schöneweide Bildrechte: dpa

Ja, glaube ich schon. Weil, wenn ich an unsere Zeit denke, wir sind ja die Studenten, die noch Ende der Achtziger studiert haben, also quasi schon zum Ende hin der DDR. Was wir natürlich nicht wussten, keiner von uns so richtig. Aber geahnt haben wir es irgendwie doch. Und da haben wir uns natürlich ganz anders gerieben, mit anderen Sachen. Bis hin, dass wir das Diplom noch nicht bekommen sollten, weil wir irgendwas in unsere Abschlussinszenierung eingebaut haben, was politisch nicht stimmte. Das war ja im Sommer '89. Damit haben wir uns gerieben. Und danach haben die sich eben weiter mit anderen Sachen auseinandergesetzt. Also, ich glaube, es gehört zur DNA.

Uninteressiert am gesellschaftlichen und politischen Leben darf man nicht sein, damals nicht und heute auch nicht?

Ne!

Sie haben ja für ihren Film auch Archivaufnahmen und Fotos verwendet. Das Herzstück sind die Statements und Geschichten. Wie waren denn die Reaktionen der Ehemaligen auf die Anfragen zum Film?

Also alle eigentlich positiv und schnell dabei, weil sie ihr Herz da haben. Gerade Lars Eidinger, dem war es eine richtige Herzensangelegenheit, da was zu sagen. Alles was er gesagt hat, hat mich auch unheimlich berührt. Er war für mich auch eine absolute Interviewentdeckung, weil er so ein ganz nahes Verhältnis zur Schule und zu dieser Lehre da hat.

Mit einem "öffentlichem Fechtunterricht" protestieren Studenten der Schauspielschule "Ernst Busch" vor dem Roten Rathaus gegen die geplante Integration des Ausbildungsinstituts in die Hochschule der Künste in Berlin.
Unter anderem mit einem "öffentlichem Fechtunterricht" protestierten Studenten der Schauspielschule "Ernst Busch" in den 90er-Jahren erfolgreich gegen die geplante Integration des Ausbildungsinstituts in die Hochschule der Künste Berlin Bildrechte: dpa

Apropos Lehre, da ist im Film auch die Rede von der "Methode der Schule". Was ist denn das Besondere an der "Ernst Busch"?

Genau – eine Zaubererschule – das ist gut! Ich glaube, man kann das nicht runterbrechen auf einen Satz. Das könnte ich gar nicht. Es ist eine Vielzahl von Sachen, die entwickelt wurden. Und, wie es so schön im Film auch gesagt wird: Die Dozenten haben eben immer mehr versucht, ihres zu entwickeln. Das hat viel mit Sprecherziehung zu tun, viele körperliche Sachen, viel aber auch Reibung mit dem Text, also sich auseinanderzusetzen mit Texten. Nicht einfach nur: so innen irgendwas fühlen, auf die Bühne und los, sondern sich wirklich zu verhalten zu den Dingen. Und ich glaube, das könnte die Methode sein. Sich wach damit auseinanderzusetzen und wirklich auch mit Techniken zu arbeiten. Vielfältig zu sein, viele Sachen zu können. Und das ist auch das, was ich jetzt für mich selber so sagen kann. Deswegen kann ich 30 Jahre Schauspielerin sein, weil ich das gelernt habe.

Das Interview führte Annett Mautner, MDR KULTUR.

Angaben zum Film "Bitte nach Mitte!""Bitte nach Mitte! – Die Schauspielschule "Ernst Busch" zieht um

Dokumentarfilm von Anne Osterloh
Produktion: moving-angel GmbH

Mit Leander Haußmann, Lars Eidinger, Nina Hoss u.a.
Dauer: 62 Minuten

Kinostart: 21.11.2019

Intendantenbefragung von MDR KULTUR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. November 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2019, 21:40 Uhr

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