Zum Kinostart "Das geheime Leben der Bäume" bedient nur den Wohlleben-Hype

Mehr als ein Dutzend Bücher hat er geschrieben. Dann landete er einen Bestseller. Die Rede ist von Peter Wohlleben und seinem Buch "Das geheime Leben der Bäume". In ihm beleuchtet der inzwischen wohl bekannteste Förster Deutschlands das, wie er es nennt, "Sozialleben" der Bäume. Jetzt ist eine Bestsellerverfilmung entstanden, der die Thesen von Peter Wohlleben vorstellt. Hartwig Tegeler stellt den Film vor, der ihn einigermaßen irritiert hat, weil er einen Film über Wald und Bäume erwartete.

von Hartwig Tegeler, MDR KULTUR-Filmkritiker

Bäume und darüber der Schriftzug Wussten Sie, dass Bäume kommunizieren? 2 min
Bildrechte: Constantin Film

Do 23.01.2020 12:00Uhr 01:39 min

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Peter Wohlleben ist ein äußerst sympathischer Mann. Das wird in Jörg Adolphs Verfilmung des Bestsellers von Peter Wohlleben mit dem Titel "Das geheime Leben der Bäume" sofort deutlich. Sehr deutlich. Wobei es bei diesem Dokumentarfilm mit diesem Titel die zunächst absurd erscheinende Frage zu stellen gilt, ob es im Kern tatsächlich um die Bäume und den Wald geht oder um die Verlängerung eines Medienhypes, der seit der Veröffentlichung des Buches 2015 allein in Deutschland 1,3 Millionen Leser gefunden hat? Eine rhetorische Frage, ich gebe es zu.

Die Gemeinschaft der Bäume als Ausgangspunkt

Peter Wohlleben, Förster und erfolgreicher Buchautor.
Peter Wohlleben ist Förster und erfolgreicher Buchautor. Bildrechte: 2019 Constantin Film Verleih GmbH

Peter Wohlleben formuliert in Buch und Film eine Botschaft zusammen mit einer grundsätzlichen Kritik an der Forstwirtschaft. Ausgangspunkt ist dabei die Idee des Waldes, also die der Gemeinschaft der Bäume, als sozialer, kommunikativer, ja, im Extremfall gar emphatischer Lebensraum. "Ein Superorganismus", wie Wohlleben meint. Wir sehen Wohlleben im Film an einem alten, knorrigen Baumstumpf; der Förster erklärt die spezifischen Organisationsstrukturen dieses Miteinander zwischen den Bäumen, wie er es versteht: "Doch wie konnten sich die überlebenden Reste so lange halten? Schließlich verbrauchen die Zellen Nahrung in Form von Zucker. Ohne Blätter und damit ohne Fotosynthese ist das aber unmöglich. Bei diesem Exemplar war es aber jedoch ganz offensichtlich anders. Es bekam Unterstützung von den Nachbarbäumen. Die umgebenden Buchen pumpten ihm Zuckerlösung zu, um ihn am Leben zu halten."

Dass Bäume sich über die Wurzeln zusammenschließen, kann man manchmal an Wegböschungen sehen.

Peter Wohlleben, Förster

Verständnislose Reaktionen der Wald- und Forstwissenschaft

Nahaufnahme einer Baumwurzel.
Peter Wohlleben erklärt, dass Bäume sich gegenseitig unterstützen. Bildrechte: 2019 Constantin Film Verleih GmbH / nautilusfilm

Hanno Charisius hat jetzt in der Süddeutschen Zeitung mit der bösen wie treffenden Überschrift "Im Märchenwald" die kritischen bis verständnislosen Reaktionen der Wald- und Forstwissenschaft auf die Thesen von Peter Wohlleben zusammengetragen. "Hanebüchen", "romantisches Wunschdenken" würde die kurze Zusammenfassung lauten. Und beim Beispiel des alten Baumstumpfs ginge es weniger um ein soziales Verhalten der Flora, denn um einen Parasiten und einen Schmarotzer. Auch dem Nicht-Wissenschaftler fällt beim Buch wie jetzt beim Film auf, wie Peter Wohlleben menschliche Begriffe, Eigenschaften, Emotionen, ja, menschliches Bewusstsein auf Bäume bzw. den Wald überträgt oder auch: projiziert. Also die drei eng zusammenstehenden Eichen an der Landstraße zwischen Wohllebens Heimatort und dem nächsten Dorf. Also drei Bäume mit identischen Umweltbedingungen, die zu unterschiedlichen Zeiten beim anstehenden Winter die Blätter abwerfen.

Offenbar entscheidet das jeder der drei Bäume anders. Zwei Eichen sind etwas mutiger, und der dritte Baum ist ein wenig ängstlicher oder – positiv ausgedrückt – vernünftiger.

Peter Wohlleben, Förster

Eine echte Einmann-Show

Autor Peter Wohlleben am 21.10.2016 auf der Frankfurter Buchmesse.
Peter Wohlleben bespricht auf der Frankfurter Buchmesse eines seiner Bücher. Bildrechte: IMAGO

"Mutig", "ängstlich", "vernünftig" – bitte? Klassischer Anthropomorphismus, den Wohlleben hier betreibt. Aber das ist offensichtlich bei der naturliebenden Leserschaft gut angekommen. Und beim Film? Der beginnt nun nicht mit Bildern des Waldes, sondern mit dem Auftritt des "bekanntesten deutschen Försters" in einem Rundfunkstudio, in dem er über sein Buch spricht. Zu sehen sein werden dann außerdem sein PR-Auftritt in der NDR-Talkshow oder bei Markus Lanz. Dann sehen wir Peter Wohlleben, wie er für interessierte Laien Waldspaziergänge macht. Dann ist er bei den Protesten am Hambacher Forst, beim ältesten Baum der Welt und in einem Urwald in Polen. Zwischendurch spricht er kleine Lehrinfos in sein Handy. Wir beobachten ihn dabei und die Handy-Aufnahme ist zusätzlich im großen Kinobild zu sehen. Eine echte Einmann-Show. Nur die Bäume, ihre Biologie oder auch – um Wohlleben ein Stück des Waldweges zu folgen – ihre angebliche Soziologie taucht eher nur am Rande auch. Jan Haft, einer der bekanntesten deutschen Naturfilmer, hat einige Sequenzen zum Film beigesteuert, in denen wir sehen, wie – à la BBC-Doku "Unsere Erde" oder "Unser Planet" –, aus einem Samen auf dem Waldboden – gefilmt [the state of the art] im Zeitraffer – das erste Blatt hervorbricht. Sieht schön aus. Vor allem das. Alles irgendwie da in diesem Film "Das geheime Leben der Bäume".

Geht es um den Wald oder den Autor?

Ein Herbstwald aus der Vogelperspektive.
Filmaufnahme aus "Das geheime Leben der Bäume". Bildrechte: 2019 Constantin Film Verleih GmbH / nautilusfilm

Über Wohllebens verführerische Grundthese, dass Bäume irgendwie wie Menschen kommunizieren, ließe sich kräftig streiten, auch wenn man kein Wissenschaftler, sondern nur ein an der Natur Interessierter ist. Das scheint aber nach diesem Film eben nicht möglich, weil er weniger von Wald und Bäumen handelt, sondern von einem Bestsellerautor. Peter Wohllebens Plädoyer, eine nachhaltige Forstwirtschaft zu betreiben und die industrielle Ausbeutung des Waldes zu beenden, wird in diesem Film weder überzeugend, noch verständlich, noch nachvollziehbar. Weil es eher vor allem um das Reiten des Wohlleben-Hypes geht.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. März 2019 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Januar 2020, 14:02 Uhr

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