Benedikt Funke und Titus Molkenbur
Crewmitglieder der "Iuventa": Benedikt Funke und Titus Molkenbur Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dokumentarfilm "Iuventa": Wie ein Fischkutter 14.000 Geflüchtete rettet

Um das Rettungsschiff "Lifeline" wir im Moment heftig gestritten. Das Schiff, dass Tausende Menschen aus dem Mittelmeer rettete, liegt in Malta vor Anker, der Kapitän ist angeklagt und ganz Europa diskutiert die moralische Frage: Retten oder nicht? Die "Iuventa" ist ein ähnliches Schiff, welches Tausende Geflüchtete aus Seenot rettete. Ein Dokumentarfilm begleitete die "Iuventa" bei ihrer Mission im Mittelmeer. Der Film läuft im Sommer in ausgewählten Kinos in Leipzig, Magdeburg, Dresden und Halle. MDR KULTUR sprach mit zwei Protagonisten, Benedikt Funke, Kapitän und Titus Molkenbur, ebenfalls Crewmitglied und Koordinator der Aktion.

Benedikt Funke und Titus Molkenbur
Crewmitglieder der "Iuventa": Benedikt Funke und Titus Molkenbur Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR KULTUR: Die "Iuventa" ist ein hochseetauglicher umgebauter Fischkutter, um damit Menschen im Mittelmeer zu retten, die in Seenot geraten sind. Der Unterschied zur "normalen" Seenot ist ja, dass sich Menschen von einem untergehenden Schiff retten. Hier begeben sich Menschen bewusst vom afrikanischen Festland auf See. Was denken Sie darüber?

Titus Molkenbur: Aus seerechtlicher Perspektive ist Seenot Seenot. Ein Boot, das sinkt und das rettende Festland niemals allein erreichen könnte, ist ein Seenotsfall und wir müssen die Menschen retten. Das ist ganz klar. Das gilt auch für alle Schiffe der Italiener, der Deutschen und der internationalen Marine. Die Beweggründe der Menschen, sich auf den Weg zu begeben, sind ganz vielfältig. Ein vereinender Faktor ist, dass alle Menschen aus Libyen von unglaublichem Leid erzählen - in Lagern eingepfercht, wo Frauen vergewaltigt werden, wo es willkürliche Tötungen gibt. Auch deutsche Diplomaten sprechen von KZ-ähnlichen Zuständen. Die Menschen nach Libyen zurückzubringen verbietet das Völkerrecht und das war auch für uns immer eine rote Linie. Insofern: Ja, wir mussten die Menschen retten und in einen sicheren Hafen bringen. Und der einzig sichere Hafen ist tatsächlich Europa.

MDR KULTUR: Gehen wir mal in die Geschichte. Im Herbst 2015, genau gesagt am 3. Oktober, gründet sich in Berlin die Initiative "JUGEND RETTET". Über eine Crowdfunding-Kampagne kaufen Sie das Schiff. Im darauffolgenden Jahr, 2016, startet ihr Schiff von Malta aus zu seiner ersten Mission. Was hat Sie bewogen, mitzumachen?

Benedikt Funke
Benedikt Funke Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Benedikt Funke: Ich bin Seemann von Beruf und habe die Geschehnisse im Mittelmeer schon länger besorgt verfolgt. Spätestens nachdem "Mare nostrum", die staatliche italienische Seenotrettung eingestellt wurde und es zu diesen großen Unglücken kam - und sich gleichzeitig die Diskussion in eine Richtung verschob, wo man offen gefragt hat, ob man diese Menschen retten soll oder nicht. Da war für mich klar, einerseits als Seemann, dass niemand auf See ertrinken sollte, und andererseits als europäischer Bürger, dass wir hier ein klares Zeichen für Menschenwürde setzen müssen.

Als Seemann und als Europäer musste ich ein Zeichen für die Menschenwürde setzen.

Benedikt Funke, Kapitän der "Iuventa"

MDR KULTUR: Am 1. August wird die "Iuventa" nach Lampedusa beordert und "präventiv beschlagnahmt" - der Vorwurf lautet, dass Sie mit Schlepperbanden kooperieren würden, dass Sie die Rettungsboote zurück in libysche Gewässer transportieren würden. Eine Anklage ist jedoch bis heute nicht erfolgt. Was ist mit dem Schiff jetzt los? Liegt es immer noch in Lampedusa? Was macht die Crew?

Titus Molkenbur
Titus Molkenbur Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Titus Molkenbur: Das Schiff wurde tatsächlich von den Italienern nach Trapani gebracht und liegt seitdem dort an der Kette. Den Crewmitgliedern geht es gut, alle sind wieder in Deutschland. Der Vorwurf, dass wir mit Schleppern zusammengearbeitet haben sollen, beruht auf Indizien. Es wurde noch keine Anklage gegen Crewmitglieder eröffnet. Seit acht Monaten warten wir auf eine tatsächliche Begründung. Wir haben die Dokumente Journalisten und einer Forschungsgruppe der Universität London vorgelegt, die viele der Vorwürfe widerlegen konnten. Dass im Moment die Seenotretter auf Malta daran gehindert werden, zeigt uns, dass es eine geballte politische Kampagne gegen zivile Retter war. Weil nicht gewünscht wird, dass die Menschen nach Europa gebracht werden. Europa setzt auf Abschottung.

MDR KULTUR: Jüngst kam ein anderer Dokumentarfilm über Geflüchtete ins Kino: "Eldorado" von Markus Imhoof. Er lief auch zur Berlinale. Und er zeigt, wie die Mittelmeerflüchtlinge dann auf den Feldern in Italien als Arbeitssklaven arbeiten. In Zeltstädten in katastrophalen hygienischen Verhältnissen. Wie gehen Sie damit um, dass die von Ihnen Geretteten dann in solche Verhältnisse geraten können?

Benedikt Funke: Da kann man ganz gut die Brücke schlagen zu unserem Film, weil auch Szenen vorkommen, in denen wir Gerettete nach einem halben Jahr in Sizilien besuchen. Das waren minderjährige Unbegleitete. Man hatte den Eindruck, dass die dort zwar menschenwürdig selbstverständlich untergebracht waren, aber dass da auch nur die Zeit abgelaufen ist und für die Menschen nicht wirklich gesorgt wurde, man vielleicht gewartet hat, bis sie volljährig sind und ihren Schutzstatus verlieren. Das hat mir gezeigt, dass im Kern keine europäische Lösung da ist, dass die Solidarität innerhalb Europas fehlt und Italien allein gelassen wurde. Die Debatte wird über die Seenotrettung geführt, in Wahrheit müssten wir aber klären, was wollen wir mit diesen Menschen machen? Wie wollen wir mit Migration umgehen?

MDR KULTUR: Würden Sie das heute nochmal tun und auf einem Rettungsschiff anheuern?

Titus Molkenbur: Ja. zu merken, dass man tatsächlich etwas verändern kann, dass wir mit dieser Energie und Naivität gestartet sind und auf einmal 14.000 Menschen aus dem Wasser gezogen haben - ich bin da wahnsinnig stolz drauf. Für mich steht die "Iuventa" für eine Utopie.

Benedikt Funke: Ich war vor wenigen Monaten wieder auf der "Aquarius", einem anderen Schiff unterwegs und ich würde selbstverständlich auch jederzeit wieder gehen. Ich würde mir aber wünschen, dass es nicht nötig wäre.

Über "Iuventa" Regisseur Michele Cinque verfolgt mit seinem Film über ein Jahr lang das Leben der Initiative "JUGEND RETTET": Junge, engagierte Menschen kauften mittels Crowdfunding-Kampagne einen alten Fischkutter und bauten ihn zum Rettungsschiff "Iuventa" um. Ihr Ziel: die Rettung geflüchteter Menschen im Mittelmeer. Die Dokumentation fängt die gesamte Spanne der Mission ein, vom in See stechen bis zu dem Punkt, an dem das Vorhaben mit der politischen Realität kollidiert.

Magdeburg: 19. Juli, 19:30 Uhr im Studiokino
Halle: 24. Juli, 18:30 Uhr im Puschkino
Dresden: 12. August, 20 Uhr im Programmkino Ost

Zuletzt aktualisiert: 06. August 2018, 10:44 Uhr

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