Kinostart Der Film "Nationalstraße" ergründet, wie man ein Wutbürger wird

In vielen Ländern nimmt der Rechtspopulismus zu - und die Bereitschaft zur Gewalt. Doch wie sieht es in den Köpfen der Menschen aus? Dieser Frage ging der tschechische Autor Jaroslav Rudiš bereits 2013 in seinem Roman "Národní Třída" nach, den jetzt der Regisseur Štěpán Altrichter unter dem gleichnamigen Titel "Nationalstraße" auf die Kinoleinwände bringt. Er zeigt, dass man dieses Thema auch mit Humor angehen kann.

Hynek Cermak (l) als Vandam und Jan Cina als sein Freund Psycho in einer Szene des Films "Nationalstrasse" (undatierte Filmszene).
Hynek Čermák (l) als Vandam und Jan Cina als sein Freund Psycho in einer Szene des Films "Nationalstrasse" Bildrechte: 42film GmbH/dpa

Guten Morgen, ihr Arschlöcher! - Man nennt mich Vandam. Weil ich 200 Liegestütze am Stück mache. Wie van Damme.

Zitatausschnitt aus dem Film "Nationalstraße"
Jaroslav Rudiš auf der Leipziger Buchmesse 2019
Jaroslav Rudiš auf der Leipziger Buchmesse 2019 Bildrechte: MDR/Stephan Flad

Vandam ist einer jener Typen, die die Wende vor 30 Jahren irgendwo in der Platte zurückgelassen hat. Wie so viele im postsozialistischen Europa. Vandam ist Tscheche und lebt in der Prager Nordstadt. Am liebsten in der Kneipe Severka. Weil sie nur da wissen, wer er wirklich ist: "Da kommt Vandam, unser Nationalheld!", heißt es im Film. Auch Jaroslav Rudiš kennt ihn gut. Er ist in seinem Roman "Nationalstraße" in Vandams Gedankenwelt eingetaucht und hat mit Regisseur Štěpán Altrichter das Drehbuch zum gleichnamigen Film geschrieben.

"Das ist ein Schläger, ein Hochstapler, ein bisschen, aber auch ein belesener Schläger. Und eine tragische Figur", sagt Jaroslav Rudiš.

Dieser Mensch ist wie eine Sollbruchstelle der ganzen Gesellschaft. Und deshalb ist, glaube ich, das Buch so populär geworden, weil es auf einmal in ganz Europa diese Spaltung in diese Lager gab, und Vandam einfach genau an dieser Sollbruchstelle steht.

Štěpán Altrichter, Regisseur
Filmszene aus dem Film - Nationalstrasse. Frau und Mann auf Straße schauen am Abend nach oben. Er zeigt ihr etwas. 2 min
Bildrechte: Jan Hromadko

Di 09.06.2020 15:25Uhr 01:39 min

https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/video-radio/video-nationalstrasse-trailer-100.html

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Ein Wutbürger prügelt den Sandsack

Spannend ist darum die Frage, wie er wurde, was er ist: Ein echter Wutbürger, der schlagkräftig einfordert, was man ihm 1989 versprochen hat. Und die Verheißung der samtenen Revolution aus einem Sandsack in den tschechischen Nationalfarben heraus zu prügeln versucht. Jene Revolution, die er einst, so lautet der Kneipen-Mythos, mit angezettelt haben soll:

Das ist die Nationalstraße, da hast du den Krieg losgetreten? - Welchen Krieg? Du Penner? - Na den damals, gegen diese roten Socken, du weißt schon, damals, Alter? Da mit diesem Havel, Alter! Die warme Revolution. - Von welcher warmen Revolution redest du Blödmann?

Zitatausschnitt aus dem Film "Nationalstraße"

Der Finger ist am Abzug

Der Mythos lebt, ist aber kaum wieder zu erkennen. Rechte Legenden- und Lagerbildung bestimmen das Klima, in dem die Verlierer dieser Wende radikal gegen alles Krieg führen, das in ihre kleine abgeschottete Welt zu dringen versucht. Egal ob der Gastarbeiter in der Firma oder die Wildsau in der Platte: Der Finger ist immer am Abzug.

Natürlich ist er ein Arschloch und politisch steht er ganz woanders als ich. Gleichzeitig wollten wir ihn nicht verurteilen. Wir wollten diese Ambivalenz halten. Das fand ich spannend.

Štěpán Altrichter, Regisseur

Im Film erhebt Vandam sein Glas auf "Wahrheit und Liebe". Altrichter erklärt: "Der Präsident der Ersten Republik zwischen den beiden Weltkriegen hat gesagt: 'Pravda vítězí - die Wahrheit siegt'". "Und dann stand das auf dem Wappen von Tschechien", ergänzt Rudiš: "Václav Havel hat das erweitert in 'Liebe und Wahrheit'". 

Die Kneipe als Bollwerk gegen das Fremde

Stepan Altrichter
Štěpán Altrichter, Regisseur Bildrechte: dpa

Revier, Ressentiment und Kneipe sind Heimat: ein Bollwerk gegen das Fremde. Doch globale Entwicklungen machen vor den Stadtgrenzen nicht halt. Ein Spekulant hat es auch auf die Severka abgesehen: Die Kneipe, die auch noch der Frau gehört, die Vandam liebt. Rudiš: "Also diese Gemeinschaft in der Gaststätte oder eine Gemeinschaft in dem Gasthaus, das war mir auch wichtig. Das ist in der Tat seine Familie. Der hat niemand, das ist auch ein Film über Einsamkeit sozusagen."

Die Gesellschaft teilt sich in Gewinner und Verlierer

Ein letztes Mal zieht Vandam in eine Schlacht, die längst entschieden ist. "Die Geschichte seit der Wendezeit war einfach", erklärt Altmeiser: "Von einer sehr homogenen Gesellschaft hat sich die Gesellschaft in zwei Teile geteilt, in Gewinner und Verlierer. Und die Gewinner leben auf Kosten von den Verlierern."

Wir haben uns viel zu viel mit Kapitalismus, mit Konsum auch beschäftigt und viel zu wenig diese Freiheit geschätzt, was wir da wirklich gewonnen haben.

Jaroslav Rudiš, Schriftsteller

Hynek Cermak als Vandam in einer Szene des Films "Nationalstrasse" (undatierte Filmszene).
Vandam (Hynek Čermák) vor seiner Lieblingskneipe Severka - Szene aus dem Film "Nationalstrasse" Bildrechte: 42film GmbH/dpa

Informationen zum Film: "Nationalstraße"
Nach dem Roman von Jaroslav Rudiš
Drehbuch: Jaroslav Rudiš und Štěpán Altrichter
Genre: Komödie, Drama
Regisseur: Štěpán Altrichter
Es spielen u. a.: Hynek Čermák, Jan Cina, Kateřina Jandáčková
Produktionsland: Deutschland, Tschechische Republik

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 11. Juni 2020 | 22:05 Uhr