Kinofilm "Rocketman" – noch besser als "Bohemian Rhapsody"

Bei den Filmfestspielen in Cannes feierte der Film seine schillernde Weltpremiere. Dexter Fletcher hat mit "Rocketman" einen Film über die Musiklegende Elton John gedreht. Und was für einen, sagt MDR KULTUR-Filmkritikerin Anna Wollner.

von Anna Wollner, MDR KULTUR

Film  Still "Rocketman" 1 min
Bildrechte: Paramount

Mo 27.05.2019 17:13Uhr 01:05 min

https://www.mdr.de/kultur/video-304490.html

Rechte: Paramount Pictures

Film  Still "Rocketman" 1 min
Bildrechte: Paramount

Mo 27.05.2019 17:13Uhr 01:05 min

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Rechte: Paramount Pictures

Video

Man muss schon zweimal hinhören und auch zweimal hinsehen. Da sitzt ein junger Mann in weißer Latzhose und glitzerndem Sternchen-Sweatshirt mit einer übergroßen weißen Sonnenbrille am Klavier des "Troubadour"-Clubs in Los Angeles und rockt im wahrsten Sinne des Wortes die Massen.

Der junge Mann ist Schauspieler Taron Egerton, der hier natürlich Elton John verkörpert und alle Songs im Film selbst singt – und damit den Liedern neues Leben einhaucht, sie neu interpretiert und immer wieder zeigt, dass er im Film von Regisseur Dexter Fletcher nur eine Interpretation von Elton John sein kann. "Dexter, ich und Charles saßen in den Abbey Road Studios und haben uns eingemacht vor Lachen", erzählt Egerton. "Wir hatten eine großartige Zeit. Wir haben gemeinsam an den Songs gearbeitet und wollten sie zu unseren machen. Wir wollten authentisch und treu sein. Mit einigen haben wir richtig gespielt, aber wir hatten immer Eltons Segen."

Film mit Elton Johns Segen

Elton John
Der echte Elton John Bildrechte: dpa

Elton Johns Segen – den gab es für Fletcher und Taron Egerton. Elton John hat den Film mitproduziert. Dabei ist "Rocketman" ist kein klassisches Biopic im traditionellen Sinne einer Künstlerbiographie, sondern vielmehr ein fantasievolles, verkitschtes, überbordendes Musical – und ein Psychogramm über einen jungen Musiker auf dem Weg zum Weltruhm.

Regisseur Dexter Fletcher macht aus den ersten Karrierejahren von Elton John eine Art schillernde Therapiesitzung mit Familienaufstellung – immer wieder gebrochen mit Musicalmomenten, die sich disharmonisch in die Handlung einfügen. Auf dem Tiefpunkt seiner Karriere sitzt Elton John mit einem pailettenbesetzten orangenen Teufelskostüm in einer Gruppentherapie und arbeitet sich an seinen Eltern, seinem Manager und Ex-Freund John Reid und der eigenen Karriere mit allen Höhen und Tiefen ab. Im Film sagt Elton Johns Manager zu ihm etwa: "Geh ins Studio und mach Musik oder lass es. Ist mir egal. Nur solange dir das Geld ausgeht. Tu was du tun musst. Dann sehen wir uns vor Gericht wieder. Du hast einen Vertrag mit mir seit vielen Jahren. Ich kassiere meine 20 Prozent auch dann noch, wenn du dich längst umgebracht hast."

Zeigt auch die Schattenseiten des Ruhms

Dexter Fletcher lässt nichts aus – Sex, Drugs und Rock'n'Roll. "Rocketman" bietet das volle Programm, beschönigt nichts und zeigt auch die Schattenseiten des Ruhms – genau das war ihm und Elton John wichtig. "Er hat schnell klar gemacht, dass der Film nicht eigennützig oder egoistisch sein sollte", erzählt Fletcher.

Er [Elton John] wollte nicht nur die schönen Seiten zeigen. Er hat nie einen Hehl aus seinem Leben gemacht, er wollte nichts beschönigen. Das ist eine seiner großen Stärken. Er versteckt nichts. Es gab keine dunklen Ecken, keine Momente, die er aussparen und unter den Tisch fallen lassen wollte. Er hat uns ohne Einschränkungen seine Geschichte erzählen lassen.

Dexter Fletcher, Regisseur

Dazu gehören – neben den vielen Songs die in anachronistischer Reihenfolge aber immer zur Stimmung und Handlung des Films passen, vor allem auch die Kostüme. Mit allen schillernden, modischen Entgleisungen, die Elton John hatte. "Wenn man Schnappschüsse aus Eltons Karriere und unserem Film nebeneinander legen würde, würde man sehen, dass unsere Kostüme Erinnerungen heraufbeschwören und von seiner Garderobe inspiriert wurden", sagt Schauspieler Eggerton. "Aber sie sind eben nur angelehnt. Wir versuchen schon authentisch zu sein, aber eben auch kreativ. Das gleiche gilt für die Musik, für meine Performance und die Beziehung der Figuren untereinander."

Film  Still "Rocketman"
Schauspieler Taron Eggerton als Elton John in "Rocketman". Bildrechte: Paramount Pictures

Alles wurde von Elton Johns Leben inspiriert und bleibt dem, was wirklich passiert ist, treu. Aber am Ende ist es eine künstlerische Überarbeitung.

Taron Eggerton, Schauspieler

Fazit: Besser als "Bohemian Rhapsody"

"Rocketman" ist glitzernd, queer, ein bisschen exaltiert und übertrieben. Trifft aber immer die richtigen Töne und setzt Elton John ein filmisches Denkmal. "Rocketman" ist der Film geworden, der schon der viel zu brave und glattgebügelte "Bohemian Rhapsody" hätte sein können.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Mai 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Mai 2019, 04:00 Uhr

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