Kino und Wirklichkeit So verfälschen Filme unser Geschichtsbild

Ob in Serien wie "Das Boot" oder Filmen wie "Das Leben der Anderen" und "Good Bye, Lenin" über das Leben in der DDR und die Rolle der Stasi: Geschichte wird immer wieder gern auf die Kinoleinwand geholt. Dabei halten sich Filme und Serien aber nicht immer an die Realität und verfälschen so unseren Blick auf die Geschichte. Filmkritiker Knut Elstermann nennt im Interview Beispiele.

Ulrich Mühe
Szene aus dem Film "Das Leben der anderen" (2006) mit Ulrich Mühe in der Rolle eines Stasi-Mitarbeiters Bildrechte: imago images/Mary Evans

MDR KULTUR: Fällt Ihnen ein Film ein, der Ihre Wirklichkeit geprägt hat, der Ihre Sicht auf Geschichte vielleicht maßgeblich beeinflusst hat?

Knut Elstermann: Ja, auf jeden Fall! Da ist für mich der Film "Oktober" von Sergej Eisenstein ganz wichtig. Ein Meisterwerk der Montage, der Inszenierung. Und ich denke, viele Menschen auf der ganzen Welt haben geglaubt, dass diese Bilder, die man da sieht, der Sturm auf das Winterpalais, Oktoberrevolution, diese heroischen Massen, Scheinwerferlichter, ein unglaublicher Rhythmus, dass das dokumentarische Aufnahmen sind.

Und sie sind ja auch immer so verwendet worden, in vielen Dokumentationen, die gerade ich so gesehen habe im Osten, als Schüler in der Schule. Ich hielt die immer für dokumentarisch und die haben sich so sehr raufgelegt auf dieses Bild der heroischen Oktoberevolution. Die Wirklichkeit, das weiß ich inzwischen, war ganz anders. Das Winterpalais ist kaum verteidigt worden, es waren nur wenige Leute drin. Es ist da nicht so heroisch gekämpft worden. Und die Folgen sind ja auch bekannt.

Aber das ist schon interessant, wie ein solcher genialer Filmregisseur Bilder schafft, die dann so wirkungsmächtig sind, dass wir sie letztlich als absolut real annehmen. Und ich glaube, das funktioniert heute auch noch.

Dieser Film gehört zu einem Genre. Gibt es ein Genre, das Ihr Bild von der Wirklichkeit stark prägt, Wildwestfilme oder anderes?

Also, den Western, das ist völlig richtig. Hier hat das Genre es geschafft, einen ganzen Mythos zu schaffen, der auch nicht so wahnsinnig viel zu tun hat mit der Wirklichkeit. Zum Beispiel diese Colts, die waren überhaupt nicht treffsicher. Es dauerte ewig, bis die sich gegenseitig abgeknallt haben. Das Bild des edlen Wilden oder auch des barbarischen Wilden, auch das stimmt ja nicht unbedingt, dieses Frontier-Bewusstsein. Aber da hat der Film unheimlich viel geschaffen, ich denke mir sogar, in den USA dazu beigetragen, ein nationales Bewusstsein zu schaffen. Überhaupt erstmal für diese junge, entstehende Nation. Da ist der Western ganz wichtig.

Filmstill «Das Flötenkonzert von Sans-souci» (1930) mit Otto Gebühr in der Rolle des Friedrich II.
Schauspieler Otto Gebühr 1930 in der Rolle von Friedrich II. im Film "Das Flötenkonzert von Sanssouci" Bildrechte: imago/United Archives

Ein anderes Beispiel, vielleicht weniger bekannt inzwischen: Die Fridericus-Filme, also die Filme über Friedrich den Großen. Das ist auch ein Phänomen in der Filmgeschichte. Von 1912 bis 1942 hat ein einziger Mann, Otto Gebühr, den großen König gespielt: Friedrich den Großen. Und ich bin mir sicher, viele Deutsche identifizieren diesen Schauspieler vollkommen mit Friedrich. Er ähnelte ihm ja auch sehr.

Und da haben wir sogar nochmal diese doppelte Brechung. Denn viele Filmbilder in diesen zum Teil ja ganz guten Filmen, aber auch zum Ende hin ganz propagandistischen Nazifilmen, zitieren Adolph Menzels berühmte Gemälde: also "Flötenkonzert von Sanssouci", "Die Tafelrunde Friedrichs des Großen". Menzel ist aber auch ein Nachgeborener. Er hat diese Bilder aus seiner Fantasie heraus geschaffen. Also spiegeln die Filme ein Fantasiegebilde und schaffen damit nochmal eine neue Fantasie, die dann wiederum auch so eine große Macht hatte, dass auch die Nazis Otto Gebühr benutzt haben. Er ist ja dann der Propagandist des Krieges in "Der große König" von 1942, dem letzten Film. Da sieht man das ganz deutlich. Man sagte übrigens damals in Deutschland "Friedrich der Große wurde über Gebühr berühmt" – und das ist ein Wortspiel mit Otto Gebühr.

Sie sind ja auch im Osten groß geworden. Gerade erleben wir 30 Jahre deutsch-deutsche Vereinigung. Und nun gibt es Filme wie "Sonnenallee" oder "Good Bye, Lenin" - Sie könnten das doch vielleicht selber abgleichen mit dem DDR-Alltag? Prägt sowas? Überschreibt sowas die Erinnerung?

Ulrich Mühe
Ulrich Mühe als Stasi-Mitarbeiter in "Das Leben der Anderen" Bildrechte: imago images/Mary Evans

Also "Gundermann" könnte man auch nennen, als aktuelles Beispiel. Das ist völlig richtig. Da kommen wir an einen Punkt, dass ich dann zum Beispiel dazu neige, ganz genau hinzusehen. Also, wenn der Lichtschalter nicht stimmt oder irgendein Zeitungsartikel da irgendwelche Dinge zitiert, die so gar nicht gesagt worden wären, dann ist da bei mir schon großes Misstrauen da. Das wird sich irgendwann mal legen. Da sind solche kleinen Unstimmigkeiten nicht mehr wichtig.

Aber Sie haben völlig Recht, auch hier prägen bestimmte Filme auch Wahrnehmung. Ich erinnere mich, als "Das Leben der Anderen" rauskam, war ich gerade in New York und jeder sagte da zu mir "'Life of the Others' – das ist die DDR". Und da sage ich "Nein!", das ist eine Vision von DDR, über die man streiten kann. Das ist ein Ausschnitt von DDR-Wirklichkeit, das ist eine Verdichtung, ein Kunstwerk. Und das ist das Entscheidende, dass wir immer wieder begreifen müssen: Das ist eine Verantwortung des Zuschauers! Dass wir das ästhetische Gebilde als solches auch wahrnehmen.

Das Interview führte Julia Hemmerling für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Januar 2020 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Januar 2020, 21:39 Uhr

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