Filmtipps DOK Leipzig: Diese Filme sollten Sie nicht verpassen

Das 63. Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm geht mit 141 Filmen an den Start. Dabei ist das Programm in diesem Jahr sowohl im Kino als auch im Netz zu sehen. Hier kommen die Favoriten von MDR KULTUR-Filmredakteur Stefan Petraschewsky und Filmkritiker Lars Meyer.

Filmszene "Atomkraft Forever"
Sieben Filmtipps für DOK Leipzig 2020 – darunter der "Atomkraft Forever" Bildrechte: DOK Leipzig 2020 / Atomkraft Forever / Carsten Rau

"Girls/Museum"

Kunst ist Männersache! Schlimmer noch: Von Lucas Cranach über Max Klinger bis Arno Rink sind es immer nur Männer, die die Frauen ins Bild setzen und uns Nachgeborenen damit bis heute ihre Sicht auf die Dinge überhelfen. Wobei das mit dem "Ding" durchaus so gemeint ist: Frauen sind da ein Objekt der Begierde. Oft barbusig anzuschauen im christlich-abendländischen Kontext, was die Sache etwas kaschiert.

Shelly Silver nimmt in ihrem Film "Girls/Museum" diesen jahrhundertealten Männerblick auf die Frau in den Fokus, indem sie sich mit ein paar Teenagerinnen auf den Weg durchs Leipziger Museum der Bildenden Künste (MdbK) begibt und sie vor den Bildern erklären lässt, wie die Bilder heute wirken. Das ist spannend und oft auch witzig, zum Beispiel vor Cranachs "Allegorie der Erlösung". "Vielleicht war Christus auch 'ne Frau", mutmaßt das Mädchen in grüner Kapuzenjacke und fände es besser, wenn Jesus kein Geschlecht hätte: "Wenn es beides sein könnte!"

Wir wollten alle Fiesen killen 21 min
Bildrechte: Dok Leipzig/Wir wollten alle Fiesen killen/Bettina Ellerkamp, Jörg Heitmann

Gut 70 Minuten lang erlebt man hier, was man sich selbst beim nächsten Museumsbesuch auch fragen könnte. Mehr noch – es geht um einen neuen Blick. Museen seien dafür da, die Vergangenheit festzuhalten, sagt das Mädchen in der Jeans-Latzhose und findet es schade, dass da keine Bilder von Frauen hängen. Man könne das nicht rückgängig, aber jetzt besser machen: "Aber dann fände ich’s auch gut, wenn hier Gemälde von Kindern hängen würden!" Großes Kino!

Girls Museum
Mit Teenagerinnen durchs Leipziger Museum der Bildenden Künste: Der Film "Girls/Museum". Bildrechte: Dok Leipzig/Girls/Museum/Shelly Silver

Wann & Wo Internationaler Wettbewerb
D 2020, Dokfilm, 74 Minuten, Weltpremiere

26. Oktober, 20 Uhr Hauptbahnhof Osthalle
31. Oktober, 20 Uhr Cinestar
1. November, 15 Uhr Cinestar
Ab 27. Oktober online

"Children"

"Wir werden in unsern Häusern sterben, und niemand wird uns beerdigen", sagt der Junge, der mit Dareen auf dem Doppelbett sitzt und mit Murmeln spielt – die Sechsjährige antwortet: "Ja, niemand wird uns beerdigen!" Und die Kamera sitzt quasi zwischen den beiden. In ihrem Film "Children" kommt Regisseurin Ada Ushpiz ihren Protagonisten unfassbar nahe, immer wieder, jahrelang: im Schulunterricht, zu Hause, vor dem Haus auf der Straße. Eingeschlossen im Westjordanland. Nur selten ein Ausflug. Einmal sehen wir Dima, wie sie mit ihrem Rad durch die Landschaft fährt. Zu Beginn des Films kommt sie, die Zwölfjährige, aus israelischer Haft nach Hause. Sie wurde mit einem Messer aufgegriffen. Eingesperrt. Jetzt wird sie als Heldin gefeiert. Von Reportern verfolgt. Sie fragen: "Kannst Du uns sagen, wie Du dich fühlst?" Dann muss Dima mit Palästinensertuch vor Arafat-Foto posieren.

Der Film, der seinen Protagonisten so nahe kommt, nimmt nicht Partei. Er blickt nur genau hin, wie sich die Erwachsenen in diesem politischen Konflikt verhalten. Und zeigt dabei immer wieder die großen Kinderaugen, die so arglos die Positionen der Eltern übernehmen, Hilfe einfordern. Wie hier. Dareen hat immer wieder Albträume. Auch Angst vor den Schlangen, die der Vater in einem Terrarium in der Küche hält. Mehr Angst vor Schlangen als vor der Polizei, die durch die Straße patrouilliert. Ihnen würde sie sich bei großer Gefahr anvertrauen, gesteht sie ihrem Vater. Aber der antwortet nur: Die israelischen Polizisten beißen schlimmer zu als diese Schlangen hier. Und was dann?

Kinder im Westjordanland im Film "Children"
Filmszene aus "Children" Bildrechte: DOK Leipzig 2020 / Children

Wann & Wo Internationaler Wettbewerb
Israel 2020, Dokfilm, 128 Minuten, Weltpremiere

26. Oktober, 20 Uhr Cinestar
27. Oktober, 14 Uhr Cinestar
29. Oktober, 15 Uhr Schaubühne Lindenfels
Ab 27. Oktober online

"E14" und "Bless you!"

Was Alfred Hitchcock vor 70 Jahren in "Rear Window" zeigte, nämlich, wie ein Verbrechen nur durch tagelange Beobachtung aus einem Fenster in die Fenster des gegenüberliegenden Hauses aufgeklärt werden kann – diese Idee schnappt Peiman Zekavat Ende März auf und filmt zwei Wochen lang aus seinem Apartment in einem der schicken Londoner Hochhausviertel, wie die Menschen ringsum den Corona-Lockdown erleben. Zekavats Teleobjektiv zoomt sich dabei so nah an die schicken, hippen Menschen hinter den hippen, schicken Fassaden heran, das man am Ende der 19 Minuten gar nicht mehr weißt, was jetzt Fassade und was noch Mensch ist. Die Möwen auf den Geländern wundern sich auch.

"Bless you" ('Bleib gesund!"): Tatiana Chistova ist in St. Petersburg unterwegs. Die Kamera steht auf der Straße, zeigt Gründerzeit-Fassaden wie alte Trutzburgen, an denen der Putz abblättert, alles aus der Froschperspektive. Die Mauern haben kaum ein Fenster. Wenn, dann ist der Vorhang zugezogen. Menschen hinter Mauern, könnte man sagen. Alte Menschen. Auf die Tonspur ist ein Sorgentelefon montiert. Alte Leute und ihre Angst in dieser Corona-Zeit: Kein Geld, keine Arbeit, keine Perspektive. Oder klingt da auch eine Kritik an Putin durch? Weil das Leben einen schon vorher krank werden ließ? Die Frage bleibt offen. Beide Filme "E14" und "Bless you" unbedingt zusammen gucken!

 Filmszene "E14"
Blickt in Londoner Wohnungen während des Lockdowns: der Film "E14" Bildrechte: DOK Leipzig 2020 / E14

Wann & Wo "E14"
Internationaler Wettbewerb Kurzfilm
UK 2020, Dokfilm, 16 Minuten, Europapremiere

27. Oktober, 19:30 Uhr Grassimuseum
30. Oktober, 12 Uhr Cinestar
31. Oktober, 17:15 Uhr Passage Kinos
Ab 28. Oktober online

"Bless You!"
Wettbewerb um den Publikumspreis Kurzfilm
Polen 2020, Dokfilm, 30 Minuten, Weltpremiere

28. Oktober, 11:30 Passage Kinos
30. Oktober, 20:30 Passage Kinos
1. November, 20 Uhr Schauburg
Ab 29. Oktober online

"Hotel Astoria"

In den 90er-Jahren fragte man sich, was sich hinter der imposanten Fassade des Leipziger Hotels Astoria früher abgespielt haben mochte. Aus toten Fenstern schaute einen das ehemalige Luxus-Hotel gleich beim Verlassen des Hauptbahnhofes an und behielt seine Geschichte für sich. Falk Schuster und Alina Cyranek haben es nicht bei Fantasien belassen. Sie haben eine Vielzahl von Dokumenten – Haptisches, aber auch Interviews und Filmschnipsel – über das Haus zusammengetragen, kollagiert und künstlerisch verfremdet. Sie haben die Zimmer mit alten Zeitungen tapeziert, die exklusive Speisekarte wieder aufgeschlagen und Ausschweifungen während der Herbstmesse nachgefeiert. Liebevoll und detailgenau haben sie dem Hotel wieder Leben eingehaucht, alles mit den Mitteln der Animation.

Es ist ein geradezu musterhafter Anima-Dok-Film geworden, der in nur 28 Minuten ein Stück DDR-Geschichte hinter verschlossenen Türen aufblättert. Denn, so sagt ein Interviewpartner: "Das Astoria war irgendwie unter einem anderen Stern." Ein exklusives internationales Hotel. In dessen Restaurant dekorierten keine gefälligen Alltags-Szenen die Wände, sondern forderten Bilder von Werner Tübke die Blicke heraus. Die Kellner konnten allein von ihrem Trinkgeld leben, und auf dem Speiseplan stand mal gestreckte Haifischsuppe und mal nichts, je nach Lage. Egon Krenz nahm hier heimlich alkoholfreien Sekt zu sich und – ja, auch die Stasi war im Hotel zu Hause und kannte sich im Weinkeller bestens aus. Aber einen Taschenrechner zum Umrechnen der Valuta gab es nicht.

Voraussichtlich 2022 wird das Hotel Astoria nach einem Vierteljahrhundert aus seinem Dornröschenschlaf erwachen. Wie gut, dass Schuster und Cyranek noch einmal in seine Träume und Erinnerungen abgetaucht sind.

Hotel Astoria
Dieser Dokumentarfilm erweckt das Leipziger Hotel Astoria wieder zum Leben. Bildrechte: Dok Leipzig/Hotel Astoria/Falk Schuster, Alina Cyranek

Wann & Wo Wettbewerb um den Publikumspreis Kurzfilm
D 2020, Dokfilm, 28 Minuten, Weltpremiere

28. Oktober, 11:30 Uhr Passage Kinos
28. Oktober, 18:15 Uhr Schaubühne Lindenfels
30. Oktober, 20:30 Uhr Passage Kinos
31. Oktober, 15 Uhr Passage Kinos
1. November, 20 Uhr Schauburg
Ab 29. Oktober online

"Grenzland"

"Wissen Sie, was fehlt? Etwas, auf das ich mich freuen kann." Das sagt ein älterer arbeitsloser Mann in Hoyerswerda, den der Regisseur Andreas Voigt bei seiner Grenzland-Reise links und rechts der Oder auf einer Parkbank anspricht. Vor ihnen sackt ein weiterer Plattenbau in sich zusammen. Es klingt wie die Quintessenz eines Lebens, von einem der blieb und nicht fortging. Immer der Arbeit nach.

Vor fast 30 Jahren hat Andreas Voigt diese filmische Reise schon einmal gemacht. An den Film von 1992, "Grenzland - eine Reise", knüpft er nun bewusst an. Was hat sich verändert in der Grenzregion, von der Lausitz bis hoch zum Stettiner Haff? Jetzt, wo sie im Zentrum von Europa liegt? Der Blick auf die Landschaft ist verbunden mit den Träumen und Geschichten seiner Bewohner. Und es geht noch immer ums Bleiben oder Gehen, immer öfter aber auch ums Kommen. Eine von Voigts ehemaligen Protagonistinnen ist aus dem Westen zurückgekehrt und jobbt nun im Kasino. Eine australische Familie leistet auf polnischer Seite, auf einem ehemals deutschen Anwesen, Pionierarbeit, beackert den Boden und stößt überall auf Zeugnisse der Geschichte. Polen als Freiheitsversprechen. Und ein geflüchteter kurdischer Syrer baut sich in einem deutschen Dorf ein altes Haus um und kommt doch nicht in der neuen Heimat an.

Mit traumwandlerischer Sicherheit findet Voigt diesen einen Augenblick, in dem sich etwas löst, eine Emotion, eine tiefe Verbundenheit aufscheint. Migration ist das bestimmende Thema, das durch alle Begegnungen durchschimmert, ohne dass Voigt es herausstellen muss. Es ist dieser Region eingeschrieben, in der viele Menschen ihre Wurzeln woanders haben. Die Kamera durchstreift eine Landschaft, die vielschichtiger und heterogener ist, als es auf den ersten Blick scheint. Und mitten im Weltgeschehen steckt.

Filmszene "Grenzland"
Der Film "Grenzland" ist unterwegs in der deutschen Grenzregion, von der Lausitz bis hoch zum Stettiner Haff. Bildrechte: DOK Leipzig 2020 / Grenzland / Andreas Voigt

Wann & Wo Deutscher Wettbewerb
D 2020, Dokfilm, 100 Minuten, Weltpremiere

29. Oktober, 20:30 Uhr Cinestar
30. Oktober, 20 Uhr Hauptbahnhof Osthalle
31. Oktober, 17:15 Uhr Schauburg
Ab 30. Oktober online

"Wir wollten alle Fiesen killen"

"Wir werden alle Fiesen killen" heißt ein Science-Fiction-Roman von Boris Vian, den Bettina Ellerkamp und Jörg Heitmann 2003 verfilmen wollten. Aber die Finanzierung klappte nicht. Das Geld, das schon da war, wurde also in eine Art Bergwerk südlich von Jena im Saaletal gesteckt, um es später gewinnbringend zu verkaufen. Mit dem vermehrten Geld sollte dann doch noch der Film realisiert werden. Das war der Plan. Aber das Bergwerk ließ sich nicht verkaufen. Also drehten die beiden einen Film über den Berg und seine Geschichte.

Im Ergebnis ist es ein Panorama der deutschen Geschichte geworden. Zwangsarbeiter gruben eine unterirdische Fabrik zur Nazizeit. Später hatte die NVA hier ein Munitionslager. Nach der Wende kam die Bundeswehr, blieb aber nicht lange, dann wurde privatisiert. Thüringens Landesvater Dieter Althaus kam extra mit der Dienstlimousine aus Erfurt angerauscht. Oben auf dem Berg gab es früher eine Tanzlinde. Angeblich soll auch die Großfürstin Pawlowna schon hier gewesen sein. Sie kam aus Weimar und hatte dort mit Goethe und Schiller zu tun.

Ellerkamp und Heitmann nehmen sich Zeit für den Berg. Setzen das Labyrinth unter Tage eindrucksvoll in Szene. Geben den Menschen Raum, die hier gearbeitet haben. Manches, das da aufeinandertrifft, wirkt unfreiwillig komisch, ist ein gutes Stück Realsatire. Und erzählt nebenbei auch viel über die Nachwendezeit und blühende Landschaften. Was mit dem Berg werden wird, bleibt am Ende offen. Aber der Science-Fiction scheint ad acta gelegt. Denn der Filmtitel heißt jetzt: "Wir wollten alle Fiesen killen".

Wir wollten alle Fiesen killen
Im Film "Wir wollten alle Fiesen killen" geht es um einen Berg in Jena und seine Geschichte. Bildrechte: Dok Leipzig/Wir wollten alle Fiesen killen/Bettina Ellerkamp, Jörg Heitmann

Wann & Wo Deutscher Wettbewerb
D 2020, Dokfilm, 91 Minuten, Weltpremiere

30. Oktober, 20:30 Uhr Cinestar
31. Oktober, 20 Uhr Hauptbahnhof Osthalle
1. November, 17 Uhr Cinémathèque
Ab 31. Oktober online

"Atomkraft Forever"

"Das Atom sei Arbeiter und nicht Krieger" – ein sozialistischer Slogan aus den 70er-Jahren. Damals wurde das Kernkraftwerk Greifswald in Betrieb benommen. Regierung, Arbeiter und Forscher träumten im Einklang von der friedlichen Nutzung der Atomkraft, für den Wohlstand und die Gleichheit der Völker. Die Kernenergie war von Anfang an ein utopisches Projekt. Und das ist sie – Tschernobyl, Fukushima und einen deutschen Atomausstieg später – immer noch. Carsten Raus neuer Film "Atomkraft Forever" macht es sonnenklar.

Da mag man sich noch so oft vor Augen halten, was mit dem Bau eines Kraftwerkes verbunden ist: dass es durchschnittlich nur 40 Jahre läuft, aber fast genau so lange demontiert werden muss. Was für einen Kraftakt es bedeutet, auch in finanzieller Hinsicht, ein gesamtes Werk Stein für Stein und Kabel für Kabel zu dekontaminieren und sicher in Kisten zu verpacken, zeigen große Leinwandbilder am Beispiel Greifswald. Saubere Energie für wenig Geld? So wird heute immer noch argumentiert und die Atomkraft als Garant gegen den Klimawandel aufgestellt. Aber auch Heimat ist ein Begriff, der Anwohnern beim Anblick ihres lokalen Atomkraftwerkes über die Lippen kommt.

Ein französischer Nachwuchs-Kernforscher schwärmt in poetischen Worten von der Schönheit und Kraft des Atoms, als sei er eben in der Sowjetunion ausgebildet worden. Die Utopie lebt, der Atommüll auch, und zwar für ungefähr eine Million Jahre. Die Suche nach dem Endlager hat gerade erst begonnen. Und dass es komplizierter wird, als es sich aus Nachrichtenmeldungen heraushören lässt, zeigt im Film ein Blick hinter die Kulissen. Atomausstieg schön und gut, aber Deutschland ist in diesem Fall das gallische Dorf. "Atomkraft Forever" vermittelt einen Eindruck von der enormen Dimension der Kernkraft-Debatte, damals wie heute. Aktueller könnte er kaum sein.

Filmszene "Atomkraft Forever"
Eine Szene aus dem Dok-Film "Atomkraft Forever". Bildrechte: DOK Leipzig 2020 / Atomkraft Forever / Carsten Rau

Wann & Wo Deutscher Wettbewerb
D 2020, Dokfilm, 94 Minuten, Weltpremiere

27. Oktober, 20:30 Uhr Cinestar
29. Oktober, 20 Uhr Hauptbahnhof Osthalle
1. November, 18:15 Uhr Schaubühne Lindenfels
Ab 28. Oktober online

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. Oktober 2020 | 14:45 Uhr

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