Phase IV
Auf der Theke der Phase IV steht ein Filmgrößen-Glücksrad Bildrechte: MDR/Christine Reißing

Filmgalerie Phase IV in Dresden Wie eine Videothek in Streamingzeiten überlebt

Videotheken sind aus dem Stadtbild fast komplett verschwunden. In Zeiten von Streamingdiensten wie Netflix oder Amazon Prime scheinen große Ausleihketten genauso ausgedient zu haben wie die kleinen, gemütlichen Videotheken. Ganz selten allerdings findet man noch einen Laden wie die Filmgalerie Phase IV in Dresden, benannt nach einem Science-Fiction-Klassiker aus den Siebzigern. Nun feiert sie ihren 13. Geburtstag. Mühelos erreicht hat die Phase IV den allerdings nicht und muss sich auch künftig durchboxen.

von Christine Reißing, MDR KULTUR-Reporterin

Phase IV
Auf der Theke der Phase IV steht ein Filmgrößen-Glücksrad Bildrechte: MDR/Christine Reißing

Es ist dunkel, es ist kalt, es regnet. Durch die Schaufenster der Phase IV fällt Licht auf den Gehweg. Hinterm Tresen des rot gestrichenen Ladens steht Alexander Stark – und vor ihm ein Glücksrad: Wer möchte, kann sich von den Lieblings-Filmgrößen des Teams inspirieren lassen.

Der Zeiger stoppt bei einem Foto der italienischen Schauspielerin Isabella Rosselini. Alexander Stark gibt ihren Namen in die Datenbank ein, geht die Liste durch – und empfiehlt "Enemy": "Weil Enemy ein ganz fantastischer Psychothriller über Doppelgänger ist. Mit dem wundervollen Jake Gyllenhaal, der jetzt wieder auf dem aufsteigenden Ast ist."

Beratung und gemeinsames Erlebnis

Eine Sitzgruppe steht im Raum, im Hintergrund steht ein Regal.
Sitzgruppe in der Phase IV Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

22 seiner Filme hat die Phase IV auf Lager, auch den preisgekrönten "Brokeback Mountain" von 2005. Heute aber schreiben wir 2019. Warum sollte man da noch eine Videothek besuchen? Man kann doch streamen!  "Na, weil ich das viel schöner finde, hier gemeinsam einen Film auszusuchen", erklärt Kundin Katrin, die ihren Nachnamen nicht nennen will. "Man kriegt auch immer die Beratung dazu. Kann immer nochmal fragen: Ist das schon geeignet?“ Katrin sucht gerade zusammen mit ihrem Sohn einen Film aus. "Dann können wir uns die Cover zusammen angucken und so – das macht einfach mehr Spaß." Sie und ihr Sohn wählen "Lilo und Stitch" aus. Auch den gibt es online.

Bei den Streamingdiensten fehlen wichtige Regisseure

Der Gründer und Leiter der Dresdner Videothek Phase IV.
Sven Voigt, Gründer und Leiter der Dresdner Videothek Phase IV Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sven Voigt, Gründer und Leiter der Filmgalerie, entgegnet aber: "Eins von endlos vielen Beispielen: Andrei Tarkowski ist der wichtigste sowjetische Regisseur – neben Eisenstein vielleicht noch. Und diesen Regisseur gibt’s nicht online." Tarkowski habe die Filmgeschichte mitdefiniert. Bei den Streamingdiensten aber fiele er durchs Raster.

"Selbst, wenn man die illegalen Sachen mit dazu nimmt oder sagt: Okay, ich guck mir das auch in ner schlechter Qualität auf Youtube an, sind dem halt wirklich auch Grenzen gesetzt", sagt Voigt.

Natürlich kann man auch nen Tarkowski-Film mit 240p auf Youtube sich irgendwie angucken – aber das ist halt einfach Körperverletzung und kein Kino.

Sven Voigt, Leiter der Filmgalerie

Ganze Filmgeschichte in der Filmgalerie

Anders als das Internet verfüge die Phase IV über die gesamte Filmgeschichte, so Voigt. Rund 13.000 DVDs stehen hier in schwarzen Holzregalen, einsortiert in etwa 30 Rubriken – von Abenteuer über Defa bis Trash. "Wir sind natürlich in ner Nische. Aber wir haben, glaube ich, eine umso wichtigere Aufgabe", sagt Voigt.

Weil Filmkultur mehr ist als das, was kommerziell maximal verwertbar ist. Sondern eben auch Filmkunst.

Sven Voigt, Leiter der Filmgalerie

Der Verein sucht Mitglieder

Wie ein Archiv sammelt die Programmvideothek auch antiquarische oder indizierte Filme. Ihr Problem: Die Über-Nacht-Leihgebühr von 3,20 Euro hat sich nicht rentiert. Zur Rettung wurde ein Verein gegründet. "Finanziell ist das natürlich auch erstmal prima", sagt Voigt. "Wir brauchen, um das Projekt – praktisch Phase IV e. V. – wirklich stabil auch halten und betreiben zu können, etwa 650 Mitglieder."

Bis dato sind es erst 500. Schon vor drei Jahren musste der Laden fast schließen, im letzten Moment half ein Crowdfunding. Denn die Phase IV hat viele Fans, nicht nur in Dresden und der Neustadt. "Wir haben die ersten Mitglieder aus Chemnitz und Bautzen. Wir haben die ersten Mitglieder also aus Königsbrück oder anderen jetzt nicht großen Städten, aber zumindest eben keinen Dresdner Vorstädten", freut sich der 44-Jährige.. In solchen Fällen kann auch wochenweise geliehen werden.

Film bewirke viel in diesen Zeiten

Die Phase IV organisiert zudem Vorträge und Reihen, derzeit eine im Gefängnis zu Demokratie und Zivilcourage. Denn Film könne viel bewirken.

Ich finde das gerade in den Zeiten, in denen wir leben – also wo die Diskursfähigkeit gerade extrem abnimmt und die Leute sich quasi immer mehr in ihren Blasen befinden und gar nicht mehr rauskommen aus ihren Echokammern und Meinungsverstärkern – eigentlich umso wichtiger, dass man auch Orte hat, an denen man konfrontiert ist mit anderen Weltsichten. Und anderen Geschichten von anderen Orten und von anderen Menschen.

Sven Voigt, Leiter der Filmgalerie

Das Medium habe eine ungeheure Kraft, mit der man Köpfe öffnen könne. Ob Doku oder Mainstream-Film, das sei am Ende zweitrangig.

Durch große Schaufenster schaut man in einen Raum in dem eine Frau läuft.
Die Phase IV in Dresden hat seit 13 Jahren geöffnet Bildrechte: Phase IV

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Februar 2019 | 15:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Februar 2019, 04:00 Uhr

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