Francis McDormand als Mildred Hayes in "Three Billboards Ourside Ebbing, Missouri", läuft im blauen Overall über die Straße, im Hintergrund stehen zwei große Billboards
Francis McDormand als Mildred Hayes in "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" Bildrechte: 20th Century Fox of Germany

Klangkunst von Carter Burwell Mehr als nur Filmmusik - der Soundtrack zu "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"

Seit einer Woche läuft "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" in den deutschen Kinos - und ist für sieben Oscars nominiert. Was neben der Schauspielkunst von Francis McDormand als Mildred Hayes besonders heraussticht, ist die Musik zum Film. Komponiert hat sie Carter Burwell.

von Thomas Hartmann, MDR KULTUR-Autor

Francis McDormand als Mildred Hayes in "Three Billboards Ourside Ebbing, Missouri", läuft im blauen Overall über die Straße, im Hintergrund stehen zwei große Billboards
Francis McDormand als Mildred Hayes in "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" Bildrechte: 20th Century Fox of Germany

Nicht nur einmal hat man bei dem Soundtrack zu "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" das Gefühl, er entführe einen in die Vergangenheit. In die Zeit des Wilden Westens. Aber nicht auf direktem Weg, sondern per Film – als lausche man dem Album zu einem, wenn auch moderneren Western. Bilder entstehen vor dem geistigen Auge: Von trockenen, ausgedörrten, felsigen Landschaften, von Pferden, erschöpft genauso wie der, der sie reitet, von bärtigen Männern mit sonnengegerbtem Gesicht, die die Zigarre lässig von einem Mundwinkel in den anderen wandern lassen.

Kein Tränendrüsen-Honig, der die Ohren verkleistert

Carter Burwell
Komponist Carter Burwell Bildrechte: dpa

Der Mann hinter diesem Soundtrack heißt Carter Burwell. Sein filmmusikalisches Gesamtwerk ist inzwischen ziemlich angewachsen. Denn die, die ihn engagieren, wissen, sie bekommen etwas Besonderes. Der Komponist steht weder für den so häufig zu hörenden Hollywood-Bombast noch für den kitschigen Tränendrüsen-Honig, der dem Kinobesucher die Ohren verkleistert. Seine Stärke ist das vermeintlich einfache, originelle, Emotionen auslösende Motiv, zu dem er im Laufe eines Films immer wieder zurückfindet, eben dieses Motiv variierend, neu instrumentierend. Das beweist der Ex-Punk bei "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri". Auf diese Art und Weise hat er jedoch schon oft gearbeitet, etwa bei "Fargo".

Zusammenarbeit mit den Coen-Brüdern

Burwells Herangehensweise an einen Film macht ihn für die Regisseure interessant, die mehr liefern wollen als Standardware. So hat sich der New Yorker im Laufe seiner Karriere eine wirklich spannende Filmographie zusammengeschrieben: "Being John Malkovich" oder "Wo die wilden Kerle wohnen" gehören dazu, "Ritter aus Leidenschaft", "Three Kings" und beinahe sämtliche Filme der Coen-Brüder. Mit denen fing seine Laufbahn als Filmkomponist überhaupt erst an. Deren Spielfilm-Erstling "Blood Simple" von 1984 war auch seiner.

Burwell fand es spannend, mal etwas Neues auszuprobieren: "Ich sehe gern Filme und ich liebe es, Musik zu machen", so der Komponist. "Nachdem die Coen-Brüder mich fragten, ob ich dabei wäre, dachte ich, ich weiß eigentlich gar nichts über Filmscores." Burwell habe darauf in eine Programmzeitschrift geschaut und festgestellt, dass am selben Tag Hitchcocks "Die Vögel" im Fernsehen laufe.

Ich bin wirklich froh, dass das der erste Film war, bei dem ich versucht habe, auf die Musik zu achten. Es war eine gute Lektion.

Carter Burwell über Hitchcocks "Die Vögel"

Kein Diener am Bild

Steigt Burwell in ein neues Projekt ein, wartet er ungern, bis der ganze Film im Kasten ist. Möglichst früh will er dabei sein, möchte wissen, wohin die Reise geht. Deshalb studiert er auch das Drehbuch intensiv. Burwell hat dabei als Komponist ein Selbstverständnis, das sich von dem der meisten Kollegen unterscheidet: Er sieht sich nicht als Diener am Bild.

"Ich will etwas in den Film hineinbringen, das noch nicht da ist", sagt Burwell. "Ich mag es nicht, zu komponieren, was man sieht. Als Zuschauer will ich auch nicht, dass man mir sagt, was ich fühlen soll. Ich will diese Informationen nicht."

Album funktioniert als Gesamtkunstwerk

Wer zu dem Album zu "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" greift, wird feststellen: Nur Burwell findet hier nicht statt. Songs sind dabei von Townes van Zandt, den Four Tops, Joan Baez. Manche davon ergänzen den Score einfach, runden ihn ab, aber das lässt sich nicht von jeder Komposition sagen, die auftaucht. Wenn zum Beispiel "The Last Rose Of Summer" aus Friedrich von Flotows Oper "Martha" erklingt, gleicht dies eher einem Kontrapunkt, einem ironischen Bruch. Einer, der mit sehr viel Feingefühl gesetzt sein muss, denn als Gesamtkunstwerk soll dieses Album ja trotzdem funktionieren. Das tut es zweifelsohne.

Ich gehe in Filme, aber von einem Score nehme ich nur Notiz, wenn er wirklich schlecht ist oder wirklich gut. Ich gehe nicht in Filme, um mir den Score anzuhören. Ich bin Zuschauer, Publikum. Ich will die Filme genießen.

Carter Burwell, Komponist

Wer Burwells Musik nicht beachtet, verpasst etwas

Wenn schon ein Komponist wie Carter Burwell der Filmmusik nicht weiter Beachtung schenkt, wie sollen sich zu dieser Musik erst die verhalten, die damit von Berufs wegen nichts weiter zu tun haben? Nur: Wer die Musik von Burwell nicht weiter beachtet, der verpasst wirklich etwas. Glücklicherweise gibt es mittlerweile genug Material von ihm auf CD. Nun auch "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri". Und das ist einfach gut so.

  

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Mittag | 30. Januar 2018 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Januar 2018, 03:58 Uhr

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