Florian Werner
Wandern ohne Hightech-Ausrüstung und Stress - Florian Werner plädiert für den "Weg des geringsten Widerstands". Bildrechte: Johanne Ruebel

Buchrezension "Der Weg des geringsten Widerstands" Florian Werners andere Art des Wanderns

Florian Werner, 1971 in Berlin geboren und dort lebend, ist Literaturwissenschaftler, der mit einer Arbeit über HipHop und Apokalypse promoviert wurde. Originelle Themen und ein bemerkenswert leserfreundlicher Stil zeichnen auch seine erzählenden Sachbücher aus, ob er über Kühe schreibt oder eine "Geschichte der Scheiße" vorlegt. Nun hat sich der Autor auf Wanderschaft begeben. Das zwar ohne Ziel, aber doch mit dem Plan, ein Buch von der Reise zurückzubringen. MDR KULTUR-Literaturkritiker Ulrich Rüdenauer stellt "Der Weg des geringsten Widerstands" vor.

Florian Werner
Wandern ohne Hightech-Ausrüstung und Stress - Florian Werner plädiert für den "Weg des geringsten Widerstands". Bildrechte: Johanne Ruebel

Den zivilisationsmüden Geistesarbeiter hat es immer schon hinausgedrängt in die Natur. Auf Schusters Rappen suchte er, wenn nicht gleich nach Sinn, so doch nach einer Art Erlösung. Oder auch nur nach ein paar brauchbaren Gedanken. Gehen und denken – das ist seit der Antike ein so unverbrüchliches Paar wie Ora et labora, Schweiß und Preis oder Laurel und Hardy. Bücher über Gewaltmärsche zum Ich, hinauf zu sauerstoffarmen Bergesgipfeln und über seelenheilende Jakobswege gibt es so viele, dass man von einem eigenen Genre sprechen muss.

Florian Werner, 2012 7 min
Bildrechte: dpa

Der Weg des geringsten Widerstandes, er geht bergab und mit Rückenwind. Der Schriftsteller Florian Werner hat ein besonderes Wandererfahrungsbuch geschrieben: "Der Weg des geringsten Widerstands" (Nagel & Kimche).

MDR KULTUR - Das Radio Di 14.08.2018 18:05Uhr 06:59 min

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Die Gedanken fließen lassen

Der Autor Peter Handke etwa ist ständig per pedes unterwegs, und in der Langsamkeit des Spazierens und Wanderns entdeckt er am Straßenrand, was anderen hinterm Steuer ihres panzerartigen SUVs höchstens als irritierendes Flimmern im Augenwinkel erscheint: die Schönheit des Unscheinbaren. Im letzten Jahr hat sich auch Florian Werner den Rucksack umgeschnallt, die Familie und das angenehme Leben im Prenzlauer Berg hinter sich gelassen – zumindest für knapp drei Wochen. Zurückgebracht hat er ein äußerst charmantes, kluges und dabei sogar noch amüsantes Buch über ein Experiment.

Ich wollte wandern – aber ich wollte nicht alle Dreitausender der Alpen besteigen, die EU-Außengrenze abschreiten oder den Rhein von der Mündung bis zur Quelle stromaufwärts schwimmen, sondern sämtliche Gipfel vermeiden und allen Hindernissen aus dem Weg gehen. Auf gar keinen Fall wollte ich über zurückgelegte Kilometer, Gehgeschwindigkeit, Schrittzahlen oder verbrannte Kalorien Buchführen. Allenfalls wollte ich über das Wandern selbst nachdenken.

Auszug aus "Der Weg des geringsten Widerstands"

Wohlfühlwandern

"Der Weg des geringsten Widerstands" lautet nun der Titel dieses Wanderbuchs, das eine gar nicht so widerstandsfreie Reise von Berlin bis fast an die Nordsee dokumentiert. Am Anfang steht ein Dekalog, eine Gesetzestafel mit den Regeln für diese Tour – weder Karten noch GPS-Geräte sollen benutzt werden, der Weg soll kein Ziel haben, zumindest keine geplante Richtung.

Wenn der rechte Weg bergauf führt, gehe nach links. Wenn der Wind von Westen weht, gehe nach Osten. Wenn die Sonne dir wärmend ins Gesicht scheint, geh ihr entgegen, wenn sie dir das Gesicht zu versengen droht, geh in die andere Richtung. Wenn dir alle Wege gleich widerständig zu sein scheinen, wähle den Weg, der deinem Auge auf Anhieb schmeichelt.

Auszug aus "Der Weg des geringsten Widerstands"

Der Weg als Ziel?

Florian Werner: "Der Weg des geringsten Widerstands"
"Der Weg des geringsten Widerstands" ist bei Nagel & Kimche erschienen. Bildrechte: Nagel & Kimche

Was dieses Buch besonders macht und heraushebt aus der inflationär veröffentlichten Wanderliteratur, sind nicht nur die immer wieder eingestreuten Reflexionen über das Wandern und Gehen an sich, der kulturhistorische Hintergrund, den Werner aufzuspannen versteht. Es ist vor allem die Offenheit für neue Erfahrungen, das Interesse für Dinge und Menschen, die ihm auf seiner unbestimmten Route begegnen. Die sind manchmal verdutzt, manchmal neidisch auf diesen Lustwanderer und glauben, ihn mit dem Schlagwort "der Weg ist das Ziel" hinreichend zu fassen zu kriegen. Was natürlich ganz und gar nicht zielführend ist. Wenn er nachts im Zelt liegt und nicht von einem betrunkenen Autofahrer im Naturschutzgebiet aufgeschreckt wird, dann offenbart sich ihm eine geradezu unheimliche Vielfalt an Geräuschen: Das ist nicht nur eine Konfrontation mit ein paar dem Großstadtmenschen längst ausgetriebenen Ur-Ängsten, sondern auch fast eine Epiphanie. Und beim stundenlangen Wandern in Regen oder Sonne, stellen sich freilich ganz grundlegende Fragen.

Gelangt man beim langen, einsamen Gehen, wie es das Klischee besagt, 'zu sich selbst'? Lernt man sich also besser kennen, findet man sich oder sein 'wahres Wesen' – oder verliert man sich vielmehr, wird man ein Nichts, ein Niemand, ein anonymes Trägermedium für die darübergeworfene Funktionskleidung?

Auszug aus "Der Weg des geringsten Widerstands"

Kein Gewaltmarsch

Tatsächlich ist es kein langer Gang zu sich selbst, den Florian Werner in seinem Buch angetreten hat. Vielmehr sucht er ganz bewusst das Verlorengehen, versucht den Ausbruch aus dem doch relativ strengen Reglement des Alltags. Bei der Entschleunigung des Wanderns geht es um die Wiederentdeckung eines offeneren Bewusstseins; es ist auch ein Hinabsteigen in die eigene Vergangenheit, eine Steigerung von Aufmerksamkeit, die Fähigkeit, aus unendlich vielen Möglichkeiten, eine zu wählen – und damit dann auch zufrieden zu sein. Alles Dinge, wünscht sich Werner, die sich in die Alltagsroutinen hinüberretten lassen könnten. Zumindest im besten Falle.

Angaben zum Buch Florian Werner: "Der Weg des geringsten Widerstands. Ein Wanderbuch"
256 Seiten
Nagel & Kimche
ISBN 978-3-312-01095-0

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. August 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. August 2018, 09:24 Uhr