Kirche in Mitteldeutschland Was tut langanhaltende Dürre dem Kulturgut Kirche an?

Bereits der dritte sehr trockene und heiße Sommer liegt hinter uns. Leidtragende sind neben der Natur natürlich auch Gebäude und mit den Gebäuden auch Kulturgut. Den größten Kulturschatz in Mitteldeutschland verwalten die Kirchen, die mit ihren unzähligen kleinen und großen kirchlichen Einrichtungen, die gefüllt sind mit Jahrhunderte alten Schätzen,  wertvollen Orgeln und Glocken, unseren Landstrich ausmachen. Noch sind die durch die Trockenheit verursachten Schäden nicht abzusehen, denn die Gemeinden kommen gar nicht dazu, alle Schäden zu erfassen, geschweige denn zu melden.

Spieltisch einer alten Orgel
Vorallem die hölzernen Bestandteile im Inneren einer Kirche, wie hier der Spieltisch einer Orgel, können durch Dürre und Nässe Schäden erleiden. Bildrechte: imago/epd

Eine Juninacht in der Trinitatiskirche in Altenhausen im Landkreis Börde: es knackt kurz, dann fällt mit einem lauten Knall der hölzerne Taufbaldachin zu Boden und zerbricht in viele Einzelteile. Zum Glück kommt durch den Sturz des barocken Baldachins niemand zu Schaden. Ursache des Unglücks ist die starke Trockenheit. Bettina Seyderhelm, Vorstandsvorsitzende der kirchlichen Stiftung Kunst- und Kulturgut nimmt die Schäden auf. Für sie als Kunstreferentin liegt der Fokus vor allem auf der hölzernen Ausstattung.

Das sind Holztafelbilder, Figuren, Emporenmalereien, Kanzelaltäre, mittelalterliche Schnitzaltäre et cetera. Das ist ganz besonders betroffen, weil ja die alten Hölzer auch nach 400/500 Jahren immer noch arbeiten. Die Farbe, die daraufsitzt, ist mit einem Kreidegrund aufgetragen. Und dieser Kreidegrund hat natürlich irgendwo auch seine Elastizität verloren. Und dadurch kann dann diese Farbe mit dem Kreidegrund nicht hinter dem arbeitenden Holz hinterher und fängt an, zu splittern, dachförmig aufzustehen und dann abzufallen.

Bettina Seyderhelm, Vorstandsvorsitzende der Kirchlichen Stiftung Kunst- und Kulturgut

Jahrzehntelange Versäumnisse und Dürre

Hinzu komme, dass Sachsen-Anhalt ja schon seit Jahrzehnten das trockenste Bundesland sei und es durch die ehemalige DDR sowieso einen Restaurierungsrückstau bei kirchlichem Inventar gebe. Derzeit sei man vor allem mit Notsicherungen beschäftigt, rund 25 extreme Fälle seien bekannt. Bei einem spätgotischen Altar in Hergisdorf beispielsweise sei die Farbe in großen Teilen heruntergefallen. Mithilfe der Stiftung Kunst- und Kulturgut sei eine Notsicherung möglich gewesen, die verhindert habe, dass noch mehr Teile der originalen Malerei von 1516/1517 vom Altar abfallen.

Elke Bergt ist die Leiterin des Baureferats der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands. Auch sie beobachtet schon seit Jahren den Einfluss der Trockenheit auf hölzernes Inventar, mittlerweile mache sich die Dürre aber auch an den Gebäuden selbst bemerkbar.

Risse in den Mauern, die mit Sicherheit schon vorher da waren an vielen Stellen, die aber breiter werden. Man kann nicht sagen, die Trockenheit allein ist die Ursache. Wenn man guckt, dann hängt es oft an vielen, vielen kleinen Faktoren. Zum Beispiel ist dann oft auch irgendwo an der Wasserhaltung im Ort etwas passiert, dass also der Grundwasserspiegel sich auch da verändert hat. Wenn dann noch so ein trockener Sommer dazukommt, dann passiert es eben, dass Risse sich verstärken.

Elke Bergt, Leiterin des Baureferats der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands

Restaurierung ergänzt durch moderne Methoden

Baustaubablagerungen und Schimmel führen zu einer Unbespielbarkeit der Orgel.
Baustaubablagerungen und Schimmel führen zu einer Unbespielbarkeit der Orgel, denn auch Metallpfeifen sind anfällig für Schäden. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Dennoch rät Elke Bergt, Ruhe zu bewahren. Kurzschlusshandlungen schaden da nur, gerade bei absackenden Kirchenfundamenten. Da setze man jetzt auf moderne Methoden, um die Gemäuer behutsam wieder anzuheben. Ein neues Projekt, bei dem eine Methode zum Einsatz komme, mit der die Fudamente gestützt werden könnten, werde derzeit bei einem neueren Kirchenbau in der Nähe von Gotha ausprobiert. Sollte es sich bewähren, werde es auch für mittelalterliche Kirchen genutzt, so Elke Bergt.

Der Baugrund wird im Prinzip ertüchtigt, das heißt, es wird so eine Sonde eingeführt, und über die wird Verfüllmaterial in den rissigen Baugrund gepresst, natürlich ganz vorsichtig. Also das ist im Millimeterbereich, wir sind da sehr vorsichtig, weil bei diesen Beispiele mit Verpressung haben wir eben schon auch böse Erfahrungen machen müssen, weil es vor 30 Jahren keiner besser wusste.

Elke Bergt, Leiterin des Baureferats der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands

Orgeln heulen - ohne Organist

Kathedrale St. Sebastian Magdeburg
Kathedrale St. Sebastian Magdeburg Bildrechte: Kathedralpfarrei St. Sebastian

Zudem gibt es seit diesem Sommer gezielte wissenschaftliche Klimamessungen in Gotteshäusern. Ein ähnliches Monitoring betreibt übrigens auch die katholische Kirche. Der Orgelbeauftragte des Bistums Magdeburg Matthias Mück hat in diesen Tagen ebenfalls sehr viel zu tun, denn auch die Orgeln leiden. Sie beginnen unter anderem dann zu heulen, auch wenn niemand daransitzt. In der St.-Norbert-Kirche in Magdeburg beispielsweise sei ein Trocknungsschaden in der Orgel gewandert sei nur manchmal aufgetreten. Dadurch seien Holzteile verzoge, was fachgerecht von einem Orgelbauer repariert werden müsse. Preislich bewegen sich diese Reparaturen im Bereich von mehreren tausend Euro.

Kathedrale St. Sebastian Magdeburg
Kathedrale St. Sebastian Magdeburg, hier wurden langfristige Messungen von Luftfeuchtigkeit, Temperatur und deren Schwankungen vorgenommen. Bildrechte: Kathedralpfarrei St. Sebastian

Da wird noch viel zu tun sein, sagt Matthias Mück. Auch die katholische Kirche hat bereits mit langfristigen Klimamessungen begonnen. In der Magdeburger Kirche St. Sebastian zum Beispiel. Über ein Jahr wurden in der Kirche die Luftfeuchtigkeit, die Temperatur und vorallem die Schwankungen gemessen. Im Anschluss wird versucht, Lösungen zu finden, wie man in Zukunft solchen Extremphasen von Trockenheit und hoher Feuchtigkeit entgegenwirken kann.

Da gebe es, so Mück, Möglichkeiten durch automatisiertes Lüften, die Kirchen optimal zu klimatisieren. Das gehe sogar über eine App. Aber wie an vielen Stellen mangelt es natürlich auch hier wieder am Geld. Das trifft vorallem die kleinen Kirchgemeinden und in Corona-Zeiten kommen weniger Kollekten zusammen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. November 2020 | 07:10 Uhr