Follies, Staatsoperette, Dresden, Musical
Auch der Mauerfall kommt findet in der Inszenierung einen Platz Bildrechte: Staatsoperette Dresden, Foto Vincent Stefan

Premiere Stephen Sondheims "Follies" an der Dresdner Staatsoperette – ein geniales Werk

Mit ihrer aktuellen Inszenierung versetzt die Dresdner Staatsoperette unseren Kritiker in Begeisterung. Das Stück "Follies" ist eine Hommage an die glamouröse Revuezeit der Showtreppen-Girls. Auch eine Prise Mauerfall-Geschichte haben die Dresdner untergebracht. Überhaupt laden verschiedene Bedeutungsebenen zum Erkunden ein.

von Manuel Brug, MDR KULTUR-Kritiker

Follies, Staatsoperette, Dresden, Musical
Auch der Mauerfall kommt findet in der Inszenierung einen Platz Bildrechte: Staatsoperette Dresden, Foto Vincent Stefan

Was für ein großartiges Stück! Was für eine überaus gelungene Premiere! Auch in ihrer zweiten Neuproduktion geht Kathrin Kondaurow, die immer noch frische Intendantin der Dresdner Staatsoperette, sehr konsequent ihren thematischen Weg. Der da heißt: "Revue". So hat sie zunächst mit "Hier und jetzt", dem selbstentwickelten Bilderbogen aus Musik, Gesang Tanz und Sketchen, das Genre an sich neu befragt und für den Theaterstandort Mitte vermessen. Jetzt folgte eines der berühmtesten Werke über die Revue: Stephen Sondheims "Follies". Gemeint sind damit die schönen Girls in den total verrückten Roben auf der Showtreppe.

Reise in eine glamouröse Vergangenheit

Das war 1971 ein Abgesang auf den alten Broadway. Damals wurden die historischen Theater abgerissen, stattdessen hat man Parkhäuser gebaut. Und so lassen Sondheim als Texter und Komponist sowie der Buchautor James Goldman noch einmal die fiktiven Weismann-Girls aufmarschieren, die hier vor Jahrzehnten ihre glamouröse Bühnenjugend erlebt haben.

Ganz ohne Nostalgie tasten freilich die Musicalschöpfer eher den verlorenen Illusionen dieser Frauen hinterher, ihren kaputten Beziehungen, nicht eingelösten Träumen. Und sie brechen das mit fabulösen Revuenummern, in denen die Follies noch einmal jung werden, und die im nächsten Moment doch das brüchige Gerüst dieser Phantasmagorien entlarven. Ein genial doppelbödiges Werk.

Verschiedene Bedeutungsebenen

Das Stück war in Deutschland bisher nur einmal, 1991 am Berliner Theater des Westens, als Starvehikel zu sehen - mit Eartha Kitt, den Kessler-Zwillingen und Brigitte Mira.

Follies, Staatsoperette, Dresden, Musical
Sally (Frederike Haas) schaut per großflächiger Videoprojektion über das Geschehen Bildrechte: Staatsoperette Dresden, Foto Vincent Stefan

An der Dresdner Staatsoperette wagt jetzt Martin Berger erst zum zweiten Mal "Follies", fast 30 Jahre später. Und er legt über das schillernde Stück noch eine dritte und vierte Bedeutungsebene: Da spiele 30 Jahre Mauerfall mit hinein, und zu Anfang sieht man die beiden zentralen Paare per Video durch ihr altes Theater streifen – das ist natürlich kein anderes als die alte Staatsoperette in Leuben. Ein bisschen Sachsen-Nostalgie für Sondheim. Das gipfelt zur Pause im heftig beklatschen ikonischen Song "Ich bin noch da", den die famose Bettina Weichert, die legendäre erste Evita der DDR, auf einem Barhocker schmettert.

Follies, Staatsoperette, Dresden, Musical
Große Show – Love Land Bildrechte: Staatsoperette Dresden, Foto Vincent Stefan

Leibeswirbel

Sie lassen sich nicht unterkriegen, diese Ost-Follies: Operettendiva Ingeborg Schöpf alias Heidi ist dabei (die mal von Gerd Natschinski eine Arie geschenkt bekam) Stefanie Dietrich als Stella, die steppt und im Spagat landet. Vor allem aber die beiden Eheleute Frederike Haas und Christian Grygas, Franziska Becker und Marcus Günzel. Sally hatte mal was mit Ben, der hat dann aber doch Phyllis geheiratet und Sally hat sich mit Buddy getröstet. Jetzt aber versuchen sie, die Vergangenheit zurückzudrehen und müssen sich dabei auch noch ihrer jüngeren Alter Egos erwehren. Kein Wunder, dass sie in diesem verrückten Liebesland den Verstand verlieren.

Follies, Staatsoperette, Dresden, Musical
Sally (Frederike Haas) und Buddy (Christian Grygas) Bildrechte: Staatsoperette Dresden, Foto Vincent Stefan

Ein heftig beklatschter Abend

Das ist wunderbar gespielt, gewinnt im zweiten Teil noch an Drive und Spannkraft. Schwerelos gelingen die Verwandlungen auf Sarah-Katharinas Karls meist leerer, dann für ein paar Liedminuten rosaroter Bühne. Organisch entwickelt sich Marie-Christin Zeissets Choreografie, präzise arbeitet Berger die Charaktere heraus. Und über allem schwebt Stephen Sondheims genial ambivalente Musik, deren feine Bläsersätze Peter Christian Feigel im Graben herauskitzelt. Ein heftig beklatschter Abend.

Mit dem ebenfalls zurzeit an den Landebühnen in Radebeul gegebenen "Sunday in the Park with George" ist Dresden augenblicklich die deutsche Sondheim-Hochburg. Verdient, denn nächstes Jahr wird der größte lebende Musicalkomponist 90 Jahre alt.

Follies, Staatsoperette, Dresden, Musical
Das Ballett der Staatsoperette Dresden Bildrechte: Staatsoperette Dresden, Foto Vincent Stefan

Die Aufführung "Follies – Glanz und Schatten der Revue"
Buch von  James Goldman
Musik und Gesangstexte von Stephen Sondheim

Staatsoperette Dresden
Musikalische Leitung: Peter Christian Feigel

Regie: Martin G. Berger
Bühne: Sarah-Katharina Karl
Choreographie: Marie-Christin Zeisset

Nächste Aufführungen:
03.11.2019 | 15:00 Uhr
05.11.2019 | 19:30 Uhr
06.11.2019 | 19:30 Uhr
21.11.2019 | 19:30 Uhr
22.11.2019 | 19:30 Uhr
28.12.2019 | 19:30 Uhr
29.12.2019 | 15:00 Uhr

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MDR KULTUR-Intendantenbefragung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. November 2019 | 09:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. November 2019, 12:15 Uhr

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