Theodor Fontane
Theodor Fontane hatte viele Facetten Bildrechte: dpa

Neues Sachbuch "Fontane – Ein Jahrhundert in Bewegung" Massenmedien und Pauschalreisen – So modern war Theodor Fontane

Im kommenden Dezember jährt sich der Geburtstag Theodor Fontanes zum 200. Mal. Schon jetzt überschlagen sich die Verlage mit Publikationen zu diesem Jubiläum des großen deutschen Schriftstellers, zum Beispiel mit Fontane-Kalender oder einem Fontane-Krimi. Doch es gibt auch Versuche, sich dem Autor jenseits solch populärer Strategien ganz anders zu nähern. Einen hat Iwan-Michelangelo D‘ Aprile unternommen, der seit 2015 als Professor für Kulturen der Aufklärung an der Universität Potsdam lehrt. In seinem Buch „Fontane – Ein Jahrhundert in Bewegung“ findet er einen völlig neuen Blickwinkel auf den Künstler.

von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Theodor Fontane
Theodor Fontane hatte viele Facetten Bildrechte: dpa

So originell wie Iwan D‘Aprile tastete sich bisher kein Germanist an Theodor Fontane heran. Anstatt biografische Details getrennt von historischen Kulissen zu schildern, verankert er den Erzähler und Journalisten tief in seiner Epoche. Bei ihm entpuppt er sich als Indikator geschichtlicher Verwerfungsprozesse:

"Fontane ist ganz klar ein Kind seines Jahrhunderts und auch ein sehr genauer Beobachter dieser doch sehr rasanten Umbrüche des 19. Jahrhunderts", sagt D‘Aprile.

Politische Umbrüche, mediengeschichtliche Umbrüche, Nachrichtenrevolution durch die Erfindung der Telegrafie – all diese Umbrüche hat Fontane in seinem Werk verarbeitet. Auch die neuen Massenmedien wie Zeitungen oder Bildmedien wie Fotografie spielen in seinen Werken zentrale Rollen und zwar nicht nur auf der Gegenstandsebene, sondern auch in seinen Arbeitspraktiken und Arbeitsweisen.

Iwan D‘Aprile

Erste Veröffentlichungen in der Zeitschrift "Die Eisenbahn"

Iwan-Michelangelo D'Aprile: Fontane - Ein Jahrhundert in Bewegung
Bildrechte: Rowohlt-Verlag

In flüssigem, elegantem Stil und mit spürbarem Enthusiasmus berichtet Iwan D‘Aprile, wie sich Fontane aus einem Sumpf widriger Umstände emporarbeitete. Auf keinen Fall wollte der Apothekersohn wie sein Vater enden, der die familieneigene Firma wegen horrender Spielschulden verkaufte. Ihm schwebte eine solide bürgerliche Existenz vor, auf die er jedoch lange verzichten musste. Ungeachtet schwieriger Lebensverhältnisse thematisierte der Autor während aller Schaffensphasen Triumphe der Moderne, wie Iwan D‘Aprile betont. Die erste Literaturzeitschrift, in der er erste Gedichtsübersetzungen aus dem Englischen veröffentlicht habe, war die Leipziger Zeitschrift "Die Eisenbahn".

Seine ganz frühe Erzählung 'Zwei Poststationen', die erst im späten 20. Jahrhundert entdeckt wurde, handelt vom Thema Eisenbahn und stellt der alten Postkutschenreise die moderne Eisenbahnfahrt entgegen. Und das zieht sich bis zum Ende hin, bis zum 'Stechlin', seinen letzten Roman, wo es zum Beispiel zu einer Vergewaltigung im Tunnel während einer Eisenbahnfahrt kommt.

Iwan D‘Aprile

Massentourist und Pauschalreisender

Der deutsche Schriftsteller und Verfasser Theodor Fontane
Theodor Fontane Bildrechte: dpa

Fontane entpuppt sich in Iwan D‘Apriles Buch freilich nicht bloß als passionierter Eisenbahnfan, sondern auch als großer Sympathisant des gerade aufkeimenden Massentourismus. Wiederholt unternahm er Touren mit Reisefirmen, die damals begannen, den Markt zu erobern und heute Branchenriesen sind: "Thomas Cook als Begründer des Massentourismus und der Pauschalreise, wie wir sie heute kennen, und der immer noch als Markenunternehmen bekannt ist, hat in den 1830er Jahren in England sein Unternehmen gegründet und die ersten organisierten Pauschalreisen durchgeführt", erklärt D‘Aprile.

Und nur ganz kurze Zeit später, 1844, war Fontane Teilnehmer einer der ersten Pauschalreisen, die auch in Deutschland stattgefunden haben: Von Hamburg nach London, eine vierzehntägige Pauschalreise.

Iwan D‘Aprile

Serienproduktion: 17 Romane in 18 Jahren

Iwan-Michelangelo D'Aprile
Autor Iwan-Michelangelo D'Aprile Bildrechte: Thomas Roese

Iwan D‘Aprile entwickelte bereits in seiner Jugend eine Leidenschaft für Fontane. Bis heute versucht er seine Studenten für den literarischen Chronisten Preußens zu begeistern. Er weiß, dass nicht alle Bücher des Dichters Höchstleistungen verkörpern. Mit diesem Urteil widerspricht er zu Recht dem verstorbenen Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki, dem Fontane als Hausheiliger galt:

Die späten Romane wie 'Effi Briest' oder 'Der Stechlin' sind schon seine reifsten Romane. Was er davor geschrieben hat, ist viel Serienproduktion. Er hat in den letzten 18 Lebensjahren ja 17 Romane geschrieben.

Iwan D‘Aprile

"Da gibt’s viel Schablonenhaftes", sagt D'April, "aber auch die eher unbekannteren Romanen 'Mathilde Möhring', der im Berliner Studentenmilieu spielt, oder 'Cécile' als Reiseroman im Harz, sind durchaus lesenswert und lese ich immer wieder gerne."

Intelligent und vergnüglich

Iwan D‘Aprile mustert Fontanes Werke jenseits konventioneller Regeln, was seine Einlassungen nirgendwo ins Unseriöse abdriften lässt. Dass er die Texte des außergewöhnlichen Schriftstellers gegen den Strich bürstet, macht  die Lektüre seines von Intelligenz durchströmten Buches absolut vergnüglich.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Januar 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Januar 2019, 11:10 Uhr

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