Szene aus dem Ballett ''Forever Lennon'' aus dem Landestheater Altenburg-Gera.
"Forever Lennon" nimmt die Musik von John Lennon und den Beatles, um ein einzigartiges Ballett auf die Bühne zu bringen. Bildrechte: Bühnen der Stadt Gera/ Katja Wisotzki

Bühnen der Stadt Gera Ballett "Forever Lennon": Ein wahrgewordener Traum

"Forever Lennon" ist die neueste Inszenierung an den Bühnen der Stadt Gera und versprochen wird ein virtuoses Tanzstück zur Musik von John Lennon und den Beatles. Ein Versprechen, das laut unserem Kritiker Wolfgang Schilling eingelöst wird.

Szene aus dem Ballett ''Forever Lennon'' aus dem Landestheater Altenburg-Gera.
"Forever Lennon" nimmt die Musik von John Lennon und den Beatles, um ein einzigartiges Ballett auf die Bühne zu bringen. Bildrechte: Bühnen der Stadt Gera/ Katja Wisotzki

MDR KULTUR: Ich nehme an, Spitzentanz stand bei der Inszenierung nicht auf dem Programm?

Wolfgang Schilling: Rein technisch gesehen nicht. Da ging es tatsächlich auf flacher Sohle durch den Abend. Den man aber ganz getrost unter der Rubrik der Spitzenleistungen von Silvana Schröder abbuchen kann. Sie genießt ja als Chef-Choreografin in Altenburg-Gera das Privileg, sozusagen auch den Soundtrack ihres Lebens vertanzen zu dürfen. Ich erinnere an ihre Ballette "27", wo es zur Musik von Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain und Amy Winehouse um eben diese Musiker ging, die alle mit 27 viel zu früh aus dem Leben geschieden sind. Sie hat die Band Keimzeit und ihre Musik live auf die Ballettbühne geholt. Ja und jetzt beamt sie sich sozusagen zurück in den Soundtrack ihrer Jugend. Und widmet sich – natürlich – der Musik von John Lennon. Aber eben auch dem Geist dieses Mannes. In einem Abend, der ganz in seinem Sinne von "Love and Peace" das Potenzial hat, Herzen zu öffnen.

Das klingt gut und fast schon so, als hätten Sie ein großes Happening erlebt in Gera?

Szene aus dem Ballett ''Forever Lennon'' aus dem Landestheater Altenburg-Gera.
Auch das Bühnenbild nimmt das Motiv einer Mauer auf. Bildrechte: Bühnen der Stadt Gera/ Katja Wisotzki

Ja so könnte man es sagen. Fast schon erstaunlich. Denn natürlich ist bei einer Ballettpremiere – und da nehme ich mich rein altersmäßig überhaupt nicht aus – ein gesetztes Publikum im Saal. Aber genau diese Menschen der Generation 50+ sind ja mit John Lennon und seiner Musik sozialisiert worden. Auch in Gera – will sagen im Osten. John Lennon, die Beatles, später die Plastik Ono Band, die waren auch hinter der Mauer zu hören. Da konnte sich Walter Ulbricht noch so ins Zeug legen, diesem "Yeah Yeah, Yeah"  waren er und seine Genossen eben nicht gewachsen. Und spätestens seit Udo Lindenberg wissen wir ja, was auch Erich Honecker heimlich auf dem Klo gehört hat. Das ist eben Musik, die ins junggebliebene Herz zielt.

Erleben wir also ein John-Lennon-Ballett aus der Sicht des Ostens?

Nein, so einfach macht es sich Silvana Schröder nicht. Aber dieser Blickwinkel, der bleibt nicht ausgespart. Und das ist auch gut so. Denn diese universale Botschaft von "Love and Peace", die wurde und wird ja weltweit wahrgenommen. Universell sozusagen. Und so steigt Silvana Schröder auch ein. Zu Beginn, der eiserne Vorhang ist noch geschlossen, hören wir aus dem Off ein kleines Mädchen, das die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vorliest, die die UNO 1948 in Paris verkündet hat. Und dazu treten aus den Seitengassen die Männer des Balletts. Einer nach dem anderen. 17 an der Zahl.

Szene aus dem Ballett ''Forever Lennon'' aus dem Landestheater Altenburg-Gera.
Insgesamt 30 Tänzer stehen am Abend auf der Bühne. Bildrechte: Bühnen der Stadt Gera/ Katja Wisotzki

Und wahrscheinlich stammen sie aus 13 oder 14 Nationen. Europa, Asien, Südamerika. One World, ganz real selbst in Gera. Und dann hebt sich Vorhang und wir sehen eine ummauerte Fläche. Stacheldraht, Peitschenlampen. Klar, für die einen ist das die Mauer, der antifaschistische Schutzwall – das könnte aber auch ein Hinterhof in Venezuela sein, ein Gefängnis in Texas oder Istanbul. Kein schöner Ort. Das sieht nicht nach Freiheit aus. Aber über allem schwebt im wahrsten Wortsinn die Musik von John Lennon. Denn über diesem assoziationsreichen Bühnenbild von Andreas Auerbach sitzt eine Liveband und steigt mit John Lennons "Dream" ein. Und die jungen Männer da unten beginnen zu tanzen. Einzeln. Kleine Soli. Ziemlich überdrehte klassische Pirouetten sind das, die dem Breakdance sehr verwandt scheinen.

Das ist Kraft, das ist Sehnsucht, das ist Freiheit.

Wolfgang Schilling, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Und dann schauen auch schon mal kurz die ersten Mädchen rein, um die sich dann ganz schnell alles dreht.

Sie sagen Band, also Live-Musik?

Ja und zwar vom Feinsten. 26 Titel spielt die Forever-John-Lennon-Band um ihren Frontmann Johnny Silver, der seit fast 30 Jahren so etwas wie ein Wiedergänger seines großen Vorbilds auf Musical, Show und Konzertbühnen ist. Mit einer geradezu schon erschauernd schönen Nähe zum Original. Auch das ist gelungen.

Sie sprachen von 17 Tänzern zu Anfang. Die Frauen noch nicht mal mitgezählt. Ich wusste gar nicht, dass Altenburg-Gera so ein großes Ballett hat.

Szene aus dem Ballett ''Forever Lennon'' aus dem Landestheater Altenburg-Gera.
Tänzer des Programms "Eleven Programm" stehen mit auf der Bühne. Bildrechte: Bühnen der Stadt Gera/ Katja Wisotzki

Hat es streng genommen auch gar nicht. Die Companie umfasst 20 Tänzer und Tänzerinnen. Seit neustem gibt es am Haus aber ein "Eleven Programm". In dem sind aktuell 12 ganz junge Tänzer, die ihre Ausbildung in Berlin, an der Palucca-Schule, in Zürich und in Südamerika absolviert haben und hier in Gera ein Jahr lang erste Theatererfahrungen machen. Sie trainieren mit der Companie und bekommen in ausgewählten Projekten auch die Chance mitzutanzen. Insofern kann Silvana Schröder hier aus dem Vollem schöpfen. 17 Männer, 13 Frauen wenn ich in dem Wirbel richtig mitgezählt habe. Eine große Gruppe.

Was gibt es trotzdem solistisch herauszuheben?

Hier wird ganz auf die übliche Unterscheidung von Solisten und Gruppe verzichtet. Auch hier also der Gedanke von "One World" und Gleichheitsgrundsatz. Jeder und jede hat mal die Chance sozusagen solistisch oder mit einem Partner aus der Reihe zu tanzen. Silvana Schröder setzt dabei sehr auffallend auf die Technik der Pirouette, der sie viele interessante und innovative Varianten abgewinnt.

Sie beweist auch Humor. Etwa wenn sie zu "Give Peace a Chance", die in den Diskotheken unserer Jugend zelebrierte Nummer aus dem Film "Blutige Erdbeeren" schön verfremdet und in einem folkloristisch gegenläufigen Kreistanz die Männer außen, die Frauen innen, enden lässt. Ja, wer weiß denn, wie man die  Musik von John Lennon in Albanien tanzt.

Szene aus dem Ballett ''Forever Lennon'' aus dem Landestheater Altenburg-Gera.
Im Mittelpunkt: John Lennon und seine Vision einer besseren Welt. Bildrechte: Bühnen der Stadt Gera/ Ronny Ristok

In Erinnerung bleibt aber eine großartige Gruppe von jungen Menschen, die die Idee des Träumers John Lennon von einer besseren Welt im wahrsten Wortsinn in Bewegung bringt.

Wolfgang Schilling, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Viel mehr geht nicht. Das hat offensichtlich auch Yoko Ono so verstanden, die sehr streng über das künstlerische Erbe ihres Mannes wacht, sich aber nach anfänglichen Vetos von dieser nun zu sehenden Arbeit auch überzeugen ließ. Das fiel dem Publikum in Gera offensichtlich sehr viel leichter. Das dankte mit stehenden Ovationen. Und vielen Begeisterungsausbrüchen auch schon während des Programms. Auf den T-Shirts der Tänzer waren Lennon-Texte zitierende Wörter wie "Peace", "Love", "Give" oder "You Are Here" zu lesen. Auf dem der Choreografin war beim Schlussapplaus "Dream" zu lesen. Silvana Schröder hat einen wahr werden lassen. Nicht nur ihren eigenen.

Die Fragen stellte MDR KULTUR-Moderator Ben Hänchen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Mai 2019 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Mai 2019, 12:29 Uhr

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