Foto-Ausstellung in Quedlinburg Die Welt durch andere Augen sehen

Die Ausstellung "Willkommen im Abschied" in der Lyonel-Feininger-Galerie stellt die Werke dreier Fotografen nebeneinander. Sie nehmen den Betrachter u.a. mit in die apokalyptisch scheinenden Welten bei Tschernobyl.

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR

Bis zum 30. April gibt es Fotografien zum Thema Abschied und Neuanfang in der Quedlinburger Lyonel-Feininger-Galerie zu sehen. "Willkommen im Abschied" lautet der Titel der Sonderschau. Die Bilder dreier Fotografen erzählen darin von verschiedenen Enden der Welt. Der Besucher wird in die Lage versetzt, sie aus der Perspektive der Fotokünstler zu sehen. Es sind persönliche Interpretationen von Abschieden und Neuanfängen - diese zeigen auch, dass sich die Erde trotz allem weiterdreht.

Russlanddeutsche Porträts

Eine junge Frau hält eine Blumenvase in der Hand und schaut in die Kamera.
Ira Thiessen: Aljonushka, aus der Serie: Privet Germania, 2014/15, Digital Fine Art Prints Bildrechte: Ira Thiessen

In der Serie "Privet Germania" ("Hallo Deutschland") setzt sich die Russlanddeutsche Ira Thiessen mit ihrer Identität und ihren Wurzeln auseinander: Es sind Menschen, deren Vorfahren vor langer Zeit ins Zarenreich auswanderten und die heute eine der größten Zuwanderergruppen in Deutschland bilden, in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Ira Thiessen entschied sich, für ihre Porträts die privaten Lebensräume zu bevorzugen - kein Studio, keine Straßenbilder, kein Arbeitsmilieu, keine Fremdheit. Darüber hinaus durfte sich jeder so zeigen, wie er selbst gern gesehen werden wollte. Das Andere ist hier dennoch immer auch das Fremde und an dieser Stelle entwickeln Thiessens Fotografien ihre Brisanz.

Land der "Bastarde"

Julia Runge: Chomma
Julia Runge: Chomma, aus der Serie: Basterland, 2014–2016, Digital Fine Art Prints Bildrechte: Julia Runge

"Basterland" heißt die zweite Bildserie in der Quedlinburger Ausstellung. Kaum jemand kennt dieses tatsächlich existierende Land, es liegt in Namibia, etwa 80 Kilometer südlich von Windhoek. Dessen Bevölkerung, die Baster (afrikaans für "Bastarde"), versteht sich als die Minderheit einer eigenen Ethnie. Die Geschichte dieses Volks ist die Geschichte einer über Jahrhunderte verteidigten Selbstbehauptung. Die Berliner Fotografin Julia Runge arbeitete für diese Fotoserie von 2010 bis 2012 in Namibia. In ihren fotografischen Arbeiten beschäftigt sie sich vorwiegend mit sozialem Engagement und gesellschaftlichen Strukturen.

Todeszone Tschernobyl

Semjon Prosjak: Ohne Titel, Lyonel-Feininger-Galerie, Quedlinburg
Semjon Prosjak: Ohne Titel, aus der Serie: Sednjew, 1976–1986, Handabzüge Bildrechte: Semjon Prosjak, Repro: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt

Der ukrainische Fotograf Semjon Prosjak hat noch Bekanntschaft mit der sowjetischen Zensur machen dürfen, in der die Kunst der kommunistischen Propaganda zu dienen hatte. Seine Bilder von Sednjew, einem ukrainischen Dorf nahe Tschernobyl, sind aber keine Dokumente eines Dissidenten. Die gezeigte Totalität der Einsamkeit ist so überwältigend, dass sie jeden, auch den Fotografen, auf Abstand hält. Aus diesem distanzierten Blickwinkel wird klar, dass die Landschaft unser Urteil nicht braucht - und auch keine Menschen. Der Reaktorunfall von Tschernobyl hat das Land zur Todeszone gemacht. Das Menetekel der Bilder ist vollendet.

Zur Ausstellung "Willkommen im Abschied"
Fotografische Positionen über Fremdheit und Nähe von Ira Thiessen, Julia Runge und Semjon Prosjak.

Vom 3. Februar bis zum 30. April 2018
Lyonel-Feininger-Galerie, Quedlinburg

Öffnungszeiten:
Mi–Mo 10:00–17:00 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kunstkalender | 01. Februar 2018 | 17:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Februar 2018, 01:00 Uhr

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