Fotoband "Zwischenzeiten" Michael Kerstgens zeigt Alltagsbilder aus der Wendezeit

Als junger Fotograf kommt Michael Kerstgens nach Mühlhausen. "So eine Stadt hatte ich noch nie gesehen", sagt er. Und so knipst er unvoreingenommen Fotos von den Menschen zwischen Mauerfall und deutscher Einheit.

von Hans-Michael Marten, MDR KULTUR

In einer Wüste aus Dreck, Müll, Plattenbauten und Fachwerk blickt ein Kind in die Kamera. Im Hintergrund eine Kirche. Ob es die Kirche ist, in der J.S.Bach einst als Organist mit seiner Musik die Gegend erheiterte, ist auf den ersten Blick nicht auszumachen. Ein anderes Bild zeigt gleißendes Licht, das in eine Gasse fällt, die man getrost als typisch ostdeutsch bezeichnen darf – ohne zu denunzieren, nur beschreibend.

Ist-Zustand einer Stadt

"Zwischenzeiten" nennt Michael Kerstgens seinen Fotoband, in dem er Bilder präsentiert, die er 1990 in Mühlhausen fotografierte. Als junger Fotograf hatte er einen Auftrag vom "Stern": Er sollte die verfallene Stadt, in der Thomas Müntzer einst gegen den Feudalismus antrat, fotografieren. Also ist Kerstgens im Frühjahr vor 29 Jahren durch Mühlhausen gezogen und hat festgehalten, was er sah. Den Ist-Zustand. Die Mauer war gefallen, die Wiedervereinigung folgt dann im Oktober, doch das wusste noch keiner. Diese Fotos einer Stadt, der Stadt Mühlhausen, erscheinen jetzt in dem Buch.

Ratlose Bewohner

"Bei mir steht, auch wenn es Stadtporträts sind, der Mensch immer im Vordergrund“, sagt Kerstgens. "Weil für mich das Partizipierende immer sehr wichtig ist. Aber im Grunde genommen geht´s um Wandel." Seine Bilder zeigen die Gesichter, zeigen die staunenden Blicke auf die erste Videothek der Stadt. Das Wort Zukunft hat in dieser Zeit, in dieser Gegend Konjunktur. "Die Ratlosigkeit der Bewohner war offensichtlich", erinnert sich der Fotograf.

"Solche Städte kannte ich nicht"

Nachdem Michael Kerstgens, Jahrgang 1960, wusste, dass er nicht Speditionskaufmann werden will, studierte er Fotografie. Er wurde in Süd-Wales geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. An seinem Geburtstag war immer Feiertag, der 17. Juni. Sehr viel mehr Berührungen mit dem Osten und der DDR hatte er nicht, als er nach Mühlhausen kam. Lediglich 1987 begegnete er durch Zufall in Warschau der Punkband Feeling B. Ausgerechnet Leuten, die mit der DDR so gar nichts am Hut hatten – oder eben sehr viel. Wie man will.  "Da war 'ne innere Freiheit. Die haben sich da schon um nichts mehr geschert und wirklich ihr Ding gemacht", erinnert sich der Fotograf. Das habe ihn sehr beeindruckt. "Ansonsten war für mich natürlich die DDR, die war da drüben. Und dann bin ich im Februar, März hier nach Mühlhausen gekommen und das hat mich dann so richtig gegriffen. Also solche Städte kannte ich nicht."

Uvoreingenommene Momentaufnahmen

Er hat sich eingelassen auf die Stadt und ihre Menschen – unvoreingenommen, das sieht man seinen Fotos an. "Sie merken, wenn man nur auf ihre Bilder scharf ist", sagt der Fotograf. Er kam mit ihnen ins Gespräch und sie öffneten ihm ihre Türen. Und so entstanden Bilder, die oft mehr sind als dokumentarische Straßenfotografie. Fotografien, die keine Kunst sein wollten, es vielleicht aber durch die Zeit geworden sind. Sie wirken wie Schnappschüsse, wie hektisch festgehaltene Momente, weil der Fotograf kaum verstehen konnte, was er erblickte.

"Da gibt es dieses eine Haus, ich glaube in der Brückenstraße. Die Fassade stand. Da war ein Haufen Braunkohlebriketts vor der Tür", erinnert sich Kerstgens. "Und dann bringt der die rein und ich geh hinter ihm her. Das Haus ist praktisch nicht mehr da. Das ist komplett zerfallen." Das sei sinnbildlich für das gewesen, was er empfunden habe: "Die Fassade war noch da, aber die Substanz war marode und verfallen. Und das nagt natürlich auch an den Menschen."

Erzählungen des Alltags

Was erzählen diese Fotos zwischen bröckelnder Bausubstanz und Stone-Washed-Jeans heute noch? Sie erzählen vom Alltag damals und vielleicht ein bisschen davon, wie alles so werden konnte, wie es heute ist. Vielleicht spürt der Eine, wie es sich anfühlte im Februar 1990, als die erste demokratische Wahl in der DDR vor der Tür stand, der Zweite erinnert die Unsicherheit, mit der das Wort "Zukunft" verbunden war, und der Dritte erschrickt, wie grau alles war, das er, obwohl mittendrin, nie wahrgenommen hatte.  

Auf dem Untermarkt in Mühlhausen ist ein Gedanke von Friedrich Schorlemmer verewigt: "Die Mühen der Unfreiheit liegen hinter uns. Die Mühen der Freiheit liegen vor uns." Vielleicht erzählen die Bilder genau davon.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 10. Oktober 2019 | 22:25 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2019, 07:36 Uhr

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