Sachbuch Warum 1979 die Welt von heute begann

Die Polen-Reise von Papst Johannes Paul II., der Atom-Unfall bei Harrisburg, die Wahl Margaret Thatchers, vietnamesische Bootflüchtlinge, der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan, die Revolution im Iran und in Nicaragua, Chinas Öffnung unter Deng Xiaoping, die zweite Ölkrise und die Fernsehserie "Holocaust". Es sind Ereignisse, die 1979 die Türen zu unserer Gegenwart aufstießen und Herausforderungen ankündigten. Dieser Auffassung ist der Potsdamer Historiker Frank Bösch. Sein Sachbuch: "Zeitenwende 1979 - Als die Welt von heute begann" ist ein exzellent geschriebener Text und eine Schatzkammer historischen Wissens, meint unser Kritiker.

von Bastian Wierzioch, MDR KULTUR

Paula Richmond wartet am 10.04.1979 mit ihrer Tochter Michelle und dem Nachbarn Miachel Connors auf den Schulbus.
Im Kernkraftwerk Three Mile Island/Harrisburg kam es im März 1979 zum bisher schwersten Atomunfall in den USA. Eine radioaktive Wolke wurde noch mehrere hundert Kilometer vom Unglücksort gemessen. Mehr als 200.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Am 10.04.1979 nahmen die Schulen des Distrikts Middletown den Unterricht wieder auf. Bildrechte: dpa

Insgesamt zehn Ereignisse aus dem Jahr 1979 untersucht der Professor für Europäische Geschichte Frank Bösch in seinem sehr lesenswerten Sachbuch "Zeitenwende 1979".

In diesem Jahr häuften sich globale Ereignisse, die Türen zu unserer Gegenwart aufstießen. In zahlreichen Ländern kam es zu Revolutionen, Umbrüchen und Krisen, die viele Herausforderungen unserer heutigen Welt ankündigten.

Aus "Zeitenwende 1979 - Als die Welt von heute begann"

Energiepolitischer Wendepunkt mit gravierenden Auswirkungen

Frank Bösch: Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann
Cover des Buches "Zeitenwende 1979" von Frank Bösch Bildrechte: C.H.Beck

Dass das Jahr 1979 besonders viele bedeutsame Ereignisse mit sich brachte, war vor Frank Bösch schon anderen Historikern aufgefallen. Auf sie bezieht sich der Potsdamer Professor, zudem auf seine eigenen Archivrecherchen mit teils verblüffenden Ergebnissen sowie auf Fallstudien und Zeitzeugengespräche.

Zum Beispiel: Der AKW-Unfall bei Harrisburg in den USA. Am 28. März 1979 kam es im Atomkraftwerk Three Mile Island zu einer partiellen Kernschmelze. Für Autor Bösch ein energiepolitischer Wendepunkt mit gravierenden Auswirkungen auf "öffentliche Meinungen, politische Entscheidungen und technische Reformen".

Seit dem Harrisburg-Unfall sprachen selbst Befürworter der Atomenergie eher vorsichtig von einer Übergangstechnologie, die für eine gewisse Zeit nötig sei. In der Bundesrepublik bereitete dies semantisch den Ausstieg vor, den die rot-grüne Regierung im Jahr 2001 vereinbarte und Angela Merkels Kabinett schließlich 2011 fixierte.

Aus: "Zeitenwende 1979 - Als die Welt von heute begann"

Die iranische Revolution und der islamische Fundamentalismus

Nach 15 Jahren im Exil kehrte der Geistliche Ayatollah Khomeini am 1. Februar 1979 in sein Heimatland zurück. Für Bösch ein Umbruch, der "für das Aufkommen eines radikalen politischen Islams stand". So schreibt er in seinem Buch: "Von der iranischen Revolution führt kein direkter Weg zu den Anschlägen vom 11. September 2001. Dennoch betrat mit ihr der islamische Fundamentalismus mit einem Paukenschlag die Weltbühne. Die islamisch geprägte Welt und der Westen nehmen sich seit dieser Zeit stärker als feindliche Sphären wahr."

Die Beweisführung von Frank Bösch funktioniert

Die Politik der britischen Premierministerin Margaret Thatcher als Wegbereiterin für eine ungezügelte und kaum kontrollierte Wirtschaftswelt. Die wirtschaftliche Öffnung Chinas durch Parteichef Deng Xiaoping als wichtige Weichenstellung für die Globalisierung. Die Aufnahme hunderttausender Boat People, Flüchtlinge aus dem kommunistischen Vietnam, als Vorbote späterer Auseinandersetzung über Migranten.

"Für die bundesdeutsche Migrationsgeschichte waren die Jahre nach 1979 ein Wendepunkt, der auf die Herausforderungen der Gegenwart verweist", schreibt Bösch. "Vieles erinnert an die späteren Flüchtlingswellen nach 1990 und 2015: Eine anfängliche Solidarität ging mit dem Aufflackern ausländerfeindlicher Stimmungen einher, wodurch die engagierte Aufnahmebereitschaft in schärfere Gesetze in der Asyl- und Ausländerpolitik mündete. Dabei zeigte gerade die Aufnahme der Boat People, wie Integration gelingen kann."

1979: Ein mit wichtigen Ereignissen übervolles Jahr

Manche Begebenheiten streift der Autor nur, so wie den Nato-Doppelbeschluss oder das Camp-David-Abkommen. Doch trotz des Ereignisreichtums erklärt Frank Bösch dieses Jahr richtigerweise nicht zu einer "Superzäsur". Er eröffnet mit seinem Ansatz vielmehr neue Sichtweisen neben der "üblichen Konzentration auf die Jahre 1945 und 1989". Eine Strategie, die aufgeht. Und so hat Frank Bösch einen exzellent geschriebenen und akribisch recherchierten Text vorgelegt, eine Schatzkammer historischen Wissens - Interessierten wie Kennern gleichsam empfohlen.

Angaben zum Buch Frank Bösch: "Zeitenwende 1979 - Als die Welt von heute begann" Erschienen bei C.H.Beck
512 Seiten, 20 Abbildungen
Gebunden, 28 Euro
ISBN: 978-3-406-73308-6

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 06. Februar 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Februar 2019, 04:00 Uhr

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