Der Theologe und Publizist Frank Richter.
Frank Richter wurde 1960 in Meißen geboren. Er gründete die "Gruppe der 20" in der Friedlichen Revolution in der DDR. Von 2009 bis 2016 leitete er die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung. Bildrechte: dpa

Sachbuchkritik "Gehört Sachsen noch zu Deutschland?" – Frank Richter zieht Bilanz

Der Bürgerrechtler und Theologe Frank Richter engagiert sich seit 30 Jahren politisch in Sachsen und gilt seit der Friedlichen Revolution als Vermittler zwischen verhärteten Fronten. Auch in seiner Zeit als Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung (2009-2016) setzte er auf Dialog mit rechten Bewegungen. In seinem neuen Buch "Gehört Sachsen noch zu Deutschland?" zieht er eine bittere Bilanz und warnt vor grundlegenden Gefahren für die Demokratie – nicht nur in Sachsen.

von Vladimir Balzer, MDR KULTUR

Der Theologe und Publizist Frank Richter.
Frank Richter wurde 1960 in Meißen geboren. Er gründete die "Gruppe der 20" in der Friedlichen Revolution in der DDR. Von 2009 bis 2016 leitete er die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung. Bildrechte: dpa

Da ist er also wieder, der Mann der damals den Dialog mit Pegida versuchte. Der dafür von einigen verlacht wurde, der aber nicht müde wurde. Der es für sich als Erfolg verbucht, dass statt der damals 20.000 Menschen nur noch 2.000 jede Woche in Dresden demonstrieren. Der aber ernüchtert ist, wie in seinem neuen Buch deutlich wird. Der die Grenzen des Dialogs erkennt. Der eher noch mehr Gefahren für die demokratische Kultur seiner Heimat sieht als vor einigen Jahren. Und der fragt: Gehört Sachsen noch zu Deutschland?

Das Buch, das ich geschrieben habe, ist das Warnsignal: Hütet euch vor den rechten Ideologen. Hütet euch davor, diesen politischen Weg weiter zu gehen.

Frank Richter, Bürgerrechtler und Theologe

Vergleiche mit der späten Weimarer Republik

Frank Richter warnt vor AfD-Vertretern wie dem sächsischen Bundestagsabgeordneten Jens Meier oder dem Thüringer Rechts-Außen Björn Höcke. Er warnt vor dem neurechten Verleger Götz Kubitschek. Er warnt vor denen, die er gefährliche Ideologen nennt.

Ich sehe hier Destabilisierungstendenzen der freiheitlich demokratischen Grundordnung gegenüber. Diese Tendenzen hatten wir schon mal. Manches, was wir jetzt erleben, erinnert doch auf eine fatale Weise an die 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts.

Frank Richter, Bürgerrechtler und Theologe

Dramatischer kann es kaum werden. Sachsen und Deutschland im Jahr 2019 mit der späten Weimarer Republik zu vergleichen – eine Analogie, die die meisten Historiker ablehnen, die aber zeigt, wie groß die Sorge eines Mannes ist, der immer für Ausgleich stand, nicht für Zuspitzung.

Persönliche Begegnungen, die Erklärungen liefern

Er beschreibt in seinem Buch eindringlich Begegnungen mit verbitterten, verschlossenen, hasserfüllten Menschen, die nicht mehr zugänglich sind. Er versucht es trotzdem und entdeckt biografische Verwerfungen: "Wir waren in den Jahren 1990 doch sehr mit dem Aufbau des Äußerlichen beschäftigt. Das ist auch gelungen! Schauen Sie sich die schönen Innenstädte an, die gute Infrastruktur. Aber was fehlte, ist die Software dieser Gesellschaft, die menschliche Seite, die gesellschaftliche, die demokratische. Die hatten wir nicht genug im Blick. Nach diesen 30 Jahren zeigt sich, dass viele Menschen sagen: Wir sind nicht mitgekommen."

Alles Dinge, die den Hass nicht rechtfertigen, aber die vielleicht Erklärungen liefern. Diese sind vielleicht nicht neu, aber Richter hat den großen Vorteil, nicht theoretisch zu argumentieren, sondern in hunderten Begegnungen seine eigenen Erfahrungen gemacht zu haben. Richter ist ein Mann, der nicht kalt analysiert, sondern leidet an seiner Heimat, sie verbessern will und daran glaubt, dass Ermutigung jedem einzelnen helfen kann.

Richter übt auch Kritik an der sächsischen CDU

Und er hat Erklärungen dafür, warum nun gerade Sachsen anfälliger gegen Rechts-außen-Ideologien scheint: Das Monarchische Element, repräsentiert durch Kurt Biedenkopf, auf andere Art auch durch Stanislaw Tillich. Überhaupt die Selbstgefälligkeit der seit drei Jahrzehnten regierenden CDU, wie er meint. Übrigens eine Partei, der er bis letztes Jahr noch angehörte. Der tief verankerte Konservatismus gerade in Dresden und in ländlichen Gebieten. Der Wegzug junger, weltoffener Leute in den Westen. Die politischen Schieflagen in Jusitiz und Polizei.

Frank Richter: Gehört Sachsen noch zu Deutschland
Frank Richters Buch "Gehört Sachsen noch zu Deutschland?" ist im Ullstein Verlag erschienen. Bildrechte: Ullstein Verlag

Richters Buch beschränkt sich aber bei weitem nicht auf den Freistaat. Es ist eine Abhandlung über den ganzen Osten, über die Kränkungen und Überforderungen der letzten drei Jahrzehnte und über daraus resultierenden Frust. Was also tun? Richter zeigt sich in seinem Buch als besorgter politischer Seelsorger und als jemand, der die Hoffnung nicht verloren hat, auch wenn sich sein neuer Band phasenweise sehr deprimierend liest.

Wenn ich nicht genau weiß, was ich tun soll, dann sollte ich wissen, was ich nicht tun darf. Gleichwohl wie problematisch die Integration von Flüchtlingen ist, gleichwohl wie viele Probleme die Weltpolitik gerade macht, ich darf nicht hetzen, ich darf andere Menschen nicht herabsetzen, ich darf keine Asylbewerberheime attackieren. Das darf ich einfach nicht.

Frank Richter

Und weiter sagt Richter: "Wir sind gerade in einer Orientierungsphase. Wir brauchen eine Stabilisierung durch Moral, durch Ethik, durch demokratische Standards. Und – das Gute wächst von unten!"

Ein Plädoyer für den Dialog

Dieses Buch ist sicher keine wissenschaftliche Analyse, auch kein politisches Thesenbuch. Es ist das Dokument eines sächsischen Bürgers, der mehr als die meisten für eine Kultur des Dialogs in einem zerrütteten politischen Umfeld getan hat. Wer verstehen will, was Dialog bewirken kann und was die nächste Landtagswahl für Sachsen bedeutet, der sollte dieses Buch lesen.

Frank Richter: Gehört Sachsen noch zu Deutschland 4 min
Bildrechte: Ullstein Verlag
Frank Richter: Gehört Sachsen noch zu Deutschland 4 min
Bildrechte: Ullstein Verlag

Angaben zum Buch Frank Richter: "Gehört Sachsen noch zu Deutschland? Meine Erfahrungen in einer fragilen Demokratie"
Ullstein Verlag, 2019
128 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-5502-0035-9
15,00 Euro
Erschienen am 15.03.2019

Frank Richter auf der Leipziger Buchmesse 24. März 2019 | MDR-Stand | 10:00-10:30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Diskurs | 23. März 2019 | 19:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. März 2019, 04:00 Uhr

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