Frank Sinatra
Frank Sinatra - geboren wurde er am 12. Dezember 1915 in Hoboken, New Jersey. Bildrechte: IMAGO

20. Todestag Frank Sinatra - Der erste Popstar der Musikgeschichte

Heute vor zwanzig Jahren starb Frank Sinatra, dessen Schaffen allzu häufig auf seine späten Hits wie "New York, New York" oder "My Way" reduziert wird. MDR KULTUR-Autor Sky Nonhoff über eine beispiellose Karriere, die sogenannte Sinatramania und den Mann, der den amerikanischen Traum in Pop verwandelte.

Frank Sinatra
Frank Sinatra - geboren wurde er am 12. Dezember 1915 in Hoboken, New Jersey. Bildrechte: IMAGO

Zu Beginn waren andere die Stars: Tommy Dorsey, seine Posaune und sein Orchester. Der schmächtige Italiener mit den Riesenohren, der zwischendurch mal Strophe plus Refrain singen durfte, war Beiwerk, wenn auch nicht ganz ohne Talent. Frank Sinatra hatte zuvor als singender Kellner in einer Bar gearbeitet. Dorsey gab ihm den wohlgemeinten Rat, morgens im Schwimmbad ein paar Runden zu tauchen, um sein Lungenvolumen zu erweitern.

Sinatra besetzt eine Lücke

Rat Pack (l-r): Frank Sinatra mit seinen Kollegen Sammy Davis jr. und Dean Martin
Das "Rat Pack": Frank Sinatra mit seinen Kollegen Sammy Davis jr. und Dean Martin. Bildrechte: dpa

Vier Jahre später, 1944, wurde Sinatra nur noch ehrfürchtig "The Voice" genannt. Er hatte das gewisse Etwas, eine Aura aus Glamour und Verletzlichkeit. "Die Mädchen waren einsam", beschrieb er später die Situation, "Für sie war ich der Junge aus dem Laden an der Ecke, der drüben in Übersee an der Front war". Als die jungen Soldaten nach dem Krieg heimkehrten, war Sinatra für sie nicht weniger als der personifizierte amerikanische Traum – der Beweis, dass es selbst ein Spaghetti mit Henkelohren aus Hoboken, New Jersey, nach ganz, ganz oben schaffen kann.

Ganz oben

Sinatra war der erste Popstar der Musikgeschichte: Seine weiblichen Fans bestachen Zimmermädchen, um nur ein einziges Mal sein Hotelbett berühren zu dürfen, und bei seinen Gigs in New York 1944 verloren so viele enthusiasmierte Girls die Kontrolle über ihre Blase, dass Dutzende zusätzlicher Reinigungstrupps angefordert werden mussten. Dass die Teenager der nächsten Generation zu Elvis überliefen, quittierte er mit sizilianischem Lächeln, und einem tätowierten Lümmel wie Robbie Williams hätte er womöglich einen abgeschnittenen Pferdekopf unter die Schmusedecke schmuggeln lassen. Schon 1944 hatte er an der Havanna-Konferenz der Cosa Nostra auf Kuba teilgenommen, und in der heutigen Hip-Hop-Szene heißt er nur O.G.: The Original Gangster.

Ein Italiener in den USA

Sinatras Tochter Nancy hat einmal gescherzt, ihr Vater würde die Speisekarten sämtlicher italienischen Restaurants von Los Angeles kontrollieren. 200 Millionen Platten hat er verkauft, der Sänger, den sie "Il Boss" oder auch "Il Padrone" nannten. Der Souverän, dessen jugendlicher Charme sich mit den Jahren in eine gefrorene Maske mit Corega-Tabs-Grinsen verwandelte. Gern hörte er übrigens Puccini, und da schließt sich der Kreis: von der großen Oper zum größten Sänger in der Tradition des italienischen Belcanto, der gleich zur Rechten von Caruso und Mario Lanza sitzt.

Für nichts hat Sinatra sich mehr geschämt als für das dröhnende Pathos von "My Way", der Breitwandhymne für alle, die glauben, im Leben alles richtig gemacht zu haben. Er selbst gab so gut wie nie etwas über sich preis, und es erstaunt wenig, dass sein bester Freund in einer Flasche mit der Aufschrift "Jack Daniel's" wohnte. Am nächsten ist Sinatras ungreifbarer Persona der Schriftsteller Gay Talese gekommen.

Frank Sinatra hielt an einer roten Ampel. Vor dem Zebrastreifen stand ein junges Mädchen Anfang zwanzig und starrte zu ihm herüber. Er sah sie aus seinem Augenwinkel, und da ihm so etwas fast jeden Tag passierte, wusste er auch, was sie dachte: Er sieht genauso aus, aber ist er es wirklich? Kurz bevor die Ampel auf Grün sprang, drehte Sinatra ihr das Gesicht zu, sah ihr direkt in die Augen und wartete auf die Reaktion, die nun unweigerlich kommen musste. Genauso war es auch. Er lächelte, sie lächelte. Und dann war er auch schon weg.

Auszug aus "Frank Sinatra ist erkältet" von Gay Talese

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Mai 2018 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Mai 2018, 15:22 Uhr