Cover Frantumaglia
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Hörbuch mit persönlichen Texten erschienen "Frantumaglia" - Verrät dieses Hörbuch, wer Elena Ferrante ist?

Die italienische Schriftstellerin Elena Ferrante ist ein literarisches Phänomen. Mit den vier Romanen ihrer Neapolitanischen Saga um die Freundschaft von zwei Mädchen wurde sie weltberühmt, doch noch immer weiß niemand genau, wer sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verbirgt. Dennoch gibt Elena Ferrante durchaus Auskunft über ihr Leben und Schreiben, wenn auch nur in schriftlicher Form. Einige dieser Texte sind nun unter dem Titel "Frantumaglia. Mein geschriebenes Leben" erschienen und das Hörbuch dazu hat wie alle anderen Ferrante-Text auch, die Schauspielerin Eva Mattes eingesprochen. Bettina Baltschev stellt das Hörbuch für MDR KULTUR vor.

Cover Frantumaglia
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Wie viel muss eine Schriftstellerin von sich preisgeben? Was tut ihre Persönlichkeit zu Sache und verpflichtet Erfolg dazu, sich öffentlich zu erklären, sicht sichtbar zu machen? Seit der weltweiten Aufmerksamkeit für "Meine geniale Freundin", dem Roman um eine Mädchenfreundschaft in Neapel, wird diese Frage eifrig diskutiert. Manche nehmen es Elena Ferrante regelrecht übel, dass sie sich bis heute weigert, ins Rampenlicht zu treten. Dabei könnte man sie auch einfach für ihre Konsequenz bewundern. Schließlich schreibt sie schon 1991 an ihre italienische Verlegerin einen Brief, in dem sie recht überzeugend erklärt, warum sie für Romandebüt "Lästige Liebe" ein Pseudonym gewählt hat und warum sie keine Einladungen zu Lesungen oder Fernsehinterviews annehmen werde:

Wie du weißt, fällt es mir schwer, die Gründe für meine Entscheidung umfassend darzulegen. Aber du sollst wissen, dass ich eine kleine Wette mit mir, mit meinen Überzeugungen abgeschlossen habe. Ich glaube, Bücher brauchen, wenn sie einmal geschrieben sind, keinen Autor mehr. Wenn sie etwas zu erzählen haben, finden sie früher oder später ihre Leser. Und wenn nicht, dann eben nicht. Dafür gibt es viele Beispiele. Ich liebe diese geheimnisvollen Bücher aus alter und neuer Zeit, die zwar keinen bestimmten Autor haben, aber trotzdem ein intensives Eigenleben geführt haben und noch führen.

Elena Ferrante

Einblicke in Ferrantes Leben

Eine Frau genießt das abendliche Panorama Neapels, von einer Dachterasse aus.
Ferrantes Heimatstadt Neapel Bildrechte: imago/Photocase

Nun könnte Elena Ferrante es dabei belassen, ihren eigenen Büchern bei ihrem überaus erfolgreichen Eigenleben zuzuschauen. Doch offensichtlich hat sie etwas zu sagen, dass über die reine Fiktion hinausgeht. In "Frantumaglia. Mein geschriebenes Leben" sind Essays, Briefe und schriftliche Interviews aus drei Jahrzehnten versammelt. Auch hier werden keine persönlichen Geheimnisse gelüftet, aber man erhält Einblick in das Leben und Arbeiten einer nachdenklichen und ernsthaften Schriftstellerin. Die zum Beispiel erklärt, wie wichtig die Stadt Neapel für ihr Schreiben ist. 

Aus "Frantumaglia" Ich habe Neapel früh verlassen, dann an verschiedenen, weit entfernten Orten gelebt. Doch mit keinem anderen Wohnort bin ich je richtig vertraut geworden. Sie waren alle nur Prothesen, allerdings mit unterschiedlichen Auswirkungen. Entweder bleiben Städte tote Materie, für immer fremd, oder sie schmiegen sich an und werden Teil deiner Gefühlswelt. Nur im zweiten Fall haben Städte für mich eine Bedeutung. Im Guten wie im Schlechten.

Und so wie Elena Ferrante über Neapel schreibt, so schreibt sie unter anderem auch über Lüge und Wahrheit, über Schuld und über die Medien, die sie regelrecht bedrängen, sich zu zeigen. Es sind kritische Worte, denen sie ein Plädoyer für die Liebe gegenüberstellt. Ein Plädoyer, dass sich durchaus als politische Botschaft lesen lässt.

Aus "Frantumaglia" Solange sich keine Kultur der Liebe ausbreitet und damit meine ich Solidarität, Respekt, Engagement für ein gutes Leben für alle, also ein Gegenmittel gegen den Wahn, Gegner müsse man vernichten, wird der Realismus aus Feuer und Eisen dafür sorgen, dass jede Form von gesellschaftlichem Konsens provisorisch bleibt, nur eine Art Waffenstillstand, um Luft zu schöpfen und den Vernichtungswahn dann fortzusetzen. Keine Liebe zwischen den Völkern also, keine Verständigung, die beiden Dinge gehören zusammen.

Unbehagen und Verwirrung

Und was will uns nun der Titel sagen? Was ist Frantumaglia und warum wurde das Wort für die deutsche Ausgabe nicht übersetzt? Nun, weil es sich nicht übersetzen lässt. "Frantumaglia" ist eine Vokabel, die die Mutter Elena Ferrantes ihr hinterlassen hat. Die Schneiderin aus Neapel beschrieb damit einen Zustand von Unbehagen, von Verwirrung, den Elena Ferrante für sich adaptiert hat und um den auch ihr Schreiben kreist.

Aus "Frantumaglia" Die Frantumaglia ist ein unsicheres Ambiente, in dem eine endlose Masse fließender oder schwebender Schuttteile herumwirbeln, die sich dem Ich als seine einzige wahre Innerlichkeit brutal offenbart. Es sind die Ablagerungen der Zeit ohne sinnstiftende Ordnung, ohne Narrativ. Bei diesem Anblick kommt man sich verloren vor, hat plötzlich das Gefühl, alle Stabile, alles Dauerhafte, was unserem Leben Halt gibt, werde bald wieder zu jener Schutthalde zerfallen, die wir vor uns zu sehen glauben. In panischer Angst erkennen wir, wie brüchig alles ist, worauf unser Leben aufbaut und wie schnell dieses Leben zwangsläufig wieder zu Bruch gehen kann.

Die Schauspielerin Eva Mattes posiert bei den Dreharbeiten zum "Tatort - Wofür es sich zu leben lohnt" in der Innenstadt von Konstanz am Bodensee.
Schauspielerin Eva Mattes liest Ferrante Bildrechte: dpa

Diese Zerbrechlichkeit des Lebens ist es, die Elena Ferrante uns meisterhaft vorführt, nicht nur in ihren Romanen, sondern auch in ihren klugen Essay und Briefen. Die Schauspielerin Eva Mattes, die längst zur deutschen Stimme der Ferrante avanciert ist, liest auch "Frantumaglia" wieder so einfühlsam und klar, dass es eine Freude ist, ihr zuzuhören. Am Ende weiß man zwar immer noch nicht, wer Elena Ferrante ist, aber man versteht besser, warum man es vielleicht gar nicht wissen muss.

Angaben zum Hörbuch Elena Ferrante: "Frantumaglia. Mein geschriebenes Leben"
Gelesen von Eva Mattes
Der Hörverlag, 2019
Laufzeit: 3 Stunden, 11 Minuten

Das Hörbuch umfasst eine Auswahl des im Suhrkamp Verlag erschienenen Buches.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Mai 2019 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2019, 04:00 Uhr

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