Bei einer Presse-Vorbesichtigung läuft eine Besucherin im Lübecker Buddenbrookhaus an einem Jugendbild der Schriftstellerin, Malerin und ܜbersetzerin Franziska zu Reventlow vorbei.
Jugendbild von Franziska zu Reventlow bei einer Ausstellung im Lübecker Buddenbrookhaus Bildrechte: dpa

Biografie einer außergewöhnlichen Frau Was uns Franziska zu Reventlow heute noch zu sagen hat

Die Malerin und Schriftstellerin Franziska zu Reventlow war eine außergewöhnliche Frau. Sie setzte sich in einer männerdominierten Welt durch, lebte selbstbewusst und frei. Am 26. Juli jährt sich ihr Todestag zum 100. Mal. Philosophin, Journalistin und Autorin Kerstin Decker beleuchtet in einer lesenswerten Biografie Franziska zu Reventlows Leben.

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Sachbuchkritikerin

Bei einer Presse-Vorbesichtigung läuft eine Besucherin im Lübecker Buddenbrookhaus an einem Jugendbild der Schriftstellerin, Malerin und ܜbersetzerin Franziska zu Reventlow vorbei.
Jugendbild von Franziska zu Reventlow bei einer Ausstellung im Lübecker Buddenbrookhaus Bildrechte: dpa

In Kerstin Deckers neuem Buch steht eine eigenwillige und selbstbewusste Frau im Mittelpunkt: die Malerin und Schriftstellerin Franziska zu Reventlow. Decker hat bereits einige biografische Bücher verfasst, vor allem über eigensinnige Frauen in Zeiten, in denen Eigensinn keine Eigenschaft war, die man von Frauen erwartete. So hat sie sich unter anderem der Malerin Paula Moderssohn-Becker gewidmet, der Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé und zuletzt Elisabeth Förster-Nietzsche, der Schwester von Friedrich Nietzsche. Nun rückt sie Franziska zu Reventlow in den Fokus.

Strümpfe stricken statt toben

Kerstin Decker: Franziska zu Reventlow. Eine Biografie
Kerstin Decker:
"Franziska zu Reventlow. Eine Biografie"
Bildrechte: Berlin Verlag

1871 wird Franziska zu Reventlow in Husum geboren. Der Name lässt es bereits ahnen, es ist klassischer Landadel, in den sie hineinwächst. Doch macht es Ende des 19. Jahrhunderts einen Unterschied, ob man da als Junge oder als Mädchen hineingeboren wird. Während die Söhne der Familie zu Reventlow sich tobend die Welt erobern, stricken die Töchter Strümpfe und warten auf den passenden Ehemann. Während die Jungen auf höhere Schulen geschickt werden, üben sich die Mädchen in Haushaltsführung.

Was bleibt, sind genau zwei Möglichkeiten: Entweder man ergibt sich den Verhältnissen oder man rebelliert und nennt sich um. Und so kommt es, dass Fanny Liane Wilhelmine Sophie Auguste Adrienne Comtesse zu Reventlow, wie sie eigentlich heißt, 1895 vor allen Einhegungsversuchen flieht und als Franziska zu Reventlow München erreicht.

Im Weltvorort des Geistes

München, genauer gesagt Schwabing, gilt zu jener Zeit als "Weltvorort des Geistes". Die Münchner Bohème ist legendär. Plötzlich scheint auch für Franziska zu Reventlow alles möglich. Vor allem auch mit Männern, die nicht vor ihr erwarten, dass sie sie heiratet, für alles andere aber gern zur Verfügung stehen. Das bringt ihr zwar den Ruf einer "Skandalgräfin" ein, aber darum geht es Decker in ihrer anschaulichen und schön geschriebenen Biografie zum Glück nicht. Viel wichtiger ist ihr, das Porträt einer autonomen selbstbestimmten Frau zu zeichnen, was um 1900 durchaus noch eine außergewöhnliche Rolle ist.

Franziska zu Reventlows wohlhabende Familie bricht angesichts ihres Lebenswandels mit ihr. Und auch ein wohlmeinender Ehemann, der ihr den Aufenthalt in München überhaupt erst finanziert hat, gibt bald auf, sie zu unterstützen. Deshalb ist Franziska zu Reventlow gezwungen, selber Geld zu verdienen. Und das tut sie erhobenen Hauptes: Mal als Übersetzerin, mal als Glasmalerin, mal als Edelprostituierte im Salon der Madame X, bevor sie später erste Erfolge als Schriftstellerin feiert.

Die Liebe ihres Lebens

1897 bekommt Franziska zu Reventlow einen Sohn, den sie Rolf nennt und von dem sie den Namen des Vaters nie preisgeben wird. Es ist dieser Junge, der zur überlebenswichtigen Konstante in ihrem turbulenten Leben wird. Man könnte vielleicht auch sagen, er wird ihre einzige wirklich große Liebe. Dabei steht die Mutterrolle dem Selbstverständnis von Franziska zu Reventlow nicht im Wege. Im Gegenteil. So schreibt Decker in der Biografie:

Sie hat Witz, Ironie und Eros. Sie klagt nicht an, sie steht ganz für sich, so sehr, dass sie nie einem Mann ein Mitbestimmungsrecht überlassen würde.

Kerstin Decker, Aus: "Franziska zu Reventlow. Eine Biografie"

Weiter schreibt Decker: "Die Frauenbewegung will die Männer abschaffen? Sie schafft die Väter ab, jeden paternalistischen Übergriff verbittet sie sich. Was heißt hier Schulpflicht? Sie wird sich außerstande sehen, ihr Kind einer öffentlichen Schule zu übergeben. Sie soll zuschauen, wie etwas so wunderbar Gerades wir ihr Junge verbogen, seelisch verkrüppelt wird? Niemals!"

Unbändiger Freiheitsdrang

Franziska zu Reventlow sind schon viele Etiketten angeheftet worden. Sie ist als "Feministin der ersten Stunde" bezeichnet worden oder als "Archetyp moderner Weiblichkeit". Doch dankenswerter Weise vermeidet Decker jegliche Etikettierung und beschreibt Franziska zu Reventlow stattdessen als Frau mit einem unbändigem Freiheitsdrang.

Kerstin Decker
Kerstin Decker hat schon mehrere Biografien geschrieben, so über Heinrich Heine, Else Lasker-Schüler oder Paula Modersohn-Becker
Bildrechte: IMAGO

Diese Frau will alles zugleich sein: Heilige und Hure, Mutter und Künstlerin. Für eine Frau ihrer Zeit ein unerhörtes Ansinnen. Und deshalb sind es auch gar nicht die unzähligen Männer oder die widrigen Umstände, unter denen sie zeitweise lebt, die das Buch so lesenswert machen. Sondern es ist dieses Motiv der bedingungslosen Freiheit, das sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht.

Dabei schreibt Decker sehr lebendig, fast romanhaft und geht gleichzeitig auf den Zeitgeist am Anfang des 20. Jahrhunderts ein, damit wir als Leser immer wissen, wo wir uns befinden. Denn da ist natürlich etwas in Bewegung, da verschieben sich die geistigen Koordinaten. Und Franziska zu Reventlow gehört ganz sicher zu den Protagonistinnen dieser Verschiebungen.

Frühes Beispiel weiblicher Selbstermächtigung

1918 stirbt Franziska zu Reventlow an den Folgen eines Fahrradunfalls, mit nur 47 Jahren. Doch was hat uns diese Frau heute noch zu sagen, in Zeiten, in denen die Geschlechterrollen auch immer noch und immer wieder diskutiert werden?

Es ist die Kraft der Selbstermächtigung, also die Fähigkeit, sein Leben allen vermeintlichen Barrieren zum Trotz selbst in die Hand zu nehmen, sich nicht fremdbestimmen zu lassen oder in überlieferten Rollen zu verharren. Für all das steht Franziska zu Reventlow, zugleich lebt sie mit allen Sinnen und geht keine Kompromisse ein. Und genau damit hat sie immer noch Vorbildwirkung.

Angaben zum Buch Kerstin Decker: "Franziska zu Reventlow. Eine Biografie"
384 Seiten, gebunden, 26 Euro
ISBN: 978-3-8270-1362-0
Berlin Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 25. Juli 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Juli 2018, 04:00 Uhr

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