Feministische Musikgeschichte Was sich seit Aretha Franklins "Respect" getan hat

Die Musikgeschichte ist geprägt von Männern – egal ob man sich Rock’n’Roll, Punk, HipHop, die Hamburger Schule oder die Technoszene anschaut. Doch woran liegt das und wie kann man es ändern? Am besten, indem man Frauen mehr Bühnen gibt.

Juliane Streich, Autorin für MDR KULTUR
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Juliane Streich, MDR KULTUR

Beyoncé bei den MTV Video Music Awards in Inglewood
Beyoncé trat bei den MTV Video Music Awards unter dem Wort "Feminist" auf Bildrechte: imago/UPI Photo

"Die Frau in der Musik ist nervig. Die Frau in der Musik ist lästig. Die Frau in der Musik ist chaotisch. Die Frau in der Musik ist hysterisch. Die Frau in der Musik in der Musik stört immer …", heißt es im Song "Die Frau In der Musik" der Band Stereo Total. Selbst wenn Sängerin Françoise Cactus da etwas übertreiben dürfte, spricht die Musikerin ein Thema an, das sie in ihrer Karriere schon oft erlebt haben dürfte: Wie kommen Musikerinnen, Sängerinnen, weibliche DJs an? Wie setzen sie sich im Musikbusiness durch? Und ist es für sie wirklich schwerer als für Männer?

Kann so schwer ja nicht sein, rufen da gern ein paar Schlaumeier. Schließlich sind die großen Popstars der letzten Jahre weiblich. Rihanna, Taylor Swift, Beyoncé, Lady Gaga, Billie Eilish, um nur einige zu nennen. Doch nur weil es einige an die Spitze des Pop-Olymps geschafft haben – oft übrigens auch dadurch, dass sie sich sehr sexy präsentierten – bedeutet leider nicht, dass man dadurch generell auf alle schließen kann.

Mit wem hat sie geschlafen?

Nico, 1965
Nico war nicht nur schön, sondern schrieb auch tolle Songs Bildrechte: IMAGO

Denn wenn man sich Musikerinnen-Biografien der letzten Jahrzehnte anschaut, stößt man immer wieder auf ähnliche Erfahrungen der Musikerinnen, seitdem Aretha Franklin vor 50 Jahren schon "Respect" forderte. Die Musikpresse berichtete oft anders über Musikerinnen als über ihre männlichen Kollegen – wenn sie denn überhaupt berichtete. Da ging es um ihre Klamottenwahl und ihr Make-Up. Und natürlich darum, mit wem sie schliefen. Marianne Faithful war die Freundin von Mick Jagger. Nico gilt als Muse von Andy Warhol und als Affären von Lou Reed, Iggy Pop und anderen. Yoko Ono hat angeblich mit ihrer Beziehung zu John Lennon die Beatles auseinandergebracht und Courtney Love ihren Ehemann Kurt Cobain zerstört. Dass alle selbst grandiose Platten herausgebracht haben, kommt meistens erst an zweiter Stelle.

Doch nicht nur mit der Presse mussten und müssen sich Musikerinnen immer wieder herumschlagen, sondern auch mit Kollegen. Das geht schon bei der Schulband los, wo die Jungs nur die Jungs fragen – und zieht sich durch bis zur Tour der längst erfolgreichen Männer-Band, die dann als Vorband wieder nur ihre Kumpels mitnehmen. Frauen wird weniger zugetraut, sogar von sich selbst. Sie trauen sich weniger – gehen seltener auf die Bühne, ins Fernsehen, in die Öffentlichkeit. "Ich hätte früher gern gewusst, dass es nicht daran lag, dass ich schüchtern war, sondern an strukturellen Problemen", sagt Sängerin, Keyboarderin und Bassistin Julie Miess (Half Girl, Britta, Mutter) in einem Interview für das Buch "These Girls" über frühere Zweifel.

MeToo und Backlash

Los Angeles: Lady Gaga tritt im Rahmen der 61. Grammy Awards im Staples Center mit dem Song «Shallow» auf.
Lady Gaga bei den Grammys 2019 Bildrechte: dpa

Nun ist in den letzten Jahren in Sachen Feminismus eine Menge passiert. Beyoncé tritt unter dem Schriftzug "Feminist" auf, bei H&M gibt’s T-Shirts mit dem Aufdruck "the future is female", Feminismus ist längst cool bei jungen Mädchen – und viele Menschen wurden durch die mediale Aufmerksamkeit von #metoo tatsächlich sensibilisiert. Auch bei den diesjährigen Grammy-Awards wurden 82 Prozent mehr Musikerinnen ausgezeichnet als noch im Vorjahr.

Eine erfreuliche Entwicklung, doch findet gleichzeitig ein Backlash statt, der sich in konservativen Leitartikeln zeigt, aber auch in lauthals geäußerten Vergewaltigungsphantasien, die fast jede öffentlichen Frau im Internet schon mal lesen musste. Er reicht bis zum US-Präsidenten, also bis zum mächtigsten Mensch der Welt.

Männlich dominierte Festivalbühnen

Aber man muss sich gar nicht in die Abgründe vulgärer rechter Politiker oder gestörter Hetzer begeben, sondern kann den Blick auch in der liberalen Musikszene schweifen lassen. Auf vielen großen Festivalbühnen sind trotz jahrelanger Diskussionen um eine Frauenquote weibliche Acts so selten vertreten, dass sie fast übersehen werden. Bei Rock im Park waren in diesem Jahr unter ca. 250 Auftretenden nicht einmal zehn Musikerinnen.

Musikerinnen, die auf Tour sind, haben immer noch mit alltäglicher Diskriminierung zu tun, oft wird ihnen nicht zugetraut, ihre Songs selber zu schreiben, sich mit Technik auszukennen oder den Laden vollzukriegen. Auch der Musikjournalismus ist weiterhin männlich geprägt, wenn nicht wie zum Beispiel beim hervorragenden Missy Magazin explizit eine feministische Haltung als Alleinstellungsmerkmal dient.

Juliane Streich, Autorin für MDR KULTUR 7 min
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Die Musikgeschichte ist geprägt von Männern. Doch woran liegt das und wie kann man es ändern? Juliane Streich, Herausgeberin des Buches "These Girls", ist dazu im Gespräch.

MDR KULTUR - Das Radio Do 19.12.2019 17:40Uhr 06:56 min

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Role Models als Inspiration

Dass es wichtig ist, Role Models vorzustellen, also weibliche Künstlerinnen auf Festivalbühnen, zu Clubnächten und auf Titelseiten zu holen, wird deutlich, wenn man sich die Anfangsphasen vieler Musikerinnen anschaut: Fast jede sagt, dass weibliche Vorbilder für ihr eigenes Schaffen wichtig waren. Und alle Musikerinnen können ihre eigene Geschichte erzählen, um andere zu inspierien: Von Selbstermächtigung, von einfach mal machen, von sich durchsetzen in Männer dominierten Zirkeln, von Spaß, von Sex, von Rebellion oder auch von sich anpassen. Und natürlich vom Musikmachen.

Denn die Frau in der Musik, sie ist so vielfältig wie die Musik an sich.

Cover „These Girls“ von Juliane Streich
Bildrechte: Ventil Verlag

Über die Autorin Juliane Streich ist Journalistin und arbeitet für verschiedene Zeitungen und Magazine sowie als Onlineredakteurin für MDR KULTUR.

Gerade erschien im Ventil Verlag das von ihr herausgegebene Buch "These Girls. Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte", in dem verschiedene Autorinnen und Autoren über prägende Role Models von den 1950ern bis heute schreiben, unter anderem mit Françoise Cactus, Paula Irmschler, Franz Dobler, Jacinta Nandi, Klaus Walter, Christina Mohr, Bettina Wilpert, Linus Volkmann, Ebba Durstewitz, Andreas Spechtl u.v.m.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Dezember 2019 | 17:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Dezember 2019, 10:20 Uhr

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