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Offener BriefCorona-Proteste in Freiberg: Imageschaden für Weltkulturerbe Erzgebirge?

Stand: 07. Dezember 2021, 08:44 Uhr

Freiberger Bürgerinnen und Bürger haben in einem Offenen Brief ein Ende der Corona-"Spaziergänge" in ihrer Stadt gefordert. Sie fürchten, dass die Bergstadt mitten in der Welterbe-Region zum Hotspot einer rechts unterwanderten Corona-Leugner-Szene wird. Die Politik dürfe den Rechtsbruch nicht länger hinnehmen. Binnen zwei Tagen gab es rund 1.000 Unterschriften für die Aktion, wie Helmuth Albrecht als einer der Initiatoren im Interview mit MDR KULTUR erklärt. Der Industriehistoriker lehrt an der TU Freiberg und brachte die Welterbe-Bewerbung fürs Erzgebirge mit auf den Weg. Er befürchtet einen Imageschaden für den Kultur-Tourismus.

MDR KULTUR: Der Offene Brief kommt vom Bündnis "Freiberg für alle". Darin heißt es, man sei sauer und wütend und wolle es nicht länger hinnehmen, dass sich die Corona-"Spaziergänger" über bestehende Regeln hinwegsetzten. Würden Sie mit Blick auf Freiberg von einer gespaltenen Gesellschaft sprechen?

Helmuth Albrecht: Gespalten halte ich für ein bisschen übertrieben. Denn es handelt sich um eine Minderheit der Freiberger Bürger, die hier demonstriert, während die große Mehrheit leider schweigt dazu. Wir haben ja seit Monaten versucht, den Dialog mit den Gegnern der Corona-Maßnahmen zu führen. Die Stimmung auf der Gegenseite ist aber leider immer aggressiver geworden. Wir sehen kaum eine andere Chance, als uns jetzt mit dem Offenen Brief an die schweigende Mehrheit zu wenden.

Bündnis "Freiberg für alle"

Das Bündnis "Freiberg für alle" ist ein loses Netzwerk von Organisationen, Vereinen, Initiativen und Privatpersonen. 2019 gegründet, soll es den Austausch in der Stadt befördern.

Was war der Punkt, an dem Sie meinten: Jetzt ist das Fass übergelaufen, mit Blick auf die Spaziergänge, die ja offenkundig immer mehr gewachsen sind. Also: Jetzt ist es Zeit, sich zu wehren?

Am vergangenen Montag war so ein Punkt erreicht, wo wir gesagt haben: Es hat keinen Zweck mehr, mit diesen Menschen zu reden. Sie sind uneinsichtig, bis hin zum Corona-Leugnen. Dann kommt noch dazu, dass sie sich mit Rechtsextremen vermischen. Man hat auch das Gefühl, dass Rechtsextreme hier die Fäden in der Hand halten und bewusst gegen unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung agieren.

Wenn eine Versammlung momentan nur an einem Ort und nur für zehn Personen erlaubt ist, dann gilt das für alle. Diese Ungleichbehandlung erzeugt Frust, Unverständnis und stößt alle diejenigen vor den Kopf, die sich seit Monaten an die Einschränkungen halten.

Aus dem Offenen Brief

Sie haben maßgeblich mit daran gewirkt, dass das Erzgebirge zum Weltkulturerbe erklärt wurde, nicht nur als schönes Weihnachtsland, sondern auch als Zeuge der Industriekultur. Welchen Imageschaden befürchten Sie für die Stadt mit ihrer renommierten Technischen Universität und die Region?

Der Welterbe-Titel wurde ja auch gewonnen, um zu zeigen, das die Region eine weltoffene, tolerante ist. Welterbe - so ein Titel steht für kulturellen Austausch, für Friedenspolitik, für Dialog und für Toleranz. Insofern glaube ich schon, dass es schwierig wird, wenn die Demonstrationen in dieser Form weitergehen und Freiberg zu so einer Art Sammelbecken für die Corona-Leugner in ganz Deutschland wird. Das würde schon einen Imageschaden bedeuten.

Wir sind eine offene, freie Stadt und das wollen wir auch bleiben.

Aus dem Offenen Brief

Sie lehren an der Technischen Universität Freiberg, was wissen Sie über die Impfquote unter den Studierenden?

Dass wir noch Präsenzunterricht machen können, liegt daran, dass diese Impfquote bei über 80 Prozent liegt und sich die Nicht-Geimpften an die Regeln halten. Das heißt, täglich einen aktuellen Test vorweisen. Die Studierenden kommen von überall her, aber auch aus der Region. Sie alle wollen studieren. Nach drei Semestern Online-Unterricht, wo man sich nicht gesehen hat, wo die Studienanfänger die Uni nicht einmal von innen gesehen haben, ist das Bedürfnis, sich wieder zu treffen und sich direkt auszutauschen, sehr groß. Die Lehre macht natürlich auch viel mehr Spaß, wenn man sich direkt gegenüber sitzt.

Das Gespräch führte Moderator Stefan Maelck für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 06. Dezember 2021 | 16:10 Uhr