Alternative Lernkonzepte Freilerner – Wenn Lernen gegen das Gesetz verstößt

Freilerner setzen auf selbstbestimmtes und selbstorganisiertes Lernen. Es sind Kinder und Jugendliche, die sich der Schule verweigern. Damit verstoßen sie in Deutschland aber gegen die Schulanwesenheitspflicht. Und das hat Folgen – von Bußgeldern bis zur Androhung von Zwangshaft.

von Regine Schneider, MDR KULTUR-Redakteurin für Bildung und Gesellschaft

Die Schullandschaft ist heute so vielfältig wie nie. Es gibt staatliche Schulen oder Schulen in freier Trägerschaft, die Eltern können wählen. Nur eins dürfen sie nicht: ihre Kinder gar nicht zur Schule schicken. Denn in Deutschland besteht Schulanwesenheitspflicht. Sie ist in den Ländergesetzen geregelt.

Wer dagegen verstößt, wird bestraft – meist mit einem Bußgeld, aber auch Zwangshaft wird angedroht. Das Bußgeld kann dabei sehr unterschiedlich ausfallen. Weil beispielsweise die Kinder einer Freilerner-Familie in Sachsen-Anhalt vier Wochen nicht zur Schule gingen, wurde die Familie mit einem Bescheid in Höhe von 128,44 Euro belangt. In westlichen Bundesländern gab es auch schon mal Bescheide über 50 Euro pro Tag.

Verschiedene Gründe für Schulfernbleiben

Nicht zur Schule gehen gilt in Deutschland als Kindeswohlgefährdung, ohne Prüfung, aus welchen Gründen die Kinder der Schule fernbleiben. Das kritisiert beispielsweise Rechtsanwalt Dr. Andreas Vogt. Ein Familienrichter, so mahnt er, hat den Einzelfall zu sehen und dann erst zu urteilen. Langsam erst würde sich das in der Rechtsprechung durchsetzen.

Mehrere Erstklässler mit Schulranzen auf dem Rücken.
In Deutschland besteht Schulanwesenheitspflicht – für Freilerner ein Problem. Bildrechte: colourbox.com

Obwohl all das bekannt ist, gibt es Kinder und Familien, die sich der Schule verweigern, auf verschiedene Arten und aus unterschiedlichen Gründen. Die Schulschwänzer sind hier die wohl größte Gruppe: Geschätzte drei bis sechs Prozent der deutschen Schüler kommen unentschuldigt nicht zum Unterricht. Die Dunkelziffer dürfte höher sein. Sie bleiben, von den Eltern unbemerkt oder geduldet, zu Hause, sind demotiviert.

Für den Hausunterricht entscheiden sich Eltern, die – oft aus religiösen Gründen – dem Schulunterricht nicht zustimmen wollen oder können. Nur einige wenige Familien bekommen in Ausnahmefällen Genehmigungen für den Heimunterricht, zum Beispiel wenn Kinder aus Krankheitsgründen nicht in die Schule können.

Besonderheiten der Freilerner

Und dann gibt es die Freilerner. Es sind Kinder und Jugendliche, die sich der Schule verweigern – nicht jedoch der Bildung. Ihr Verständnis von Bildung ist selbstbestimmt und selbstorganisiert. Die meisten werden von ihren Eltern unterstützt. Sie haben ihre Netzwerke, einen Bundesverband und treffen sich regelmäßig zu Veranstaltungen und Workshops.

Aufgrund der Strafen, die ihnen drohen, versuchen Freilerner-Familien so unauffällig wie möglich zu leben. Einige von ihnen haben den Wohnsitz gewechselt oder sind ins Ausland gezogen, denn in den europäischen Nachbarländern besteht Bildungspflicht, keine Schulanwesenheitspflicht. Doch seit einigen Jahren sind sie auch in der Öffentlichkeit wahrzunehmen. Immer mal wieder ist über sie zu lesen, sie selbst schreiben Bücher.

Rechtsanwalt Dr. Andreas Vogt aus Eschwege vertritt quer durch Deutschland Freilerner-Familien vor Gericht. Seit ungefähr zehn Jahren hat er Mandanten von überall her. Er sieht Freilerner nicht als Sonderlinge und Aussteiger:

Das Thema Freilerner ist in die Mitte der Gesellschaft gerutscht. Es sind keine Aussteiger. Es sind Menschen, die in der Welt leben wollen und ihren Kindern das In-der-Welt-Sein vermitteln wollen.

Freilerner-Rechtsanwalt Dr. Andreas Vogt

Das Dilemma der Freilerner ist, dass sie die Schulanwesenheitspflicht verletzen, sie aber keine Bildungsverweigerer sind. Für sie findet Lernen immer und überall statt und ist nicht an den Ort Schule gebunden. Die Freilerner-Eltern handeln im Sinne ihrer selbstbestimmten Kinder, nicht verantwortungslos – aber sie werden so behandelt.

Die Rechtsprechung und die Politik sollten sich bewegen – die Grundrechte des jungen Menschen sind anzuerkennen und sollten schwerer wiegen als diese Absolutheit der Schulpflicht. Diese Ausnahmen muss es geben.

Freilerner-Rechtsanwalt Dr. Andreas Vogt

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Werkstatt | 05. Februar 2019 | 22:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2019, 04:00 Uhr

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