Premiere Sommertheater in Chemnitz: Kammerspiel im Cinemascope-Format

Wie viele sächsische Häuser hat auch das Chemnitzer Theater am Wochenende wieder den Spielbetrieb aufgenommen. Unter strengen Hygiene-Auflagen wurde auf der geräumigen Küchwaldbühne unter freiem Himmel Ephraim Kishons "Es war nicht die Lerche" gespielt – eine Komödie frei nach Shakespeares "Romeo und Julia". Für das gesamte Publikum war das Theaterer mit Hygieneregeln ein neuartiges Erlebnis. Unterhaltsames Sommertheater mit einigen Schwächen, meint MDR KULTUR-Theaterkritiker Wolfgang Schilling.

Neben einem Mann, der hinter einem Tisch steht, sitzt eine Frau auf dem Tisch.
Die Chemnitzer Schauspieler Andreas Manz-Kozar, Ulrike Euen und Alexander Ganz (v.l.n.r.) in Kishons Komödie "Es war die Lerche" Bildrechte: Nasser Hashemi

Nach Shutdown und Quarantäne kehrt das öffentliche Leben langsam wieder zur Normalität zurück, jedoch unter anderen Bedingungen. So fand die erste Aufführung des Chemnitzer Theaters nicht auf der großen Bühne sondern unter freiem Himmel statt. Auf der Küchwaldbühne hat am Samstag Ephraim Kishons Komödie "Es war die Lerche" Premiere gefeiert.

Glücklicherweise war es ein klimatisch schöner Abend: Der erste Regen war schon über Chemnitz schon hinweggezogen, sodass die Vorstellung unter freiem Himmel nicht gefährdet war. Das Publikum lief in kleinen Gruppen vom Parkplatz zur Bühne. Vor dem Theater waren Tische, Sessel, Liegestühle aufgebaut und an Ständen wurden Getränke, Wurst und Eis angeboten. Die Zuschauer haben zusammen getrunken und geplaudert – ohne Mund-Nasen-Schutz. Der gewünschte Abstand von 1,50 Meter wurde nur beim Anstehen eingehalten.

Theater mit Abstandsgebot

Ernst wurde es erst beim Einlass: Besucher durften sich dem Kassenhäuschen nur mit Maske nähern, wo das Publikum neben Karte und Programmheft zusätzlich ein kleines Sicherheitsmerkblatt in die Hand gedrückt bekam. Überall stehen Desinfektionsmittelspender bereit und auffällig viele Kartenabreißerinnen und Platzanweiser sind im Abenddienst, die das Publikum im Blick behalten und gegebenenfalls noch einmal an die Hygienevorschriften erinnen. Die Zuschauer sitzen paarweise mit viel Abstand auf den Rängen verteilt – die Küchwaldbühne bietet dafür genug Platz. Erst kurz vor Beginn der Vorstellung dürfen die Masken abgenommen werden, weil man dann nicht mehr miteinander redet.

Auch das Schauspiel der gerade mal drei Darsteller ist auf der geräumigen Bühne in die Breite gezogen – ein Kammerspiel im Cinemascope-Format. Das zentrales Element in Pia Wessels Bühnenbild ist ein hygienetechnisch einwandfreier, ungefähr 5 Meter langer Tisch, der im Hause der Familie Capulet-Montague stehen soll. An der langen Tafel spielt sich das Eheleben von Romeo und Julia ab, die sich eben nicht wie bei Shakespeare nacheinander umgebracht haben, sondern seit inzwischen 29 Jahren verheiratet sind.

Mehr als eine Ehekomödie für jedermann

Der Satiriker Ephraim Kishon beschreibt ein in die Jahre gekommenes Ehepaar. Romeo ist inzwischen ein leicht dicklicher Ballettlehrer und Julia eine genervte Hausfrau und Mutter. Die pubertierenden Tochter namens Lucretzia treibt sich in der Nacht herum und lässt ihre Eltern beim Frühstück alleine, wo schlechter Kaffee für ebensolche Laune sorgt. Beim gemeinsamen Lösen des Kreuzworträtsel in der neuen Ausgabe der Freien Presse, die man offensichtlich auch in Verona liest, kommt niemand auf den Namen einer romantischen Shakespeare-Figur mit fünf Buchstaben.

Mann mit Krone steht im Rauch
Alexander Ganz greift als Shakespeare ins Stück ein. Bildrechte: Nasser Hashemi

Dennoch ist es mehr als eine Ehekomödie mit Wiedererkennungswert für jedermann. Denn Kishon überhöht die Geshichte und die Situation geschickt: Er lässt zum einen seine beiden Darsteller zusätzlich noch weitere Rollen, wie die immer noch liebestolle 85-jährige, ehemalige Amme von Julia, den stark vertrottelten 98-jährigen Pater Lorenzo oder die eigene Tochter, übernehmen. Wenn es Julia und Romeo dann zu weit treiben, taucht zum anderen William Shakespeare höchstpersönlich auf und greift im Sinne seiner Dichtung ein – ganz nach dem Motto: 'Ich lasse das schönste meiner Liebesdramen hier doch nicht zur Posse verkommen'. Aber dieses Vorhaben – soviel sei verraten – scheitert und am Ende triumphiert das Leben mit allen Konsequenzen über die Dichtung.

Heiteres Sommertheater mit zu viel Turbulenzen

Der Abend weist allerdings, vielleicht wegen der langen Spielpause, einige Schwächen auf: Gerade bei Romeo und Julia fiel vor allem sprachlich eine Unkonzentriertheit auf. Auch hinter der Bühne klappte offensichtlich nicht immer alles so, wie gewollt: Die wegen der Mehrfachbesetzung notwendigen, schnellen Kostümwechsel waren mitunter so langsam, dass der Partner auf der Bühne schon etwas unruhig wurde und dann fehlte am gewechselten Kostüm auch mal ein Ärmel. An anderere Stelle stand das Radio nicht auf dem Schrank, auf dem es stehen sollte und musste so pantomimisch ins Spiel gebracht werden. Dass der Shakespeare-Darsteller das Radio dann auf die Bühne brachte, als es schon nicht mehr gebraucht wurde, sorgte für unfreiwillige Komik.

Frau gießt Blumen
Ulrike Euen kümmert sich als Julia um Pflanzen, im Hintergrund Andreas Manz Kozar (rechts) und Alexander Ganz. Bildrechte: Nasser Hashemi

Ulrike Euen gelingt es trotz dieser Schwierigkeiten, sich in eine kontrollierte Rage zu spielen, die ihr als Mama Julia, eigene Tochter und Amme da abverlangt wurde bis hin zu einem veritabel auf Abstand gespielten Orgasmus am Küchentisch. Andreas Manz Kozar konnte mit seiner alltväterlichen Gemütlichkeit leider weniger als Romeo denn als 98jähriger Pater Lorenzo überzeugen. Alexander Ganz stach als Shakespeare nicht nur wegen seines goldenen Kostüms heraus, sondern auch, weil er sich mit seinem vor allem sprachlich anspruchsvollen Part am souveränsten aus der Affäre zieht und am Ende sogar mit seinem Gesang überzeugt.

Insgesamt ist "Es war die Lerche" des Chemnitzer Schauspiels ein Sommertheaterspaß, der mit Vorsicht zu genießen ist.

Informationen zum Stück "Es war die Lerche" von Ephraim Kishon
Theater Chemnitz

Regie: Kathrin Blume
Ausstattung: Pia Wessels
Mit: Ulrike Euen, Alexander Ganz, Andreas Manz Kozar

Premiere: 13. Juni
Weitere Vorstellungen: 20. Juni, 21. Juni, 7. Juli, 21. Juli

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Juni 2020 | 09:40 Uhr