Sigmund Freud
Sigmund Freud Bildrechte: imago/ZUMA/Keystone

Buch "Freuds Dinge": Eine etwas andere Geschichte der Psychoanalyse

Sigmund Freud gilt als Vater der Psychoanalyse. Er prägte Begriffe wie "Ödipus-Komplex", "Libido" und "Über-Ich". Seinem Werk wurden ganze Bibliotheken von Sekundärliteratur gewidmet. Sind originelle Perspektiven, überraschende Entdeckungen, unerhörte Neudeutungen da überhaupt noch möglich? Dem Kritiker und Literaturwissenschaftler Lothar Müller ist das gelungen. In seinem Essay "Freuds Dinge" erzählt er die Geschichte der Psychoanalyse völlig neu. Damit ist er für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 nominiert.

von Sigrid Löffler, MDR KULTUR

Sigmund Freud
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Sigmund Freud 7 min
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Lothar Müller erzählt in seinem Essay "Freuds Dinge" die Geschichte der Psychoanalyse völlig neu – durch radikale Änderung der Blickrichtung. Damit ist er für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 nominiert.

MDR KULTUR - Das Radio Do 14.03.2019 12:40Uhr 07:15 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Lothar Müller erzählt in seinem Essay "Freuds Dinge" die Geschichte der Psychoanalyse völlig neu – durch radikale Änderung der Blickrichtung. Damit ist er für den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 nominiert.

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Freuds Schlüssel-Metapher für seine Erforschung des Unbewussten ist bekanntlich die Archäologie, die Arbeit in der Vertikale, im Hinabsteigen in seelische Tiefen, im Ausgraben und Zutage-Fördern des Verschütteten. Lothar Müller hingegen ersetzt die vertikale durch eine horizontale Freud-Lektüre: Seine Modell-Disziplin ist nicht die Archäologie, sondern die Philologie. Er fragt: Mit welchen sprachlichen Mitteln, aus welchen Sprachbildern wird bei Freud das Unbewusste konstruiert? Und welche Rolle spielen bei der Entdeckung und Formulierung der Gesetze des Unbewussten die Dinge, die realen Gegenstände, mit denen die Lebenswelt Freuds und seiner Patienten ausgestattet war?

Nietzsche und die Dingwelt

Müllers Grundidee ist es, den bekannten Nietzsche-Satz ("Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken") auf die Dingwelt insgesamt auszuweiten: "Unser Zeug arbeitet mit an unseren Gedanken." Er untersucht den Anteil, den die Requisiten der bürgerlichen Lebenswelt an der Entwicklung der Psychoanalyse hatten – banale Alltagsdinge, neueste technische Erfindungen und Markenartikel aus der zeitgenössischen Warenwelt genauso wie Kunstobjekte und Freuds berühmte Antiken-Sammlung.

Lothar Müller
Autor Lothar Müller Bildrechte: Regina Schmeken

Müllers eigenes Recherche- und Schreibverfahren ist gleichfalls archäologisch geprägt: Akribisch gräbt er seine Fundstücke nicht zuletzt aus den Kleinanzeigen und Inseraten der damaligen Tagespresse aus, von den nicht-tropfenden Apollokerzen aus Stearin bis zu Freuds berühmten "Wunderblock". Müller zielt damit auf die Geschichtlichkeit des Unbewussten, indem er den Fokus auf die zeitgenössische Dingwelt richtet, auf deren Inventarien und Reservoirs die junge Psychoanalyse zugriff, um ihren "Gleichnis- und Metaphernhunger" zu stillen. Müller führt uns diese konkreten Dinge als Statisten und Stichwortgeber für die Entwicklung des psychoanalytischen Verfahrens vor Augen und zeigt, wie sie dabei mit Bedeutung aufgeladen und in Symbole verwandelt werden. Diese Prämisse ist ebenso originell wie produktiv, indem sie es Müller ermöglicht, anhand exemplarischer realer Gegenstände die Psychoanalyse vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Geburtshelfer der Psychoanalyse

Die Bronzestatue des Sofas von Sigmund Freud in Pribor
Eine Bronzestatue des Sofas von Sigmund Freud in Pribor Bildrechte: IMAGO

Als Schüler des französischen Neurologen Charcot kommt der Mediziner Freud von der Gehirnanatomie her. Sein Bezugsfeld waren anfangs die Laboratorien, die Kliniken, die Instrumente der Elektrotherapie, mit denen im 19. Jahrhundert an der Pariser Salpêtrière seelische Krankheiten wie die Hysterie behandelt wurden. Apparaturen wie das Mikrotom und die Influenzmaschine zählen zu den Geburtshelfern der Psychoanalyse. Doch im Zuge der Entwicklung seines neuartigen Heilverfahrens bei psychischen Erkrankungen, der Gesprächskur auf Basis von Träumen, Erinnerungen und freien Assoziationen, entfernt sich Freud immer mehr von den Experimental- und Naturwissenschaften. Er entwickelt seine eigenständige Disziplin der Psychoanalyse als Abspaltung aus der Neuropathologie, indem er sie aus den Kliniken und Labors der zeitgenössischen Medizin auslagert, ohne jedoch die Rückbindung an diese völlig aufzugeben.

Müller betont diese Zweigleisigkeit: "Freud fasste seine eigene Theorie des Seelenlebens in das Bild eines Apparats und stattete ihn wie ein Laboratorium mit den Instrumenten und Objekten aus, von denen er sich gerade verabschiedet hatte." Noch in der Abkehr, so Müllers Erkenntnis, bezieht sich Freud auf die Fragestellungen der Neuropathologie und sucht den von ihm so genannten "psychischen Apparat" mit Metaphern und Analogien aus den Experimentalwissenschaften zu veranschaulichen, vor allem mit Metaphern von Elektrizität und Dampf. Die Kamera, namentlich die Galtonsche Mischphotographie, dient Freud anfangs als Modell der Traumarbeit.

Couch als zentrales Kraftfeld

Freuds Dinge von Lothar Müller (Cover)
"Freuds Dinge" von Lothar Müller Bildrechte: Verlag Die Andere Bibliothek

Das ändert sich um 1890. Die Psychoanalyse verlässt das Labor und siedelt sich im bürgerlichen Alltag an. Sie verortet ihre Ordination nun im bürgerlichen Interieur, namentlich in Freuds Praxis in der Wiener Berggasse 19, dieser Einheit von Behandlungs-Couch, Arbeitszimmer und Antiquitäten-Sammlung. Damit öffnet sich die Psychoanalyse neuen Dingwelten – mit der Couch als zentralem Kraftfeld, das "alle Orte, Figuren und Gegenstände des alltäglichen Lebens" in sich hineinsaugt. Der orientalisierende Zeitgeschmack bei der Möblierung der bürgerlichen Wohnung prägt auch Freuds Deutungsarbeit. Der analytische Diwan mit seinem darüber gebreiteten Qashk’ai-Teppich und dem Smyrna-Teppich als Wandbehang ist selbst ein Sinnbild für Freuds Kunst, in der Traumdeutung alles zu verknüpfen, um letztlich alle Knoten im Seelenleben des Patienten aufzulösen.

Die materiellen Dinge sind einerseits das Material der Träume, Phobien und Zwangsneurosen. Andererseits dienen sie Freud als Metaphern und Gleichnisse für seine Deutungsstrategien und Begriffsbildungen. Mit Haus und Interieur integriert er "Hauptschauplätze und Zentralmetaphern der symbolischen Ordnung des bürgerlichen Lebens in sein Projekt". Hier haben nun die Dinge der zeitgenössischen Lebenswelt ihre bedeutungsvollen Auftritte: das Telefon, der Anker-Steinbaukasten, das Fancy Paper, das Kinderspielzeug, der Drehbleistift, die Apollokerzen, aber auch die Objekt-Collagen der Wiener Künstlerfeste, der so genannten Gschnas-Bälle.

Praxis voller Antiquitäten

Hinzu kommen, immer dominanter, die Götter und Helden der antiken Mythologie, vor allem Narziss und Ödipus, sowie die Antiquitäten von Freuds archäologischer Sammlung – Kleinplastiken, Statuetten, Krüge, Vasen, Gemmen, Amulette, Öllampen und Terrakotten, die nicht nur Freuds Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer bevölkerten, sondern auch die vollgestopften Vitrinen im Behandlungszimmer, nicht wenige davon im Sichtfeld der liegenden Patienten auf der Couch.

Freud deutete Ödipus als Doppelgestalt: einerseits als den verblendeten Vatermörder und Mutter-Beischläfer des Ödipus-Komplexes; andererseits als den scharfsinnigen Denker, der das Rätsel der Sphinx löste. Als Rätsellöser wurde Freud in der Selbstmythologisierung der Psychoanalyse zu einem modernen Ödipus, der die Rätsel der Träume und Zwangsneurosen löst.

Neues Standardwerk für Freud-Lektüre

Müller zeigt, wie Freud die antiken Götter in Mitarbeiter und Schutzpatrone bei der Arbeit an den Bilderrätseln des Unbewussten verwandelte. Immer umfassender und eingehender zapft Freud für seine Deutungsarbeit die Menschheitsgeschichte, ihre Mythen und Religionen an. Etwa ab 1910 weitet er die archäologische Zentralmetapher der Psychoanalyse in die Regionen von Anthropologie und Religionswissenschaft aus, was schließlich in seiner letzten Schrift gipfelte, der Studie "Der Mann Moses und die monotheistische Religion" aus seinem Todesjahr 1939.

Anhand von "Freuds Dingen" erzählt Lothar Müller nicht nur die Geschichte der Psychoanalyse neu; er beschreibt auch die Entwicklung Sigmund Freuds vom neurologischen Experimentalwissenschaftler mit Fokus auf Gewebeschnitten vom Gehirn über den Theoriebilder, Namensfinder, Rätsellöser und Meistererzähler seiner Fallgeschichten bis hin zum bedeutendsten Kulturanthropologen seiner Zeit. All dies macht Müllers Groß-Essay schon jetzt zu einem Standardwerk für die Freud-Lektüre.

Angaben zum Buch: "Freuds Dinge: Der Diwan, die Apollokerzen & die Seele im technischen Zeitalter"
von Lothar Müller
erschienen im Verlag Die Andere Bibliothek
Gebundene Ausgabe, 420 Seiten

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. März 2019 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. März 2019, 04:00 Uhr

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