Eine Menschenmenge mit Plakaten auf einer Straße
"Fridays for Future"-Proteste in Magdeburg Bildrechte: MDR/Michael Gerdes

Gespräch zu "Fridays for Future"-Protesten Warum sollten Kinder nicht schon ab 14 Jahren wählen?

Die "Fridays for Future"-Demonstrationen, initiiert durch die junge Schwedin Greta Thunberg, haben eine weltweite Protestbewegung hervorgebracht. Junge Menschen protestieren freitags für ihre Zukunft. Wie gut ist das für die Demokratie? Setzt die Schulpflicht hier nicht Grenzen? Oder sollte die nachwachsende Generation viel energischer ihre Rechte einfordern? Im MDR KULTUR-Gespräch ist dazu Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung und Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks.

Eine Menschenmenge mit Plakaten auf einer Straße
"Fridays for Future"-Proteste in Magdeburg Bildrechte: MDR/Michael Gerdes

MDR KULTUR: Tausende von Schülern, die für ihre Zukunft demonstrieren. So viel politisches Engagement, das müsste Sie doch freuen oder wenigstens bestätigen als jemand, der politische Bildung betreibt?

Thomas Krüger: Also für mich ist das erstmal äußerst bemerkenswert, dass hier politisches Engagement junger Menschen in Erscheinung tritt und die These, junge Menschen würden sich weniger interessieren als früher oder weniger politisch engagieren einfach ad absurdum geführt wird.

Im Grunde genommen muss man ja auch glücklich sein darüber, dass aktive Demokraten in jedem Alter hier auf die Tagesordnung treten müssen, um unsere offene und demokratische Gesellschaft zu verteidigen. Insofern haben Schülerinnen und Schüler durchaus alles Recht der Welt dazu, mit friedlichen aber vielleicht auch ungewöhnlichen Aktionen auf das Versagen von Verantwortlichen in der Klimapolitik hinzuweisen.

Vielleicht ist auch in dieser Hinsicht ungewöhnlich, dass sie es eben während der Schulzeit tun. Denn es sind ja eigentlich keine Klima-Demos sondern Streiks. Wir haben also Schulpflicht und wir haben das politische Engagement der Kinder und Jugendlichen. Was ist vertretbar?

Genau das ist der Streitpunkt und dem sollten wir uns auch stellen, wenn wir darüber diskutieren und die Sachen einordnen. Es sind nämlich unterschiedliche Dimensionen, die hier berührt werden. Auf der einen Seite geht es um das Engagement von Jugendlichen, die Interventionen, auch mit ungewöhnlichen Aktionen auf ihre politischen Interessen hinzuweisen. Auf der anderen Seite geht es um die Schulpflicht.

Thomas Krüger
Thomas Krüger: "Natürlich ist man mit 14 beeinflussbar. Man ist aber auch sein ganzes Leben lang beeinflussbar, wie wir aus der Geschichte wissen und wie wir aus vielen aktuellen Beispielen auch erfahren." Bildrechte: bpp, Ulf Dahl

Man darf auch Schülerinnen und Schüler daran erinnern, dass für die Schulpflicht hart gestritten worden ist. Um eben Kindern durch Bildung Aufstieg zu ermöglichen, also eine Perspektive, aus Armutssituationen herauszufinden. Und das ist die große Entscheidung des 19. Jahrhunderts gewesen, hier Weichen zu stellen und als öffentliches Gut festzulegen.

Insofern würde ich sagen, dass hier zwei Erfahrungen wichtig sind. Einmal diese Selbstwirksamkeitserfahrung, sich mit politischen Anliegen in die Öffentlichkeit zu trauen. Aber auch die Erfahrung, Widerspruch zu erfahren. Dass man sich mit seinem politischen Engagement niemals im luftleeren Raum bewegt. Regeln und Pflichten gelten natürlich auch für noch-nicht-wahlpflichtige Bürgerinnen und Bürger. Und insofern müssen sich Jugendliche bewusst machen, dass so ein Regelverstoß auch mit unangenehmen Konsequenzen geahndet werden kann.

Es geht um beide Erfahrungen: die Meinungsfreiheit, die realisiert wird und eben auch das Recht auf Gegenrede. Und das heißt, dass in der Gesellschaft Leute anderer Meinung sind und dass es auch Regeln gibt, die Grenzen aufzeigen.

Es gibt keine einheitliche Regelung in Deutschland, wie damit umgegangen werden soll, dass die Schulpflicht nicht realisiert werden kann, wenn die Jugendlichen demonstrieren. Haben Sie vielleicht – als jemand aus der politischen Bildung – einen Tipp für die Schulen, nach welchen Kriterien sie entscheiden sollten?

Ich würde dazu raten, sich auch die Relevanz des Politikunterrichts oder der politischen Bildung nochmal vor Augen zu führen. Man kann politische Bildung nicht nur im Klassenraum vermitteln, durch Frontalunterricht. Sondern wir diskutieren in der politischen Bildung, wie auch in vielen anderen Fächern, die Diversifizierung von Lernorten. Und Lernorte gibt es eben nicht nur im Klassenraum, sondern auch auf der Straße in diesem Fall. Insofern ist es eine Abwägung unterschiedlicher Dimensionen, die hier vorgenommen werden muss.

Abiturienten während des Zentralabiturs, 2009.
In Deutschland besteht Schulpflicht Bildrechte: IMAGO

Auf der anderen Seite müssen auch Schülerinnern und Schülern die Konsequenzen aufgezeigt werden, was es heißt, wenn man seine Bildung nicht realisiert. Wenn man nicht nacharbeitet, was man da verpasst hat. Wenn man beispielsweise Schülerinnen und Schüler beeinträchtigt, die gerne den Schulunterricht wahrnehmen wollen. Das sind alles Konsequenzen, die mit einer solchen Entscheidung, zu streiken und zu demonstrieren, implizit zu tun haben.

Insofern finde ich, ist es wichtig, dass man Kinder, die sich da engagieren, auf der einen Seite nicht entmutigt und sie durchaus auch unterstützt, diese eigene Erfahrung zu machen – aber eben auch den Kontext darstellt, die Konsequenzen und die Grenzen der politischen Aktion. Ich glaube, dass Schülerinnen und Schüler da viel lernbereiter sind, als viele von der Erwachsenenwelt, die Formen von Demonstrationen eher auch in ihrer Radikalität kennen, kennen.

Wenn man das demokratietheoretisch weiter denkt, was halten Sie von der Idee, das Wahlalter auf Bundesebene auf 16 Jahre herunterzusetzen?

Das ist ja schon in einigen Ländern der Fall. In Brandenburg, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein dürfen Jugendliche bereits ab 16 an Landtagswahlen und auch an der Kommunalwahl teilnehmen. Und in vielen anderen Bundesländern gibt es das Wahlalter 16 für den Kommunalwahlbereich, Und das finde ich eigentlich schon eine ganz gute Entwicklung.

Ich bin der Meinung, dass das ein erster Schritt ist. Angesichts der Klimapolitik, die ja auch Bundesrelevanz hat, sollte man auch die Wahlaltersenkung für die Bundestagswahlen diskutieren. Und ich bin ehrlichgesagt sogar dafür, dass man das Wahlalter noch weiter als 16 senkt. Denn mit 14 haben Kinder Religionsmündigkeit, sie haben Strafmündigkeit, sie haben Scheckkartenfähigkeit, sie bekommen einen Personalausweis. Das heißt, wir muten ihnen sehr viel zu, wir geben ihnen schon sehr viel Verantwortung mit 14 Jahren – ausgerechnet bei politischen Entscheidungen bleiben sie außen vor.

Und angesichts der demografischen Entwicklung, dass die Gesellschaft immer älter wird und immer mehr Ältere auch immer weniger Jugendlichen prozentual gegenüberstehen, finde ich eigentlich, dass Zukunftspolitik hier zu kurz kommen kann, wenn wir nicht Jugendlichen viel früher Beteiligungsmöglichkeiten geben. Und Wahlen sind eine von vielen Beteiligungsmöglichkeiten.

Es gibt ja im Kinder- und Jugendhilfegesetz und im Baugesetzbuch sogar Paragrafen, die vorschreiben, dass Kinder an Entscheidungen, die sie betreffen, beteiligt werden müssen.

Mit 14, da ist man doch noch sehr beeinflussbar, oder?

Natürlich ist man mit 14 beeinflussbar. Man ist aber auch sein ganzes Leben lang beeinflussbar, wie wir aus der Geschichte wissen und wie wir aus vielen aktuellen Beispielen auch erfahren. By the way – mit 14 ist man durch den Politikunterricht in vielen Fragen relativ kompetent. Wenn man eine Leistungskontrolle in Sachen demokratischer Gesellschaft machen würde, wäre ich der Meinung und würde die spitze These aufstellen, dass Schüler nicht am schlechtesten abschneiden in der Gesellschaft.

Das Interview führte Vladimir Balzer für MDR KULTUR

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. März 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. März 2019, 20:44 Uhr

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