Eine Schülerin hält bei einer "Fridays for Future" Kundgebung ein Schild hoch auf dem steht: "Rettet Olaf".
Schülerinnen und Schüler demonstrieren während des "Fridays for Future" in Dresden Bildrechte: dpa

Protestkultur Jugendforscher: Schülerproteste von heute größer als 68er-Studentenbewegung

Die Jugend protestiert wieder, ob bei "Fridays for Future" oder im Internet. Wie kommt das? Wurde in den vergangenen Jahrzehnten nicht eher kritisiert, dass sie sich für Politik so gar nicht interessieren würden? Tritt hier vielleicht eine neue Generation in die Fußstapfen der 68er? Der Publizist Klaus Farin, Gründer des Archivs der Jugendkulturen, ordnet die aktuellen Proteste ein.

Eine Schülerin hält bei einer "Fridays for Future" Kundgebung ein Schild hoch auf dem steht: "Rettet Olaf".
Schülerinnen und Schüler demonstrieren während des "Fridays for Future" in Dresden Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Junge Leute protestieren für eine bessere Klimapolitik und für Freiheit im Internet. Täuscht der Eindruck, oder interessieren sich wieder mehr junge Leute für Politik als vor 20/30 Jahren?

Klaus Farin: Einerseits merken wir steigend, mehr junge Leute interessieren sich für Politik, vor allen Dingen für die zentralen Themen. Es sind trotzdem noch Minderheiten. Man darf sich nicht vorstellen, dass die Mehrzahl aller Jugendlichen plötzlich politisiert ist. Ein politisches Interesse von einer Minderheit und Engagement gab es immer schon. Einige erinnern sich an die großen Demonstrationen im ersten Golfkrieg und die Schülerdemonstrationen. Der Unterschied ist, es hat die Erwachsenengesellschaft überhaupt nicht interessiert.

Jetzt, seit "Fridays for Future" plötzlich, wirkt das in die Erwachsenengesellschaft hinein. Dann nochmal der Skandal mit dem Video. Das ist eigentlich neu, dass Jugendliche plötzlich merken, es ist gar nicht egal, was wir sagen, man hört uns vielleicht sogar zu. Wenn auch mit unterschiedlicher Qualität, wie wir erlebt haben.

Wie im Kern politisch sind die Klimaproteste oder ist da auch ein Stück Lifestyle als Motivation dabei?

Klaus Farin
Unser Gesprächspartner Klaus Farin ist Publizist, Verleger und Gründer des Berliner Archivs der Jugendkulturen Bildrechte: imago/Horst Galuschka

Das mischt sich natürlich. Das ist aber schon bei den 68ern eigentlich auch so. Auch die politische APO – ohne Hippies und ohne Rockmusik und die Stones und so kann man sich das auch nicht denken. Es hängt schon damit zusammen. Und Jugendliche sind vor allen Dingen immer dann engagiert, wenn sie persönlich betroffen sind. Wenn das Themen sind, die ihnen wirklich wichtig sind, die ihnen nahe gehen – und außerhalb von Institutionen.

Parteien sind für Jugendliche nach wie vor kein Thema. Nur ein Prozent der Jugendlichen in Deutschland könnte sich vorstellen, sich in einer der Parteien zu engagieren. Aber wenn es gerade jetzt um die Klimakatastrophe als Thema geht – oder, das zweite große Thema sind natürlich Tiergeschichten und das dritte große ist Ungerechtigkeit – dann sind Jugendliche sehr hochgradig bereit, sich zu engagieren. Vor allen Dingen im Nahbereich.

Wäre ein Vergleich mit den damals jungen 68ern zu gewagt? Oder wo liegen die Unterschiede zwischen 68 und heute?

Protestplakat mit der Aufschrift «Fear Us» und dem Bild der Schwedin Greta Thunberg während des Fridays for Future in Dresden
Das Engagement der Schwedin Greta Thunberg hat eine internationale Jugendprotest-Bewegung initiiert. Bildrechte: dpa

Die 68er wurden überwiegend von Studierenden getragen, also Menschen, deutlich über 20 bis 30. Die sind heute auch stark dabei. Aber interessant ist, es sind sehr, sehr viele Schüler dabei, weil ihnen das Thema Klimawandel/Klimakatastrophe solche Ausmaße hat, dass auch 14-, 15-, 16-jährige da schon durchaus bereit sind, sich zu engagieren, sich dafür interessieren.

Das hat sich geändert, dass es sehr junge Leute sind. Und natürlich viel breiter aufgestellt! Wenn man sich mal realistischerweise die Zahlen ansieht: 68, das waren etwa fünf bis sechs Prozent der Studierenden, die wirklich politisch unterwegs waren und die Demonstrationen besucht haben.

Heute ist es in der Tat eine Massenbewegung. Es sind 15-20 Prozent der Jugendlichen, die bei solchen Demonstrationen zu finden sind.

Die Eltern sind bei den Klimaprotesten heute ja auch mit auf der Straße, die werden mitgezogen. Aber ein Unterschied ist in der breiten medialen und politischen Zustimmung zu den Klimaprotesten. Die 68er haben von der Zeitung oder von der Öffentlichkeit kaum Unterstützung erfahren.

Der YouTuber Rezo lächelt freundlich ins Objektiv.
Ein Protest-Video des YouTubers Rezo haben sich Millionen Menschen angesehen. Bildrechte: dpa

Ja, die einzigen, die eigentlich nicht dabei sind, sind die Berufspolitiker. Das muss man so feststellen. Sowohl CDU als auch SPD als auch FDP – von der AfD ganz zu schweigen, haben es bis heute nicht verstanden, auch die Brisanz des Themas und die Bedeutung des Themas und versuchen immer noch in ihrem sozusagen traditionellen Zug zu fahren: "Jaja, ein bisschen kann man ja machen …"

Man passt sich sozusagen argumentativ an aber es passiert nicht wirklich was. Das ist eigentlich die einzige Gruppe, die sich quasi völlig raushält und überhaupt nicht bewegt.

Die Wissenschaft hat sich bewegt, über 26.000 Autoren … und Jugendliche und Eltern. Sogar Schulleiter haben diskutiert, den Streik ihrer Schüler und Schülerinnen nicht zu ahnden, sondern das sogar positiv aufzunehmen, als Unterrichtsthema anzubieten. Das ist eine neue Qualität!

Junge Menschen stehen auf der Straße mit Transparenten, einer im Eisbärenkostüm mit einem Schild um den Hals "Mir ist warm"
"Fridays for Future" in Chemnitz Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Das Interview führte Annett Mautner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Mai 2019 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Mai 2019, 19:03 Uhr

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