Friedrich Ani
Krimiautor Friedrich Ani Bildrechte: imago/Manfred Segerer

"All die unbewohnten Zimmer" Friedrich Ani ist der Lyriker unter den Kriminalschriftstellern

Friedrich Ani ist so oft mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet worden wie kein anderer Autor. Jetzt ist sein neuer Roman unter dem Titel "All die unbewohnten Zimmer" erschienen. Darin lässt der Autor vier seiner bereits bekannten Ermittler aufeinandertreffen: den bedächtigen Verschwundenensucher Tabor Süden, den ehemaligen Mönch und Kripo-Kommissar Polonius Fischer, Jakob Franck, Spezialist für die Überbringung von Todesnachrichten, und die Beamtin Fariza Nasri. Unsere Kritikerin lobt das "großartig gebaute Stück Literatur".

von Andrea Gerk, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Friedrich Ani
Krimiautor Friedrich Ani Bildrechte: imago/Manfred Segerer

Eigenwillige Einzelgänger sind alle Ermittler des Schriftstellers Friedrich Ani. Und die Aussicht, dass nun vier dieser Eigenbrötler aufeinandertreffen, stimmt erstmal skeptisch. Doch wie von Zauberhand – die bei diesem Autor ohnehin immer mit im Spiel zu sein scheint – führt er seine Figuren geschmeidig und wie nebenbei zueinander. Ani erzählt einmal mehr eine dramaturgisch stimmige, spannende und ergreifend düstere Geschichte.

Zwei Fälle

Am Anfang wird sie von Fariza Nasri erzählt. Sie ist Beamtin mit syrischen Wurzeln, die in die Provinz strafversetzt worden war und jetzt im Team des ehemaligen Benediktiner-Mönchs Polonius Fischer an einem Fall arbeitet. Oder besser gesagt an zwei Fällen, denn der erste ist nach knapp 90 Seiten aufgeklärt. Und gerade als man sich verwundert fragt, ob es das schon war, geht es erst richtig los.

Beim ersten Fall wurden auf einem Münchner Platz eine Frau und ein Polizist erschossen. Und weil Fariza Nasri – entgegen aller Dienstvorschriften – handelte, wird der Täter recht bald überführt. Es ist eine tragische Figur, ein am Leben gescheiterter, wie es ja ohnehin bei Ani nie eine klare Trennung in "die Bösen" und "die Guten" gibt.

Aktuelle Themen

Der zweite Fall wird vom Polizeipräsidenten an das Team von Polonius Fischer übergeben, weil die ermittelnden Beamten nicht weiterkommen. Ein junger Polizist ist im Einsatz totgeschlagen worden, während um die Ecke eine Großdemonstration einer rechten Bewegung durch die Stadt marschiert – zwei Kinder, syrische Flüchtlinge, wurden am Tatort gesehen.

Es geht diesmal bei Ani also auch um Rassismus, (rechts-)extremes Gedankengut, Ost- und Westdeutschland. Und so vielschichtig wie die Themen ist auch die Struktur, denn erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven und in Vor- und Rückblenden – ein großartig gebautes Stück Literatur.

Vier sehr spezielle Ermittler

Die vier Ermittler, die Ani so elegant zusammenführt, begegnen diesem Fall, beziehungsweise den Fällen, mit ihren jeweils eigenen, seltsamen Ermittlungsmethoden, die eigentlich ja eher so was wie Seinsweisen sind oder Spiegel ihrer inneren Verfasstheit.

Friedrich Ani, All die unbewohnten Zimmer
Friedrich Ani: "All die unbewohnten Zimmer" Bildrechte: Suhrkamp

Jakob Franck, der bereits pensioniert ist, war zu seiner Dienstzeit darauf spezialisiert, den Hinterbliebenen die Todesnachrichten zu überbringen. Und da das niemand gerne macht, holt man ihn immer noch. Er hält den Schmerz der Hinterbliebenen aus, dafür lebt er selbst mit den Toten weiter, weshalb auch seine Ehe zerbrochen ist.

Kommen die Ermittler nicht weiter, versucht er sich in "Gedankenfühligkeit", einer speziellen, eigentlich meditativen Technik: Er legt sich daheim auf den Teppich und lässt die Gedanken und Gefühle laufen. Oft taucht danach ein Detail in seinem Bewusstsein auf, dass auf die richtige Spur führt.

Oder Polonius Fischer, der jahrelang Benediktinermönch war und jetzt sein Team, das ironisch "Die 12 Apostel" genannt wird, jeden Mittag zum Essen versammelt und – wie im Kloster – liest einer etwas vor, während alle schweigend essen und sich einige Minuten sammeln.

Solche Einfälle wirken bei Ani überhaupt nicht esoterisch, sondern genauso naheliegend, wie wenn Tabor Süden bei ein paar Gläsern Bier oder Weißwein, in irgendeiner Spelunke, auf die richtigen Hinweise kommt.

Eigenen Sound geschaffen

Noch packender als seine Figuren und Fälle ist jedoch Friedrich Anis Erzählweise. Ani ist der Lyriker unter den Kriminalschriftstellern – und das nicht nur, weil er auch tatsächlich Gedichte schreibt und veröffentlicht. Er hat eine eigene Sprache, einen eigenen Sound erfunden, bei dem Musik und Klang eine große Rolle spielen, aber auch das Schweigen.

Anis Ermittler sind "Zimmerlinge" – so heißt auch eines seiner Gedichte – in sich verschlossene Einsamkeitsforscher, die wie ein Medium aufnehmen, was um sie herum geschieht, gefühlt, gedacht wird. Und die alle ein Leid, eine schwere Verletzung in sich tragen ("Wir sind die Geiseln unserer Erinnerung", heißt es einmal). Es sind "lauter schattenhafte Wesen, deren Biografien verschütt gegangen waren", und zwar die Ermittler, ebenso wie die Täter. Schuldig sind hier ohnehin alle oder sie werden es, so wie in diesem Roman die Polizistin Farzia Nasri aus einem großen Unrecht heraus selbst zur Täterin wird.

Jeder hier ist letztlich an etwas oder sich selbst gescheitert. Deshalb geht es nicht zuletzt um das Thema Scheitern, Versagen und um die Grenzen dessen, was Menschen ertragen können. Diese existentielle Tiefe verleiht Anis Romanen eine traurige Düsternis, durch die aber immer wieder ein feiner Humor durchblitzt, was diese sprachmächtigen Texte zu großen Leseerlebnissen macht.

Angaben zum Buch Friedrich Ani: "All die unbewohnten Zimmer"
494 Seiten, gebunden, 22 Euro
ISBN: 978-3-518-42850-4
Suhrkamp

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Juni 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2019, 04:00 Uhr

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