120. Todestag des Philosophen Warum Nietzsches Denken bis heute wirkmächtig ist

Friedrich Nietzsche hat das philosophische Denken der Welt von Mitteldeutschland aus verändert. Warum er von den Nazis fälschlich vereinnahmt wurde und weshalb seine Gedankenwelt bis heute wirkungsvoll ist, das erläutert der Leiter des Weimarer Nietzsche-Kollegs, Helmut Heit, im Gespräch mit MDR KULTUR.

Friedrich Wilhelm Nietzsche
Friedrich Nietzsche hat mit seinem markanten Bart einen hohen Wiedererkennungswert Bildrechte: dpa

Die Villa Silberblick in Weimar ist fest mit Friedrich Nietzsche verbunden. Dort starb der Philosoph vor 120 Jahren. Der heutige Hausherr Helmut Heit ist selbst Philosoph, außerdem Politikwissenschaftler, Nietzsche-Experte und Leiter des Weimarer Nietzsche-Kollegs. Im Gespräch mit MDR KULTUR sagt er, das Interesse an Nietzsche sei noch immer ungebrochen, er werde nicht nur an Universitäten gelesen, Nietzsches Sprache sei kraftvoll und spräche auch heute noch zu uns.

Weiter führt er aus: "Nietzsche ist jemand der vor allen Dingen auf der inhaltlichen Seite aktuell ist, indem er versucht, das Denken in Schablonen und Gegensätzen zu überwinden. Seine Rede von einem 'Denken jenseits von Gut und Böse' ist ja nicht in erster Linie als unmoralisch oder nicht an Werten orientiert gemeint, sondern als ein Denken, das versucht einzusehen, dass wir häufig nicht genau wissen, was Gut und Böse ist. Das führt zu einer gewissen Bescheidenheit gegenüber der Rechthaberei und dem Fundamentalismus vieler Menschen, die ich gerade in der jüngeren Gegenwart beobachte. Und da scheint mir Nietzsche nach wie vor ein wichtiges und hilfreiches Gegenmittel zu sein."

Man spürt den Nietzsche aus Mitteldeutschland

Heit benennt auch die Orte in Mitteldeutschland, an denen Nietzsche aufgewachsen ist oder gewirkt hat: Röcken, Schulpforta, Naumburg die Villa Silberblick in Weimar – dort gäbe es immer noch eine Aura, die auf Nietzsche hindeutet.

Friedrich Wilhelm Nietzsche
Das Nietzsche-Archiv in Weimar Bildrechte: dpa

Der Philosoph habe aber auch außerhalb Mitteldeutschlands gewirkt, so Heit: "Es gehört auch zu Nietzsche, dass er sich wie Goethe auch nach Italien orientiert hat und dort eine seiner großen philosophischen Schriften erarbeitet hat. Die Verbindung zwischen diesem mitteldeutschen Raum und anderen Regionen Europas, das macht aus, was Nietzsche am Ende in seiner Philosophie zusammen trägt und was ihn besonders interessant macht."

Nietzsche war kein Naziphilosoph

Friedrich Nietzsche
Nietzsche in einer zeitgenössischen Darstellung Bildrechte: imago/Leemage

Die Verbindung Nietzsches zur Ideologie der Nationalsozialisten, die immer wieder diskutiert wurde, kann Heit nicht erkennen. Er sei, wie auch Goethe, Hegel oder Platon, ein Denker gewesen, den die Nazis aktiv für ihre Kulturpolitik vereinnahmt haben. Heit sagt: "Das war auch gut möglich mit Nietzsche, weil er ein Pathos des Heroischen, des Kämpferischen und Energischen vertritt. Nietzsche kann aber überhaupt nichts anfangen mit dem Ideal einer, wie er sagen würde, gesunden Herde. All das, was als Reinheit des Volkskörpers die zentrale Ideologie der Nationalsozialisten ist und dann zu einem im radikalen Ausgrenzen aller, die nicht dazugehören führt, das ist entgegengestellt zu dem, wozu sich Nietzsche als Philosoph bekennt. Für ihn ist Vielfalt, Differenz und Variantenreichtum nicht nur ein zentrales Merkmal von Leben, sondern überhaupt Voraussetzung für kulturelle Entwicklung. Insofern kann er mit dieser Deutschtümelei nichts anfangen. Er kannte die Nazis nicht, aber er kannte deutsche Nationalisten und Antisemiten – und damit hatte er nichts am Hut."

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. August 2020 | 06:30 Uhr

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