Die Schauspieler Ilse Karsch, Luise Hemmann, Jörn Gottschlich, Stefan Vogl, Florian Göttert, Louis Förster sitzen an einem Tisch auf der Bühne.
Das Ensemble von "Früher war alles". Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden/Sebastian Hoppe

Staatsschauspiel Dresden "Früher war alles": Ein humanistisches Theaterstück

Am Wochenende kam am Staatsschauspiel Dresden ein Stück von Dirk Laucke zur Uraufführung – Titel: "Früher war alles". Es ist ein Auftragswerk für die Bürgerbühne am Staatsschauspiel über das sächsische Freital, wo laut Theater-Homepage "Anschläge auf Asylsuchende 2015 für Negativschlagzeilen gesorgt haben, die das mediale Bild der Stadt Freital bis heute prägen". Dirk Laucke, der Autor, sollte "ein dokumentarisches Stück über Freital schreiben, das hinter diese Schlagzeilen schaut." Das ist ihm auf besondere Weise gelungen, meint unser Kritiker.

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterkritiker

Die Schauspieler Ilse Karsch, Luise Hemmann, Jörn Gottschlich, Stefan Vogl, Florian Göttert, Louis Förster sitzen an einem Tisch auf der Bühne.
Das Ensemble von "Früher war alles". Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden/Sebastian Hoppe

Dirk Laucke ist ein erfolgreicher Autor, der in Sachsen und Sachsen-Anhalt auch schon den Lessing- und Georg-Kaiser-Förderpreis bekam. 1982 geboren, ist der 36-Jährige in Schkeuditz zwischen Halle und Leipzig aufgewachsen. Er studierte szenisches Schreiben bei Autoren wie Oliver Bukowski, schreibt dann regelmäßig und viel. Oft sind es Stücke für bestimmte Theater mit bestimmten Themen. Am Staatsschauspiel gab es vor zehn Jahren schon einmal eine Uraufführung von ihm: "Für alle reicht es nicht". In seinen Stücken geht es oft um einfache Leute aus dem Mansfelder Land, aus Halle, aus Dresden. Es geht um Leute, die eine Nachwende- oder DDR-Biografie haben. Laucke ist im selben Milieu unterwegs wie der Schriftsteller Clemens Meyer. Im Untertitel heißt das neue Stück über Freital auch: "Geschichten von Träumen und Abwicklungen aus Freital".

Dreh- und Angelpunkt Freital

Für "Früher war alles" hat Laucke vor Ort recherchiert, hat Leute getroffen, sich ihre Geschichten angehört, und diese Geschichten dann künstlerisch verdichtet, wie es so schön heißt. Wobei ihn – das hat er im Interview mit MDR KULTUR gesagt – eher die sozial engagierten Leute und die älteren Leute aus Freital interessiert hätten. Es seien die "nicht so lauten Stimmen" als Gegenbild zu den Rechten, die in den Medien sehr präsent seien. "Früher war alles" ist also kein Stück, das die Ansichten und Handlungen der Rechten erklären oder herleiten will. Es ist in Kooperation mit der "Großen Kreisstadt" Freital entstanden, also auch offiziell eingefädelt. Mit Gütesiegel sozusagen.

Überall verschieden und doch gleich

Das Bühnenbild im Kleinen Haus des Staatsschauspiels stellt, stark abstrahiert, ein weißes Festzelt vor: ein paar Bierbänke und Tische; an der Stirnseite eine erhöhte Bühne, Rumsmusik im Off, mehr braucht es nicht. Hier werden alle Szenen gespielt: die Bänke und Tische so zurechtgerückt, dass die abstrahierten Bilder allesamt stimmig wirken. Zu Beginn sitzen die 17 Bürgerbühnler verteilt an Tischen und singen "Nach Hause geh'n wir nicht". Es klingt allerdings recht unfröhlich. Vielleicht ein Echo aus alter, schönerer Zeit. Till, einer der Protagonisten, sitzt allein, erzählt, wie er auf die Welt kam, 1965, als sich die Eltern "nach einem Jahrmarkt durchs Heu wühlten". Er sei ein "Kunde" gewesen, mit Jesuslatschen, wäre mit 16 schon quer durch die Republik getrampt, "jeder Meter von Zuhause weg – war Gold". Zuhause ist Freital. Aber eigentlich auch nicht. Als Kind war Till nämlich bei der "Oma", einer Vertriebenen oder Umsiedlerin – je nach Sicht – aus Breslau, die mit Kuhstall und vier Onkeln "so was wie ne Heimat" bedeutet hatte. Für Oma ist Freital, wohin Tills Mutter ziehen will, nur eine "Durchgangsstraße", wo es Arbeit gibt.

Szenenbild aus dem Theaterstück Früher war alles am Staatsschauspiel Dresden
Das Stück behandelt auch die Suche nach "Heimat". Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden/Sebastian Hoppe

Das Thema Arbeit wird auch das Stückende markieren, wenn Jana über China erzählt. Jana, die als junge Frau nach Wende und Betriebsabwicklung in die USA gezogen ist und deswegen Englisch spricht, hat – zurück in Freital – "Glück gehabt", als sich "eine amerikanische Firma" in Freital ansiedelt und sie angestellt wird. Oft sei sie jetzt beruflich in China, "wo die Betriebe sind. Stahlwerke, Porzellanfabriken, alles". Die Menschen zögen wegen der Arbeit dort hin: "Es ist immer dasselbe Lied. Überall." Das ist die Botschaft des Abends.

Was ist Heimat?

Und die große Klammer: Menschen, die sich in der DDR und im Nachwendedeutschland dort ansiedeln, wo es Arbeit gibt, und dieser hinterherziehen. Und umgekehrt. Das Leben in Freital ist nur die besagte "Durchgangsstraße". Mobil sein und bleiben prägt hier einen neuen Heimatbegriff, der strenggenommen ein Paradox darstellt. Wenn Till, der ein Eulenspiegel und vogelfrei sein will, als junger "Kunde" Freital verlässt, um nach Jena und Weimar – "Studentenstädte mit Westfernsehen" – zu gehen, dann ist das für ihn auch eine Art Heimatsuche. Weil Heimat Freital als "Durchgangsstraße" eben nicht funktionieren kann. Weil diese Heimatlosigkeit als Verlusterfahrung der anderen die Behauptung einer Heimat geradezu erzwingt.

Für Till waren die Menschen in Jena und Weimar "aufgeschlossen da". Sie hätten ihm, dem "Langhaarigen" nach einem Konzert einen Schlafplatz angeboten. In Freital wäre er verjagt worden. Mit den Worten: "Asoziales Schwein, ihr gehört vergast!" Das ist hier die sublime Kritik an den rechten Freitalern – aber eigentlich auch darüber hinaus an den Deutschen, die einst selbst vor Krieg, und später immer auch zur Wirtschaft hin geflüchtet sind. Und nun, zwei, drei Generationen später, anderen Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen die Aufnahme verweigern.

Ein Aufeinandertreffen der Generationen

Szenenbild aus dem Theaterstück Früher war alles am Staatsschauspiel Dresden
Die Geschichte wird über drei Zeitebenen erzählt. Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden/Sebastian Hoppe

In "Früher war alles" treten deshalb vier Generationen auf: die ganz Alten, die noch die Weltkriegserfahrung mitbringen, als Erinnerung in den Erzählungen; die Mittsiebziger, die die DDR aufgebaut haben und von einem besseren Deutschland träumten; die Fünfziger, die vor allem die Nachwende-Erfahrungen und -Enttäuschungen schultern müssen; und die Kinder- und Enkelgeneration, die die DDR nur vom Hörensagen kennt. Laucke arbeitet in seinem Text die unterschiedlichen Haltungen heraus, benutzt dabei einen sehr knappen Stil – kein Wort zuviel. Die Akteure auf der Bühnen tragen diese Texte mehr vor, lauschen Ihnen nach, als dass sie sie naturalistisch erspielen würden. So entsteht der Eindruck einer Suche nach einem So-geworden-sein – durchaus passend. Je näher dabei die gespielte Zeit an die eigene heranreicht, desto spannungsreicher dieser Vortrag.

Eine Episode, in der über die Frage verhandelt wird, ob man gegen die Betriebsabwicklungen der Nachwendezeit streiken soll, ist so ein bedrückender Erinnerungsmoment. Ebenso eine Szene im Fitnessstudio, in der eine Unterschriftsliste gegen Asylheime herumgereicht wird. Großartig auch, wie eine ältere Dame, Frau Senner, Haltung zeigt – oder erspielt, wer kann und will das hier noch unterscheiden? – und zwei Geflüchteten Deutschunterricht gibt, weil ihr die Anschläge auf die Asylbewerber schließlich zu weit gehen. Sie hilft sogar, eine Familie aus Afrika zusammenzuführen. Fannah ist hochschwanger. Gerade in Freital bei ihrem Mann angekommen, kriegt sie das Kind. Senners Kommentar: "Ein Freitaler, das bist du. Ä Sachse." Das Publikum ist ergriffen und lacht. Jetzt ist es fast so schön wie Weihnachten. Aber vielleicht braucht es auch diese Momente.

Ein wichtiges Stück

Braucht die Welt so ein Stück? Ja! – Was Laucke und Regisseur Jan Gehler hier zeigen, ist ein deutsches Geschichtspanorama. Ein Erklärstück mit humanistischer Botschaft. Aber vor allem ist es eine Gelegenheit, die der Theaterraum hier auch bietet, eine Stadtgesellschaft auf ein gemeinsames Ziel hin einzuschwören: Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern und Schwestern, das aus der Geschichte lernend aus einer schwierigen Situation das Beste zu machen sucht. Nach einem langanhaltenden Applaus sah ich in den Gesichtern der Bürgerbühnler ein entspanntes Lachen. Es hatte wohl auch Anspannung gekostet sich auf die Bühne zu stellen. Pars pro toto. Warum macht ihr das? Müsst ihr die ganze Geschichte wieder hochholen? Was wird die Presse sagen? – Im Foyer standen nach der Premiere viele, kleine Grüppchen. Angehörige der Matadore. Blumensträuße in den Händen. Am Ende haben hier wohl 17 Akteure mit den Gratulanten, die auch Multiplikatoren sind, etwas in Gang gebracht, das in Freital nachhaltig wirken dürfte.

Szenenbild aus dem Theaterstück Früher war alles am Staatsschauspiel Dresden
Im Jahr 2015 war Freital im Fokus der Medien. Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden/Sebastian Hoppe

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. März 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. März 2019, 12:57 Uhr

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