Gespräch Hat das Charlie-Hebdo-Attentat die Karikaturisten eingeschüchtert?

Vor fünf Jahren töteten zwei Terroristen bei einem Attentat auf die Redaktionsräume der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris zahlreiche Menschen. Grund waren Mohammed-Karikaturen. Die Debatten in den folgenden Monaten und Jahren waren erheblich, auch die Solidaritätsaktionen in den ersten Monaten unter dem Motto "Je suis Charlie". Ist die Rechnung der Terroristen, die Karikaturisten einzuschüchtern, aufgegangen? Im Gespräch ist dazu ist Peter Ufer, ein mit der Satirelandschaft bestens vertrauter Journalist und Publizist und Mitbegründer des deutschen Karikaturen-Preises.

Zwei junge Männer greifen nach einer Ausgabe das französichen Satiremagazins Charlie Hebdo
Ausgabe das französichen Satiremagazins Charlie Hebdo Bildrechte: Getty Images

MDR KULTUR: Die Attentate auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo sollten der Einschüchterung von Karikaturisten dienen. Ist das gelungen?

Peter Ufer: Das ist sehr unterschiedlich. Das hängt im hohen Maße von dem einzelnen Karikaturisten ab. Greser & Lenz zum Beispiel, die in Aschaffenburg leben, haben kurz danach gesagt: "jetzt erst recht" und haben Mohammed-Karikaturen gezeichnet, ihren Schreibtisch in Richtung Mekka ausgerichtet und haben die Satire so noch verstärkt. Es gibt andere, die gesagt haben, wir bleiben in unserem sehr privaten Alltagshumor. Das ist also sehr differenziert zu betrachten.

Eine Einschüchterung würden Sie also nicht wirklich ausmachen?

Der Journalist und Autor Peter Ufer
Der Journalist und Autor Peter Ufer. Bildrechte: Peter Ufer/Robert Jentzsch

Nein, auf keinen Fall. Sowohl beim deutschen Karikaturenpreis als auch bei den Einreichungen zum Heinrich-Zille-Preis merken wir, dass die Politisierung der Karikatur sich wesentlich verstärkt hat. Das gab es so schonmal in den 90er-Jahren, wo man sagte: Das ist sehr privat, persönlich, familiär, Alltagshumor. Das hat sich geändert. Also ich glaube, dass im Gegenteil, der Aufstand der Karikaturisten sogar noch größer geworden ist.

Das wundert mich jetzt, denn es gibt die Feststellung, dass das Publikum nicht ganz so lange solidarisch dabei war. Es gab zwar eine große Welle der Solidarität – Stichwort "Je suis Charlie". Der Titanic-Chef Tim Wolff meinte jedoch, es habe sich hierbei nur um eine "kurze Zeit der verlogenen Solidarität" gehandelt. Was meinen Sie?

Ich stimme ich ihm absolut zu. Aber das ist ja ein großer Unterschied zwischen den Karikaturistinnen und Karikaturisten und dem Publikum. Das Publikum oder die Konsumenten von Satire – da gehe ich weit über die Karikatur hinaus – das hat sich sehr verändert. Til Mette, Hamburger Karikaturist der für den Stern zeichnet, hat vor kurzem gesagt: "Die Zündschnur zwischen Witz und Reaktion ist wesentlich kürzer geworden."

Opfer des Anschlags auf Charlie Hebdo am 7. Januar 2015
Streetart mit den Abbildungen einiger der Opfer des Anschlags auf Charlie Hebdo Bildrechte: imago/Winfried Rothermel

Wenn es sie überhaupt noch gibt. Es gibt ja nicht nur Islamisten, die sehr empfindlich auf Mohammed-Karikaturen reagieren. Es gibt ja auch politisch-korrekte Fraktionen, die auf jedwedes Thema unglaublich empfindlich und frühzeitig reagieren können.

Genau. Es ist so, dass sich in den letzten fünf Jahren die Reaktionszeit für Humor wesentlich verändert hat. Und die Toleranzschwelle ist deutlich geringer geworden. Da ist das Thema fast egal, ob wir das jetzt auf Religion beziehen oder auf bestimmte Alltagserlebnisse oder auf Politik. Es gibt keine Zwischentöne mehr, sondern es gibt nur noch ein Entweder/Oder als Reaktion auf Satire. Und der bisherige Grundkonsens, den es in der Gesellschaft gab, der ist komplett aufgekündigt und existiert einfach nicht mehr.

Welcher Grundkonsens?

Ein demokratischer Grundkonsens, der bestimmte Werte betrifft. Auch einen gewissen Respekt. Und auch bestimmte Tabuzonen. Das ist einfach komplett aufgebrochen.

Was ist mit den Grundkonsens, dass Satire alles darf?

Gedenkplatte für die Opfer der Charlie Hebdo Attentate in Paris
Gedenkplatte für die Opfer der Charlie-Hebdo-Attentate vom 7. Januar 2015 Bildrechte: IMAGO

Ich glaube, dass der auch aufgekündigt ist. Und ich glaube, dass es inzwischen von ganz verschiedenen Seiten die Meinungen gibt, dass Satire nicht mehr alles darf.

Und auch hier bitte wieder den Unterschied: Karikaturisten, die meisten jedenfalls, sind nach wie vor der Meinung, dass sie alles darf und vor allen Dingen alles muss.

Das Interview führte Thomas Bille für MDR KULTUR

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Januar 2020 | 17:10 Uhr

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