Hanna Schygulla, Ulli Lommel und Rainer Werner Fassbinder in einer Szene des Films.
Hanna Schygulla, Ulli Lommel und Rainer Werner Fassbinder in einer Szene des Films "Liebe ist kälter als der Tod" Bildrechte: imago/Prod.DB

Premiere vor 50 Jahren Der Film "Liebe ist kälter als der Tod" verbannte das Gefühl von der Leinwand

"Liebe ist kälter als der Tod" war Rainer Werner Fassbinders erster Spielfilm – vor 50 Jahren hatte er Premiere auf der Berlinale 1969. Damit begann auch Hanna Schygullas Karriere als Fassbinder-Star. Fassbinder, der nach eigener Aussage alle seine Gefühle im Kino kennengelernt hat, verbannte nun jedes Gefühl aus diesem Film.

von Thomas Hartmann, MDR KULTUR

Hanna Schygulla, Ulli Lommel und Rainer Werner Fassbinder in einer Szene des Films.
Hanna Schygulla, Ulli Lommel und Rainer Werner Fassbinder in einer Szene des Films "Liebe ist kälter als der Tod" Bildrechte: imago/Prod.DB

Mit 16 war ich Anführer einer Gang, einmal haben wir einen gekillt, der saß mit nem jungen Mädchen auf ner Bank. Wir haben ihn angepinkelt, von oben. Da war so ein Hügel, da ist er raufgekommen und hat gemeckert. Da haben wir zugeschlagen, er ist einfach umgekippt.

Monolog aus "Liebe ist kälter als der Tod"

"Liebe ist kälter als der Tod" ist ein Mix aus Kunst und Krimi mit aussagekräftigem Titel – doch Emotionen sind Fehlanzeige. Die Menschen bewegen sich in Beziehungen, die bar aller Gefühle sind. Freundschaft ist Trug, Liebe ist Verrat und Prostitution. Verlassen kann man sich nur auf Mord und Sterben. Demonstriert wird dies anhand von Bildern in sehr langen Einstellungen, in Bildern, kalt wie die Handlung. Hauptdarstellerin Hanna Schygulla erinnert sich:

Es war so, als ob die Figuren wie unter einem hypnotischen Zwang auch handeln würden. Dass wir alle an irgendwelchen Fäden gezogen sind. Jeder in irgendeiner Hierarchie drin, in der er auf der unteren oder mittleren oder oberen Stufe ist und jeder Täter und Opfer.

Hauptdarstellerin Hanna Schygulla

Rainer Werner Fassbinder, der in seinem Spielfilmerstling auch mitwirkt, bringt "Liebe ist kälter als der Tod" im Juni 1969 auf die Berlinale und "erntete sogleich den vollen Spott der konservativen Kritik", heißt es in einem zeitgenössischen Bericht. Schon als junger Teenager ist Fassbinder klar, dass er Filme machen wird. Denn Kino, das ist Unterhaltung, Fluchtmöglichkeit und so viel mehr.

Ich habe alle meine Gefühle im Kino kennengelernt.

Rainer Werner Fassbinder

Wie wird man Filmregisseur?

Der Weg, den Fassbinder einschlägt, verläuft nicht eben geradlinig. Er nimmt Schauspielunterricht, bewirbt sich zweimal vergeblich an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin, dreht Kurzfilme. Nach der Sichtung seines Films "Der Stadtstreicher" durch die Filmbewertungsstelle in Wiesbaden muss er sich allerdings sagen lassen: "Der Ausschuss möchte sich nicht mit jeder einzelnen Sequenz auseinandersetzen, denn die Mängel des Films sind so evident, dass eine Prädikatisierung ohnehin nicht möglich wäre."

Über das Theater zum Film

Eine Szene des Films ''Liebe ist kälter als der Tod'' von 1969 zeigt Hanna Schygulla neben Rainer W. Fassbinder.
Hanna Schygulla und Rainer W. Fassbinder in "Liebe ist kälter als der Tod" Bildrechte: dpa

Fassbinder landet an einer alternativen Bühne, dem Action-Theater. Hier übernimmt er rasch das Kommando. Wie das im Einzelnen geschieht, das liest sich in Jürgens Trimborns Biographie recht unschön und sehr dramatisch, muss Fassbinder doch die Gründer Ursula Strätz und Horst Söhnlein faktisch kaltstellen. Aus dem Action-Theater wird das "antiteater", und damit hat der Regisseur seinen Schauspielerpool für seine Filme beieinander.

Für "Liebe ist kälter als der Tod" holt er dann noch einen angesehenen Schauspieler an Bord: Ulli Lommel. Der ist bei seinem ersten Drehtag ziemlich irritiert. Er weiß nicht, was gemacht wird, hat keine Drehbuchzeile gelesen, und die Filmcrew ist ausgesprochen übersichtlich. Denn da ist nur einer.

Und nun sag ich, ja wo ist denn der Stab? Sagt er: Der Stab. Das bin ich. Sag ich: Wie bitte? Sagt er: Ja, ich mache alles.

Ulli Lommel über Dietrich Lohmann, den Kameramann

Nichtsdestotrotz wird Fassbinders erster Spielfilm fertig. Und Lommel scheint sich rasch in die Arbeitsbedingungen hineinzufinden. Denn egal ob "Der amerikanische Soldat", "Warnung vor einer heiligen Nutte" oder "Fontanes Effi Briest" – Lommel läuft noch oft für Fassbinder auf.

Aus der deutschen Filmgeschichte

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kalenderblatt | 26. Juni 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Juni 2019, 04:00 Uhr

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