Denis Scheck, deutscher Literaturkritiker und Journalist.
Denis Scheck, deutscher Literaturkritiker und Journalist, bekannt v.a. für die Sendung "druckfrisch". Bildrechte: dpa

Interview Denis Scheck über GoT-Finale: "Langfristig werden mehr Menschen die Romane lesen als die Serie schauen"

Schriftsteller George R.R. Martin ist so etwas wie der amerikanische Tolkien. Er hat die Vorlage geliefert für eine der wohl meistbesprochenen Fernsehserien, "Game of Thrones". Bei ihm heißt das Fantasy-Epos "Das Lied von Eis und Feuer" ("The Song of Ice and Fire"). 1996 kam der erste Band der sieben Roman heraus. Zwei Bände der Reihe stehen noch aus – aber das Fernsehen hat schon ein vorläufiges Ende gefunden. Darüber spricht MDR KULTUR mit dem Literaturkritiker Denis Scheck.

Denis Scheck, deutscher Literaturkritiker und Journalist.
Denis Scheck, deutscher Literaturkritiker und Journalist, bekannt v.a. für die Sendung "druckfrisch". Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Sie haben das Ende von "Game of Thrones" als "Lehrstück für unsere Gegenwart" bezeichnet. Die Unterhaltungsindustrie habe über die Literatur gesiegt und vor dem Autor ein Ende für seine Geschichte gefunden. Wie bitter ist das für Sie als Literaturliebhaber?

Denis Scheck: Ach wissen Sie, das ist eine Begleiterscheinung des Lebens im Kapitalismus. Wenn ich mich recht entsinne, hat man doch mal Erwachsenwerden definiert als die Fähigkeit, auf die Erfüllung seiner Wünsche nicht sofort zu bestehen. Das unterscheidet kleine Kinder von erwachsenen Menschen. Und aus gutem Grunde lässt sich George R.R. Martin, den ich seit den 80er-Jahren kenne und als Leser liebe, mit dem Schreiben seiner Romane viel Zeit. Weil sie, wenn er dann fertig ist, eben sehr gut sind. Nur dieses infantile Medium Fernsehen kann da nicht abwarten und sagt wir machen da eine Serie draus und weil man dann, wirklich wie ein kleines Kind darauf beharrt, aber da muss jetzt nächstes Jahr eine nächste Staffel kommen und es muss jetzt zu Ende gehen, dann erfinden die für sich selber einen Schluss. Und da sie dafür ganz viel Geld boten, hat er gesagt, dann macht halt mal. Aber natürlich weiß jeder, der etwas von der Sache versteht, das ist wie wenn Shakespeare der englischen BBC erlaubt hätte, einen Schlussakt für Hamlet zu schreiben.

Das ist, wie wenn Shakespeare der englischen BBC erlaubt hätte, einen Schlussakt für Hamlet zu schreiben.

Denis Scheck, Literaturkritiker

Fünf der sieben geplanten Bücher sind geschrieben, die letzten Staffeln der Serie mussten ohne Buchvorlage auskommen. Ein Fan hat jetzt eine Petition gestartet und gefordert, dass die achte Staffel noch mal gedreht wird – und zwar mit einem sinnvollen Ende. Unterschrieben haben da mehr als eine Million Menschen. Können Sie diese Art Unmut verstehen?

Ja die kann ich verstehen. Aber im Grunde genommen, diese Fans sind diejenigen, die den Druck aufbauen. Die müssten einfach einsehen, dass sie dann auf die letzte Staffel noch mal zehn Jahre warten müssten. Vielleicht ist das Medium der Fernsehserie tatsächlich so infantil, dass es sich an kleine Kinder richtet. Aber wir erwachsenen Menschen wissen, dass das nächste Weihnachten eben erst in 365 Tagen kommt. Und ein Künstler braucht solange, wie er eben braucht, um einen Roman zu schreiben. Und ich finde es gut, dass George R.R. Martin sich die Zeit nimmt, aber ganz ehrlich, wir echten "Game of Thrones"-Fans bzw. Fans von George R.R. Martin konzentrieren uns ja ohnehin auf die Romane, nicht unbedingt auf die Fernsehserie – die allerdings, das will ich konsolidieren? Gar nicht schlecht gemacht war – nur diese letzte Staffel, da bin ich ein bisschen skeptisch.

Die Bücher von George R.R. Martin fordern dem Leser ja so einiges ab, entfachen dann aber doch eine ziemlich große Sogwirkung. Hat Martin in seinen Romanen das aktuelle Erzählen in der Serie irgendwie vorweggenommen?

George R.R. Martin
George R.R. Martin Bildrechte: dpa

Ich trenne Literatur und Fernsehserien. Das sind beides Genres aus eigenem Recht und in beiden Genres gibt es wunderbare Dinge, ich denke nur an "Die Sopranos". Aber was George R.R. Martin geschafft hat, ist den politischen Fantasyroman zu schreiben. Ich sage ja immer gerne, die Handlung von "The Song of Ice and Fire" ist im Grunde die Welt von Angela Merkel. Es geht darin zentral um das Schmieden von großen Koalitionen. Wer Platz nehmen darf auf dem eisernen Thron, das entscheidet eben nicht nur militärische Gewalt, sondern das entscheidet vor allem diplomatisches Geschick. Und das kann man in diesem Streit der sieben Königreiche und von Daenerys Targaryen und von ihren Drachen, die so etwas wie die Atombomben der Welt von Westeros sind, das kann man mit großem Vergnügen daraus lernen. Das sind politische Romane in meiner Lesart.

Die Handlung von "The Song of Ice and Fire" ist im Grunde die Welt von Angela Merkel [...] und Daenerys Targaryens Drachen sind so etwas wie die Atombomben der Welt von Westeros.

Denis Scheck, Literaturkritiker

Glauben Sie, dass Autoren irgendwann ins Hintertreffen geraten? Immerhin können ja Studios und Fernsehsender mit viel Geld ganze Gruppen von Autoren engagieren und Geschichten entwickeln, wo das Schreiben sonst für viele nach wie vor eine einsame Sache ist.

Das glaube ich nicht. Das ist genau wie in der bildenden Kunst: Nichts ersetzt den Fantasiereichtum eines einzelnen Schriftstellers. Sie können gerne als Gagfabrikanten den Monolog eines Comedians auf der Bühne entwerfen für eine Late-Night-Show oder so was, aber ein Kunstwerk, wie eben die Romanwelt von George R.R. Martin – das ist in der Regel die Anstrengung eines einzelnen Kreativen. Es gibt auch Beispiele von Autorenduos, die zusammengearbeitet haben, das will ich gar nicht leugnen, ich kann mir auch ein Trio vorstellen. Aber auf gar keinen Fall solche Autorenwerkstätten wie sie ja in Hollywood zu Werke gehen – und seien wir ehrlich: Das, was Hollywood an Drehbüchern zustande gebracht hat, das war ja nun überschaubar als Beitrag zur Kulturleistung der Menschheit.

Das, was Hollywood an Drehbüchern zustande gebracht hat, das war ja nun überschaubar als Beitrag zur Kulturleistung der Menschheit.

Denis Scheck, Literaturkritiker

Was meinen Sie, wie groß ist jetzt nach dem Ende der Serie das Interesse an den letzten zwei Bänden? Nehmen wir mal an, George R.R. Martin stellt sie in ein paar Jahren fertig – kann Literatur dann eine ähnliche Aufmerksamkeit schaffen wie diese Fernsehserie?

Wissen Sie, der Literatur ist das Fernsehen schlicht und einfach wurst. Was bleibt – und zwar über Jahrtausende bleibt – ist die Literatur. Und ob da jetzt ein bisschen mehr Aufmerksamkeit in der Gegenwart auf "Game of Thrones" oder auf "Song of Ice and Fire" liegt. Langfristig werden, glaube ich, viel mehr Menschen die Romane lesen als die Fernsehserie schauen.

Langfristig werden, glaube ich, viel mehr Menschen die Romane lesen als die Fernsehserie schauen.

Denis Scheck, Literaturkritiker

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderatorin Annett Mautner.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Mai 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Mai 2019, 11:00 Uhr

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