Heiner Müller, 1992
Bildrechte: imago/Detlev Konnerth

Geburtstag Heiner Müller – Von Verboten inspiriert

Hornbrille, Zigarre, dunkles Outfit und stets einen geistreichen Satz auf den Lippen: So ist der Dichter und Dramatiker Heiner Müller in Erinnerung geblieben – rein äußerlich gesehen. Vor neunzig Jahren wurde der bis heute umstrittene Autor aus dem sächsischen Eppendorf, der Stücke wie "Die Hamletmaschine", "Quartett" oder "Der Auftrag" hinterlassen hat, geboren.

von Thomas Hartmann, MDR KULTUR

Heiner Müller, 1992
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"Ajax zum Beispiel": Ein Heiner-Müller-Text, entstanden im wiedervereinigten Deutschland, wenige Jahre nach der sogenannten Wende. Eine Wiedervereinigung, die der Dichter mit sehr viel Skepsis betrachtet: Er spricht von Sieg und Niederlage.

Aus "Ajax zum Beispiel" In den Buchläden stapeln sich
Die Bestseller Literatur für Idioten
Denen das Fernsehn nicht genügt
Oder das langsamer verblödende Kino
Mein Blick aus dem Fenster fällt
Auf den Mercedesstern
Der sich im Nachthimmel dreht melancholisch
Über dem Zahngold von Auschwitz und anderen Filialen
Der Deutschen Bank auf dem Europacenter

Verbote als kreative Impulsgeber

Es gibt Stimmen, die Müller nicht verstehen können oder wollen. Tränt da etwa einer der DDR hinterher? Einer DDR, die ihn zwar in den 80er-Jahren als düsteren Star auf ihren Bühnen gewähren ließ, aber doch auch lange Steine in den Weg gelegt hatte? Ihn mit Zwangsmaßnahmen ideologisch zu disziplinieren versuchte, Stücke verbot, Uraufführungen erst viele Jahre später gestattete? Zwangsmaßnahmen, denen Müller – ganz dialektisch – im Nachgang sogar noch positive Seiten abgewinnt.

Ich glaube auch sogar, ohne die Verbote meiner Stücke hier, hätte ich nicht das machen können, was ich gemacht habe.

Heiner Müller

Müller im Netz entdecken - muellerbaukasten.de

Müller hat selbst gesagt, dass er ohne die Verbote geschickt und clever Stücke hätte schreiben können, die gegangen wären. "Die Geld bringen, die gespielt werden." Allerdings sei er durch diese Verbote immer zurückgeworfen worden auf seine Ressourcen oder Reserven.

Eppendorf: Die Heimat des Dramatikers Heiner Müller in Bildern

Das Denkmal für Gefallene in Eppendorf in Sachsen zeigt einen knienden Mann, neben dem ein Schwert liegt.
In seiner Autobiografie "Krieg ohne Schlacht" antwortet Heiner Müller auf die Frage "Was sind Deine allerersten Erinnerungen?": "Die erste ist ein Gang auf den Friedhof mit meiner Großmutter. Da stand ein Denkmal für die Gefallene des Ersten Weltkriegs, aus Porphyr, eine gewaltige Figur, eine Mutter. ... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Denkmal für Gefallene in Eppendorf in Sachsen zeigt einen knienden Mann, neben dem ein Schwert liegt.
In seiner Autobiografie "Krieg ohne Schlacht" antwortet Heiner Müller auf die Frage "Was sind Deine allerersten Erinnerungen?": "Die erste ist ein Gang auf den Friedhof mit meiner Großmutter. Da stand ein Denkmal für die Gefallene des Ersten Weltkriegs, aus Porphyr, eine gewaltige Figur, eine Mutter. ... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Schwert am Denkmal für Gefallene in Eppendorf (Sachsen).
... Für mich verband sich das Kriegerdenkmal jahrelang mit einem lila Mutterbild, mit Angst besetzt, auch vor der Großmutter vielleicht, die mich über den Friedhof führte." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Blick auf einen Ort im Schnee: Eppendorf in Sachsen.
Geboren wurde Reimund Heiner Müller am 9. Januar 1929 im sächsischen Eppendorf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein dreistöckiges hellgestrichenes Wohnhaus im Schnee, Eppendorf (Sachsen).
In diesem Haus in der Freiberger Straße in Eppendorf ist der Dramatiker aufgewachsen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine gelbgestrichene Kirche zwischen Bäumen im Schnee, Eppendorf (Sachsen).
Getauft wird er in dieser Kirche an einem Pfingsmontag zusammen mit fünf weiteren Kindern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein weißes Taufbecken, verziert mit Kreuzen und Engeln.
Bei seiner Taufe ist Heiner Müller bereits viereinhalb Jahre alt, was damals nicht ungewöhnlich war. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Der Blick zur Orgel im Inneren einer Kirche in Eppendorf (Sachsen).
Für die Taufe seines Sohnes wurde der Vater Herbert Kurt Müller beurlaubt: Er war von der SA verhaftet worden und saß im Lager Flöha ein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Der Blick ins innere einer Kirche zum Altar hin, Eppendorf (Sachsen).
Am Tag der Taufe tritt auch der Vater wieder in die Kirche ein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Eine aufgeschlagene Seite eines Taufbuches, auf dem die Taufe des Dramatikers Heiner Müller festgehalten ist.
Im Taufbuch ist die Taufe Heiner Müllers der Wiedereintritt des Vaters festgehalten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Engel am Taufbecken der Kirche in Eppendorf, Sachsen.
Die Taufe deutet darauf hin, dass sich Mutter und Sohn schnellstmöglich wieder ins Dorf und seine althergebrachten Traditionen integrieren wollten, weil diese Anpassung das Überleben erleichtern würde, so Thomas Irmer, Vorstand der Heiner-Müller-Gesellschaft. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Heiner Müller, 1992
Früh hat Heiner Müller in Eppendorf also miterlebt, wie die Eltern gegen die eigenen Überzeugungen gehandelt haben. Später wird das ein starkes Motiv in seinen Stücken sein. Bildrechte: imago/Detlev Konnerth
Blick auf den Eingang der Heiner-Müller-Schule in Eppendorf (Sachsen).
Eine Schule in Eppendorf wurde 2006 nach dem berühmten Sohn des Ortes benannt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Blick auf eine vierstöckige Plattenbau-Schule im Schnee - die Heiner Müller Schule in Eppendorf, Sachsen.
Blick auf die Heiner-Müller-Schule in Eppendorf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Inspiriert duch "Erfahrungsdruck"

Heiner Müller
Heiner Müller hat seine Werke auch unter dem Pseudonym Max Messer verfasst. Bildrechte: dpa

Müller vermisst die DDR nach ihrem Untergang durchaus. Nur hat dies nichts mit irgendeiner Form von Sympathie zu tun. Den Entwurf DDR findet er miserabel. Was ihm aber mit dem Entschwinden des Landes abhanden kommt, dass ist sein Leben im schöpferischen Steinbruch. Sein Leben in der zunehmenden Diskrepanz zwischen der Utopie, eine Gesellschaft jenseits des Mammons wäre möglich, und der konkreten, realen Umsetzung.

Er selbst sagte, dass sich aus dieser Diskrepanz eine Spannung ergeben habe und dass das Leben in solch einer Struktur einen großen Erfahrungsdruck brauche. "Es gibt einen Text von T. S. Eliot, wo er schreibt, der Druck der Erfahrung treibt die Sprache in die Dichtung", so Müller. In seinen Augen hieße das, dass man einfach besser schreibe, wenn der Erfahrungsdruck höher sei.

Nach der Wende ein Star - wider Willen

Die Wiedervereinigung hebt diese Diskrepanz auf. Die Utopien erlöschen, "was jetzt passiert, ist die totale Besetzung mit Gegenwart", so Müller. Sicher: Der Autor steigt zum Star auf, wird Intendant am Berliner Ensemble und Regisseur in Bayreuth, aber unter literarischen Aspekten findet Müller die Situation problematisch. Ihn selbst habe es damals nicht interessiert, was in Deutschland nach der Wende passiert sei.

Es ist ein Zurück in den Schoß des Kapitals und ich bin aufgewachsen mit der Hoffnung, dass eine andere Gesellschaftsstruktur möglich ist.

Heiner Müller über die Nachwendezeit

Er selbst könne nur schwer ein Stück schreiben über das Eingespanntsein in eine Struktur, für die Geld der oberste Wert sei.

Ein zeitgemäßer Blick auf die Welt

Was nicht bedeutet, er hätte zu dieser Zeit nichts mehr zu sagen. Wer sich überzeugen möchte, dem sei der Müller-Band "Für alle reicht es nicht – Texte zum Kapitalismus" von 2017 empfohlen. Ein Band, der beweist, wie zeitgemäß Heiner Müllers Blick auf die Welt noch heute ist.

Heiner Müller und Christa Wolf im Juli 1990.
Heiner Müller mit Christa Wolf im Jahr 1990. Bildrechte: IMAGO

Zum Hören: Von und über Heiner Müller

Kultur

Der Dichter Heiner Müller. 6 min
Bildrechte: SWR/ORB/Meyer

Journalist und Vorsitzender der Internationalen Heiner-Müller-Gesellschaft Thomas Irmer über die Strahlkraft von Heiner Müllers Werken.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 09.01.2019 18:05Uhr 06:23 min

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Kultur

Szene aus dem Stück "German History" 7 min
Bildrechte: Peter Awtukowitsch

Kultur

Heiner Müller 7 min
Bildrechte: dpa

MDR KULTUR im Gespräch mit dem Hörspiel-Regisseur Stefan Kanis über die Inszenierung von "Der Bau".

MDR KULTUR - Das Radio Mi 09.01.2019 18:05Uhr 06:57 min

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Kultur

Blick auf einen Ort im Schnee: Eppendorf in Sachsen. 7 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR KULTUR besucht die sächsische Geburtsstadt des Dichters und Dramatikers.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 09.01.2019 18:05Uhr 06:36 min

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Dieter Mann (Rammler) und Andrea Solter (Flinte 2) bei Aufnahmen zu „Die Umsiedlerin“ von Heiner Müller am 10.12.2003 im Hörspielstudio des MDR. 89 min
Bildrechte: MDR/Winkler
Autor Heiner Müller 84 min
Bildrechte: IMAGO

Heiner Müllers "Der Bau" entstand 1964 nach Motiven aus E. Neutschs Roman "Spur der Steine“. Sein Stück geriet zum Gegenentwurf des DDR-Bestsellers und war bis 1980 verboten. Stefan Kanis hat es als Hörspiel inszeniert.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 08.10.2018 22:00Uhr 84:27 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Mehr zu Heiner Müller

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Januar 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Januar 2019, 04:00 Uhr

Literatur

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