Sachbuch "Große Erwartungen" Publizist Geert Mak spürt dem europäischen Traum nach

Geert Mak, 73 Jahre alt, gehört zu den wichtigsten Publizisten der Niederlande. Umfangreiche Bücher wie "Das Jahrhundert meines Vaters" und "In Europa" wurden auch bei uns zu Bestsellern. Für sein Werk erhielt er 2008 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Nun erscheint ein neuer Titel von Geert Mak: "Große Erwartungen. Auf den Spuren des europäischen Traums (1999-2019)". Einmal mehr führt der Autor quer durch Europa.

Wo wäre am sinnvollsten zu beginnen, wenn ein versierter Historiker vom Zustand Europas und all den umstürzenden Ereignissen und Entwicklungen im neuen Jahrtausend erzählen wollte? Wie lassen sich zwei Jahrzehnte, während derer eine Krise die nächste ablöste, zu einer Geschichte formen, die nichts unterschlägt und trotzdem erzählbar bleibt? Den niederländischen Schriftsteller und Publizisten Geert Mak haben solche Probleme noch nie davon abgehalten, sich in große, durchaus unübersichtliche Projekte zu stürzen. Er beginnt sein neues, ambitioniertes Buch "Große Erwartungen. Auf den Spuren des europäischen Traums (1999-2019)" im norwegischen Kirkenes, am nördlichsten Ende des Kontinents. Denn irgendwo muss man schließlich beginnen.

Auszug aus "Große Erwartungen"

"Alles ist weit weg. Trotzdem hat sich die jüngste Geschichte auch auf Kirkenes ausgewirkt, immer wieder: der Bankenzusammenbruch von 2008, die darauf folgende Krise, die russische Annexion der Krim, die Massenimmigration, der Brexit, Trump."

Lampedusa, Moskau und London

Auf dem Cover von Geert Maks „Große Erwartungen“ gehen Menschen über eine Brücke.
Auf 640 Seiten spürt Geert Mak dem europäischen Traum nach. Bildrechte: Random House/Siedler Verlag

Mak war schon einmal hier. Für sein erstes und noch umfangreicheres Buch über Europa im 20. Jahrhundert ist er seinerzeit ein Jahr lang kreuz und quer durch den Kontinent gereist. Das fast 1.000 Seiten dicke Werk, eine große Bestandsaufnahme nach einem Jahrhundert der Katastrophen, endete 1999. Wo er zeitlich aufgehört hat, knüpft Mak jetzt an.

Abermals ist er viel unterwegs, diesmal sind es allerdings Reisen und Eindrücke, die sich über einen Zeitraum von zwei Jahrzehnten erstrecken. Weniger aufschlussreich sind die Beobachtungen nicht. Mak führt vom nördlichsten Norwegen nach Lampedusa und Lesbos, auf die Mittelmeerinseln, die zu Anlaufpunkten für Flüchtlinge wurden; er schaut nach Moskau und London. Der Historiker will den fragilen Zustand und die Perspektiven eines Kontinents ergründen und weiß, dass er sich auf schwierige Nachforschungen einlässt.

Auszug aus "Große Erwartungen"

"Was ich jetzt am Anfang brauche, ist Abstand. Räumlicher Abstand, aber auch zeitlicher – soweit möglich. Es hat ja etwas Widersprüchliches, die Geschichte eines Zeitabschnitts, einer Welt, deren Teil man ist, zu schreiben, während man selbst mittendrin steckt. Geschichtsschreibung ist auf Abstand angewiesen, Zeit vergehen zu lassen ist immer noch die beste Art, Überblick zu gewinnen."

Problemfelder Europas

Aber dafür ist Mak zu neugierig, dafür drängt die Zeit zu sehr, dafür ist seine Sorge um den europäischen Patienten zu groß. Also macht Mak das beste aus der Situation, er tut das, was er schon in anderen Büchern unternommen und nahezu zur Perfektion gebracht hat. Er sammelt Bilder und Szenen, Stimmen und Geschichten, er interessiert sich fürs Detail und hat dabei doch das Gesamte im Blick. Der Terrorismus, die Finanzkrise, der Aufstieg der Populisten, der Andrang der Migranten, ein neuer aggressiver Nationalismus und immer wieder die Klimakrise sind die Hauptproblemfelder, denen sich der Niederländer widmet. Ganz der Aktualität verpflichtet, schließt Mak mit einem Kapitel über die Corona-Pandemie.

Auszug aus "Große Erwartungen"

"Auch diese Krise ist eine Geschichte mit einem Anfang und einem Ende, und sie gibt uns die Möglichkeit zu – sicher schwierigen – Kurs­korrekturen. Der Klimawandel ist in dieser Hinsicht gnadenlos, denn früher oder später lässt sich nur noch wenig bis nichts dagegen tun. So gesehen ist diese Pandemie keine göttliche Strafe, sondern eher eine letzte Warnung."

Wir kommen weit her / Und müssen weit gehen

Heinrich Böll, zitiert in "Große Erwartungen"

Aber wird sie als solche auch verstanden? Geert Mak ist seit der Jahrtausendwende pessimistischer geworden. Womöglich erlebten wir gerade die "Endphase von fünf Jahrhunderten bürgerlicher Kultur, europäischer Aufklärung und Demokratie", so grübelt er. Aber das Schlusswort ist das nicht. Die Hoffnung, dass die Europäer durch Versuch und Irrtum langsam dazulernen, mag er nicht aufgeben. "Wir kommen weit her / Und müssen weit gehen" – die tröstlichen Zeilen von Heinrich Böll hat Geert Mak dem Buch als Motto vorangestellt. Seine engagierte und luzide Bestandsaufnahme ist nicht der schlechteste Wegweiser in unsicheren, bewegten Zeiten.

Mehr zum Buch Geert Mak: "Große Erwartungen. Auf den Spuren des europäischen Traums (1999-2019)"
aus dem Niederländischen von Andreas Ecke
Siedler Verlag, 640 Seiten
Preis: 38 Euro
ISBN: 978-3-8275-0137-0

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. September 2020 | 08:10 Uhr