Hans-Joachim Maaz
Hans-Joachim Maaz Bildrechte: dpa

Literatur der Wendezeit neu gelesen Wie aktuell ist "Gefühlsstau" von Hans-Joachim Maaz heute?

Als im Jahr 1990 das Buch "Der Gefühlsstau" des Psychologen Hans-Joachim Maaz veröffentlicht wurde, schienen viele der gerade in die Freiheit entlassenen Ostdeutschen darin die Erklärung für ihre gescheiterten Lebensentwürfe oder ihre psychischen Erkrankungen zu finden. Wie aktuell ist dieses Buch heute, beinahe 30 Jahre nach dem Mauerfall? Hilft es, die DDR und ihre Menschen, ihre damaligen und heutigen Gefühlslagen, zu verstehen? MDR KULTUR-Literaturkritiker Jörg Schieke hat die Wendeliteratur "Der Gefühlsstau" erneut gelesen.

Hans-Joachim Maaz
Hans-Joachim Maaz Bildrechte: dpa

Das Buch "Der Gefühlsstau" des Psychologen Hans-Joachim Maaz handelt von einem untergegangenen Land. Liest man es aber heute, scheint es auch von einer längst vergangenen Art der Geschichtsdeutung und Seelenerkundung zu erzählen. Es sind im Wesentlichen zwei Thesen, die der Psychologe seinerzeit unermüdlich ausgebreitet hat. Die DDR war in all ihren Bereichen, vom Bildungssystem bis in den Kunstbetrieb, von der Hausgemeinschaft bis zur Universität, ein durch und durch repressives System.

Der repressive Druck auf die Erwachsenen, so Maaz, wurde weitergegeben an die Kinder. Überall also seelische Verwundung, Liebesentzug, überall das schleichende Gift des Unglücks, das, weil es nicht erkannt und benannt wurde, auch nicht entfernt werden konnte. Maaz erläutert weiterhin:

Wir hatten nach 1945 bei uns keine emotionale Vergangenheitsbewältigung, und wir wurden eine Diktatur mit extremistischen Tendenzen. Nach der Wende 1989 haben wir bisher erneut die Trauerarbeit vermieden und uns droht jetzt ein gesellschaftliches Chaos. Wieder wollen wir unserer Unfähigkeit zu trauern durch eine Flucht nach vorn verbergen.

Hans-Joachim Maaz, Psychologe und Buchautor

Maaz erklärt auch, warum dieser Gefühlsprozess so schwerfällt. Demnach gehe es nicht nur um das gesellschaftliche Leben, sondern auch um das "private Leben mit sehr belastenden und mitunter bedrohlichen Erfahrungen aus unserer frühen Kindheit. Mit Hilfe der therapeutischen Kultur kann der notwendige Gefühlsprozess gefördert werden."

Licht und Schatten

Hans-Joachim Maaz, Der Gefühlsstau
Cover zu "Der Gefühlsstau" Bildrechte: C.H. Beck

Sicher ist es ein Verdienst des Therapeuten Maaz, dass er jene psychologischen Techniken, die auf die Erkundung der frühen Kindheit zielen, in die psychotherapeutische Praxis der DDR eingebracht hat. Was heute allerdings befremdet, ist die geradezu dogmatische Diktion, mit der Maaz ein ganzes Land mit einer – eben seiner – Lehre ausdeuten will.

Ansonsten dominierte ungehindert eine prüde, verlogene und tabuisierende Sexualeinstellung. Eine Förderung der sexuellen Lust, der erotischen Raffinesse und des spielerisch-sinnlichen Umgangs mit dem Körper kam kaum vor, dagegen waren Schuld, Scham und Angst im Umgang mit der sexuellen Entwicklung der Kinder die vorherrschende Regel. Hält man dieser These des Hans-Joachim Maaz die Arbeiten etwa des Soziologen Wolfgang Engler oder auch die Alltagserfahrungen vieler ehemaliger DDR-Bürger entgegen, so bleibt von den Maazschen Thesen oft wenig übrig.

Fehlfokus

Und man möchte weitere Thesen entkräften: Weder wurde, wie Maaz behauptet, freie Zeit in der DDR als verlorene Zeit angesehen, noch wurde in der Freizeit ständig an Arbeit gedacht. War es nicht eher umgekehrt? War es nicht so, dass der kleine Junge in der Schule mit den Gedanken auf der Fußballwiese und der Meister im Betrieb in seinem Kleingarten war?

Kindergartenkinder spielen am 01.07.1976 auf einem Spielplatz der Kindertagesstaette in der Lindenbergalle.
Manche Sichten von Maaz auf die DDR sind heute hinterfragenswert, zum Beispiel die psychischen Mangelerfahrungen bei Kindern. Bildrechte: IMAGO

Erstaunlich auch, wie Maaz bis heute biografische Erfolgsmodelle allein aus psychischen Mangelerfahrungen herleitet. Nur ein Kind, das nicht geliebt wurde, kann demzufolge Großes leisten.

Erfolg speist sich nach Maaz also aus der Erfahrung des Gefühlsstaus – aber gibt es denn nicht auch so etwas wie eine positive Besessenheit, eine Freude am Gelingen, an der eigenen sportlichen, beruflichen oder künstlerischen Vervollkommnung? Sind Diego Maradonas großartige Dribblings oder das weiße Album der Beatles nur eine letzte, nachgeholte Flucht vor einer lieblos gewickelten Windel?

Es klingt alles ein bisschen simpel, und überhaupt scheint der Psychologe Maaz die vielen gestalttherapeutischen Ansätze seiner Kollegen oder auch die Arbeiten etwa der französischen Nach-Freud-Schüler nicht wahrgenommen zu haben.

Populäre Deutungen

Warum aber war sein "Gefühlsstau" in einer bestimmten, eher intellektuell geprägten Schicht der früheren DDR so populär? Vielleicht einfach auch deshalb, weil diese Lehre zunächst einmal einen Ausbruch aus den alten, und zu Teilen natürlich repressiv angelegten Therapiemustern der DDR-Psychologie versprach. In gewisser Weise mag es die Einzelnen auch von den Zudringlichkeiten der Gegenwart ein Stück weit entlastet haben, wenn ihnen für die Lösung ihrer Konflikte ein weit in der Vergangenheit liegender Schuldzusammenhang angeboten wurde.

Heute allerdings wissen wir, dass die Kindheit ganz gewiss eine prägende Zeit ist – und dennoch auch viele andere und spätere Ereignisse in die Entwicklung einer Persönlichkeit mit hineinspielen.

Angaben zum Buch Hans-Joachim Maaz: "Der Gefühlsstau"
272 Seiten, Softcover
ISBN: 978-3-406-67326-9
C.H. Beck

1989 neu gelesen Vor 30 Jahren fiel die Mauer, ein Ereignis, das auch in der deutschen Literatur tiefe Spuren hinterlassen hat. Die Literaturredaktion von MDR KULTUR hat deshalb 12 Bücher ausgewählt, die in der Nachwendezeit viel gelesen und viel besprochen wurden. Mit dem Blick von heute sollen Fragen beantwortet werden wie: Was sagen uns diese Bücher über die Zeit damals, was sagen sie uns über die Entwicklung danach und vor allem: was lohnt sich heute noch zu lesen?

Diese Bücher werden neu gelesen: Hans-Joachim Maaz: "Der Gefühlsstau", Jana Hensel: "Zonenkinder", Ingo Schulze: "Simple Storys", Thomas Brussig: "Helden wie wir", Christa Wolf: "Was bleibt", Monika Maron: "Stille Zeile Sechs", Stefan Heym: "Auf Sand gebaut", Günter Grass: "Ein weites Feld", Wolfgang Hilbig: "Ich", Hermann Kant: "Abspann", Jurek Becker: "Amanda herzlos" und Durs Grünbein: "Schädelbasislektion".

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Unter Büchern | 12. Januar 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Januar 2019, 04:00 Uhr