Der Autor und Schriftsteller Christoph Hein.
Christoph Hein beschäftigt sich in seinen Werken immer wieder mit der deutsch-deutschen Geschichte. Bildrechte: imago/VIADATA

Buchkritik "Gegenlauschangriff": Lohnt sich das neue Buch von Christoph Hein?

Christoph Hein kann zweifelsohne zu den Größen der deutschen Literatur gezählt werden. Mit Werken wie "Weiskerns Nachlass", "Landnahme", "Horns Ende", "Trutz" oder "Glückskind mit Vater" sorgt er seit Jahrzehnten für Bestseller, die gleichermaßen die Debatte im Literaturbetrieb bestimmen. In diesem Jahr wird Hein 75 Jahre alt - und verarbeitet nun viele seine Erlebnisse in seinem neuen Werk "Gegenlauschangriff". Ein Buch, das jedoch gerade dann besonders gut ist, wenn es nicht um Hein geht, meint unser Kritiker.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Der Autor und Schriftsteller Christoph Hein.
Christoph Hein beschäftigt sich in seinen Werken immer wieder mit der deutsch-deutschen Geschichte. Bildrechte: imago/VIADATA

Am 8. April wird der Erzähler und Dramatiker Christoph Hein 75 Jahre alt – und zu diesem Geburtstag erscheint jetzt im Suhrkamp-Verlag eine kleine, recht persönlich gehaltene Sammlung von Erinnerungen, kurzen Aufsätzen und Selbstauskünften des Autors. Die Sammlung ist überschrieben mit dem Wort "Gegenlauschangriff". Hein wurde in den frühen 80er-Jahren in Ost- und Westdeutschland gleichermaßen bekannt mit seiner Novelle "Der fremde Freund" – im Westen allerdings unter dem Titel "Drachenblut"erschienen –, in der er von den inneren Verwundungen einer Frau erzählt, der die Verschweige-Techniken einer politischen Diktatur bis hinein in die privaten Lebensverhältnisse gesickert sind – und der darüber die Seele zu verkümmern droht.

Auch Heins folgende Bücher, etwa "Horns Ende", "Willenbrock" oder "Weiskerns Nachlass" wurden viel gelesen und diskutiert – ebenso wie Heins Theaterstücke. Christoph Hein gilt heute als einer der wichtigsten literarischen Chronisten deutscher Verhältnisse – so lässt es sich zusammenfassen.

Gegenseitiges Abhören

Christoph Hein, Autor
Hein bei einer Podiumsdiskussion im Jahr 2004. Bildrechte: imago/DRAMA-Berlin.de

"Gegenlauschangriff": das ist bei Hein eine Metapher für die eigenen politischen Handlungsoptionen in den Jahren der DDR. Hein erzählt in dem so überschriebenen Text eine Episode, die inzwischen zum festen Fundus der ostdeutschen Dissidentenchronik gehört: Nach der Ausbürgerung Biermanns kam es in der Wohnung Manfred Krugs zu einem Treffen verschiedener Künstler, die in einem Brief protestiert hatten, mit Vertretern der Staatsmacht – und der wirklich mutige Krug hatte seinerzeit praktisch der Stasi ihre eigenen Taktiken abgelauscht und diese Gespräche mitgeschnitten.

Der Lauschangriff, auf den sich Hein bezieht, ist ja eine gängige Geheimdienstmethode, also das Abhören, und auch Hein wurde in den 60er-Jahren auf diese Art zeitweise überwacht, was er eben in diesem Buch erzählt. Und das führt auch zu den wesentlichen Aspekten dieses Buches: Hein erzählt an vielen Beispielen von seinen persönlichen Kämpfen vor allem mit den Kultur-Oberen, er erzählt von den kleinen Tricks und auch von mancher Niederlage in der DDR-Zeit bzw. in den Wende- und Nachwendejahren.

Spannend, aber nicht neu

Das Ganze ist ein wenig im "Es war einmal"-Tonfall gehalten und legt also nochmals dar, dass Hein eben auf der – von heute aus – richtigen Seite der Widerständigen gestanden hat. Manche Stücke von ihm durften nicht gespielt werden, der Roman "Horns Ende" ist 1983 praktisch ohne Druckerlaubnis verbreitet worden – und auch die Einladungen aus dem Westen zu Lesungen konnte Hein nur nach langwierigen Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht wahrnehmen. Das ist alles richtig – allerdings ist das alles auch schon mehrfach so oder ähnlich erzählt – oder besser gesagt: berichtet worden. Es erschließen sich hier keine neuen Konstellationen, Hein klopft sich sozusagen selbst auf die Schulter. Was ihn leider nicht interessiert, ist diese vertrackte Dialektik, dass er ja, bei allen Schwierigkeiten, letztlich doch zu den Privilegierten gehörte und eben doch, anders als viele andere, schon vor dem Mauerfall in den Westen fahren konnte. Er hat sich in gewisser Weise diesem Staat auch nicht verweigert, sondern ihm immer geantwortet – das natürlich sehr kritisch.

Es bleiben Fragen

Manche Geschichte bleibt denn auch nur angerissen, etwa die um Heins verhinderte Theater-Intendanz: Im Jahr 2004 gab es in Berlin den Plan, Christoph Hein zum Intendanten des Deutschen Theaters zu machen. Daraus ist dann nichts geworden, Hein hatte sich erst darauf gefreut und auch schon verschiedene Regisseure gewonnen, aber dann wurde er mit verschiedenen Tricks und Sparankündigungen dazu gedrängt, alles abzusagen. Es gab seinerzeit eine Pressekonferenz, bei der Hein darauf verzichtet, die wahren Gründe für seinen freiwilligen Verzicht zu benennen. Er fürchtet juristische Verwicklungen, will sich wieder aufs Schreiben konzentrieren – was ja allzu verständlich ist.

Aber auch in dem nun nachgereichten Rückblick hat man wieder das Gefühl, es werde nicht alles zu dieser Sache erzählt. Warum zum Beispiel gab es seinerzeit so viel Gegenwind von der Presse gegen einen möglichen Intendanten Hein? Ging es um ästhetisch-künstlerische Fragen oder wollte jemand aus dem Berliner Senat lieber einen westdeutschen Theatermacher auf diesen Posten setzen? So, wie es jetzt hier zu lesen ist, klingt das wie ein trotziges Nachhacken von Hein, das aber auch keine wirkliche Aufklärung leistet.

Gut, wenn es nicht um ihn geht

Schöner sind jene Texte, in denen Hein nicht ausdrücklich von sich und seinen Dissidenten-Verdiensten erzählt, sondern eher bestimmte historische Ereignisse sich selbst kommentieren lässt. Somit bietet er auch dem Leser mehr Raum zum Deuten und Denken. Er erzählt zum Beispiel eine schöne Heiner-Müller-Anekdote: Müller sitzt, schon in der Wendezeit, in einem Café in München, wo ein Fernseher mit einer Übertragung von Montagsdemonstrationen läuft. Die Ostdeutschen im Fernsehen skandieren: "Wir sind das Volk!" – und eine gut situierte Münchner Dame schaut auf den Bildschirm und sagt: "Ja, ihr seid das Volk. Und das sollt ihr auch bleiben."

Schöner kann man doch diese feinen Statusbewahrungs-Ängste und die verschiedenen Schichtungen auch innerhalb des heutigen Gesamtdeutschlands kaum beschreiben.

Cover des Buches "Gegenlauschangriff" von Christoph Hein.
Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Infos zum Buch Gegenlauschangriff - Anekdoten aus dem letzten deutsch-deutschen Kriege
von Christoph Hein
122 Seiten
Verlag: Suhrkamp
Preis: 14 €
ISBN: 978-3-518-46993-4

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. März 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. März 2019, 11:32 Uhr

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