Ordentliches und chaotisches Alphabet im Kopf zweier Menschen
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Buchvorstellung: "Dunkle Zungen" Faszination Geheimsprachen

Schon im Mittelalter benutzten Gauner Geheimsprachen. So konnten sie über Opfer reden, ohne dass diese es mitbekamen. Später entdeckten auch Dichter der Sprache innewohnende Geheimnisse und schufen selbst welche. Daniel Heller-Roazen widmet sich in seinem Sachbuch "Dunkle Zungen" diesen Geheimsprachen.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Ordentliches und chaotisches Alphabet im Kopf zweier Menschen
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"Dunkle Zungen" heißt die neue Veröffentlichung des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Daniel Heller-Roazen. Der ist bereits mit zahlreichen kulturwissenschaftlichen Darstellungen hervorgetreten und wurde dafür hoch gelobt und ausgezeichnet.

Mit "Dunkle Zungen" nun nimmt er eine uralte Frage der Literatur- und Sprachdeutung auf: Was wird, jenseits der offensichtlichen inhaltlichen Fakten, durch die Sprachmelodie, durch die Häufigkeit einzelner Laute sogar - oder durch Rhythmus und Länge einzelner Aussagen im Hörer oder Leser ausgelöst? Wie also werden wir, auch wenn wir uns dessen gar nicht bewusst sind, von einem Text verführt oder beeinflusst?

Geheimsprachen - schon im Mittelalter

Flüstern
Sprache kann über den Wortsinn wirken, aber auch beispielsweise über ihren Klang. Bildrechte: Colourbox.de

Schon im 12. Jahrhundert haben in Europa einzelne Geheimbünde oder Gaunerbanden eigene, geheime Sprachen entwickelt und sich so über ihre Aktionen verständigt. Aus heutiger Sicht nun können wir auch das Muster dieser Sprachen beschreiben: Es wurde der bestehende Alltags-Sprachapparat sozusagen umgeschliffen, indem Buchstaben nach einem festen System vertauscht wurden. Man hängte bestimmte Endungen oder Vorsilben an, und schuf so am Ende eine Sprache, die das Ziel hat, nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten verständlich zu sein. Der Gauner kann also in Anwesenheit des potentiellen Opfers seinem Kumpan genauestens schildern, wie das Opfer zu überwältigen und auszurauben ist.

Gauner und Poeten

Daniel Heller-Roazen: "Dunkle Zungen"
Daniel Heller-Roazen: "Dunkle Zungen" Bildrechte: S. Fischer

Die entscheidende These in dem Buch "Dunkle Zungen" nun ist, dass es hier eine Brücke gibt, die von den Gaunern zu den Dichtern herüberführt. Denn auch in literarischen Texten verspüren wir manchmal einen Sog, eine Faszination, die sich über inhaltliche Botschaften kaum erklären lässt.

Theodor Storm hat über das Zusammenspiel der einzelnen Vokale das Meeresrauschen im Gedicht nachgezeichnet. Oder denken wir an "Wandrers Nachtlied" von Goethe, wie da am Ende mit dem Vokal "u" jongliert wird: "Warte nur! Balde / Ruhest du auch". Man ist ja immer versucht "Balde ruhest auch du" zu sagen, aber Goethe füttert uns sozusagen an mit den gemächlichen U-Bögen, und dann kommt dieses Abrupte auch am Ende - die schöne Stimmung wird aufgebrochen, man ist sozusagen eingepennt, weggeknackt.

Sprachverstecke

Die ganze Literaturgeschichte ist zudem voll von Texten, in denen Dichter zum Beispiel die Namen ihrer Feinde, ihrer Geliebten oder auch ihrer verbotenen Götter versteckt haben. Meist funktioniert das mehr oder weniger streng nach einem mathematischen System, das man erkennen muss, um den entsprechenden Namen dann zusammenzusetzen.

"Dunkle Zungen" von Daniel Heller-Roazen erklärt überzeugend (wenn auch mit nicht unbeträchtlichem theoretischen Aufwand), dass Sprache immer über ihre reininhaltlichen Festschreibungen hinausweist. Unbewusst wirken auch der Klang, das Tempo, die Verteilung von Selbst- und Mitlauten auf uns.

Ein schönes Beispiel wäre vielleicht noch Helmut Kohls berühmte Äußerung von den "Menschen draußen im Lande"- dieses plötzlich einsetzende Geraune, das man so richtig nie aus dem Kopf bekommt. Weil es eben auch unbewusst mit poetischen Mustern spielt und den Politiker augenblicklich in den gütigen Landesvater verwandelt, der den Blick versonnen über Hügel und Täler streifen lässt.

Angaben zum Buch Daniel Heller-Roazen: "Dunkle Zungen"
Geheimsprachen: Die Kunst der Gauner und Rätselfreunde
Übersetzt von: Horst Brühmann
352 Seiten, gebunden, 22 Euro
ISBN: 978-3-10-002253-0
S. Fischer Wissenschaft

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 28. März 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. März 2018, 01:00 Uhr