Museum der bildenden Künste Leipzig Oskar Moll-Gemälde kehrt nach Leipzig zurück

Im Rahmen ihrer Aktion "Entartete Kunst" beschlagnahmten die Nationalsozialisten 1937 im Leipziger Bildermuseum an die 400 Werke. Von den darunter befindlichen 90 Gemälden sind bis heute gerade einmal vier zurückgekommen. Eins davon ist "Stillleben mit Mohn und schwarzer Kanne" von Oskar Moll. Auf Umwegen gelangte es in den 50er-Jahren in den Besitz der Bayer AG – die Kunstsammlung der Bayer AG hatte das Bild identifiziert und nun per Schenkung zurückgegeben. Museumschef Alfred Weidinger erklärt, welche Bedeutung das Bild für die Leipziger Sammlung hat und mit welchen Problemen die deutsche Provenienzforschung kämpft.

Oskar Moll: Stillleben mit Mohn und schwarzer Kanne, 1916, Öl auf Leinwand100 x 120 cm
Oskar Moll: Stillleben mit Mohn und schwarzer Kanne, 1916, Öl auf Leinwand100 x 120 cm Bildrechte: Bayer AG/Dirk Hansen

Was ist das überhaupt für ein Bild, um das es hier geht?

Alfred Weidinger: Es ist für Oskar Moll ein bedeutendes Werk aus einer wichtigen Phase, es ist 1916 entstanden. Während dieser Zeit war er Professor an der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau, heute Wrocław.

Welche Bedeutung hat das Bild für die Sammlung des Leipziger Kunstmuseums?

Es ist schon ein exponiertes Stück und zwar deswegen: Wir haben eine verhältnismäßig kleine Sammlung an deutschen Expressionisten oder besser gesagt: wir hatten – bis zur Beschlagnahmungsaktion 1937. So gesehen ist diese Rückführung Oskar Molls für uns von sehr großer Bedeutung. Für die Sammlung ist es eine Wohltat.

Wer genau war Oskar Moll?

Oskar Moll hat in München und Berlin studiert, unter anderem auch bei Lovis Corinth, ein sehr wichtiger international bekannter Maler. Moll ist dann wie viele seiner Kollegen 1907 nach Paris gegangen, wo er Henri Matisse kennengelernt hat, der ihn sehr geprägt hat. 1908 hat Moll mit seiner Frau Marg die Akadémie Matisse gegründet, die bis 1911 Bestand hatte. Später wurde er dann Professor in Breslau, 1932 dann auch Direktor. Dann ist er in einer Zwischenphase nach Düsseldorf gegangen. Und 1933 wurde er von den Nazis als entarteter Künstler diffamiert, das war für ihn natürlich ein dramatischer Schicksalsschlag, der ihn auch sehr geprägt hat. Gestorben ist er 1947 in Berlin.

Ein Schritt der freiwilligen Rückgabe von Bildern aus der Kunstsammlung eines Unternehmens kommt selten vor. Wie außergewöhnlich ist das?

Alfred Weidinger
Alfred Weidinger, Direktor des Museums der bildenden Künste Leipzig Bildrechte: imago images / Christian Grube

Das ist in der Tat außergewöhnlich, deswegen freut mich das so sehr, dass das in unserem Museum der Fall ist. Wenn man das so will, ist das eine Privatrestitution, dafür gibt es kein Gesetz. Deutschland hat das – aus meiner Sicht, ich bin ja Österreicher – versäumt. In Österreich hat man ein Restitutionsgesetz geschaffen, das die Grundlage ist. Deshalb ist die Provenienzforschung in Österreich sehr weit fortgeschritten, viele Dossiers sind bereits erledigt und weitgehend abgearbeitet. Und hier in Deutschland – das war auch meine Überraschung, als ich hierher gekommen bin nach Leipzig – steht man nahezu erst am Beginn. Das ist sehr bedauerlich.

Dabei haben mir einige Journalisten erklärt, dass es hier einerseits kein Restitutionsgesetzt gibt und auf der anderen Seite ist die Provenienzforschung eine Angelegenheit der Länder. Also gibt es keine gemeinsame Vorgehensweise, deshalb ist noch so vieles im Argen, würde ich meinen. Man verlagert jetzt leider auch den Fokus: Die Kolonialforschung ist jetzt wichtiger, das versteh ich auch. Aber ich habe die Sorge, dass man sich nicht mehr in dem Maß um den ehemaligen jüdischen Besitz kümmert, wie es notwendig wäre.

"Stillleben mit Mohn und schwarzer Kanne" ging als sogenannte "entartete Kunst" verloren. Wie viele Bilder wurden bisher überhaupt zurückgegeben?

Außenansicht des Museums der bildenden Künste Leipzig.
Außenansicht des Museums der bildenden Künste Leipzig Bildrechte: MDR/Bertram Kober

Sehr, sehr wenig. Darum ist das auch außerordentlich. Man muss wirklich sagen, dass Bayer hier vorbildhaft arbeitet. Das war für mich schon eine Überraschung, als ich plötzlich einen Anruf bekam von dem für Kultur zuständigen Geschäftsführer, und der sagte: 'Herr Weidinger, wir haben dieses Bild identifiziert, und wir fühlen uns moralisch verpflichtet, Ihnen dieses Bild zurückzugeben und zwar in Form einer Schenkung.' Wenn man so lange in Museen arbeitet wie ich – sind das Sternstunden! Auch wenn das Bild kein absolutes Top-Hauptwerk ist, das spielt gar keine Rolle, sondern dass hier überhaupt dieser Akt stattfindet, daran zu denken, etwas aus freien Stücken zurückzugeben.

Beschlagnahmt wurden 1937 im Leipziger Bildermuseum etwa 400 Kunstwerke – im Zusammenhang mit der Aktion "Entartete Kunst". Darunter waren 90 Gemälde. Von diesen 90 Gemälden hat die Stadtgemeinschaft es geschafft, drei zurückzukaufen: ein wichtiges Werk von Karl Hofer, ein Hauptwerk von Otto Möller: "Das Liebespaar" und von Oskar Kokoschka den "Genfer See". Und jetzt der Oskar Moll. Also von insgesamt 400 Werken sind vier wieder zurückgekommen.

Das Gespräch führte Stefan Maelck für MDR KULTUR.

Kunst in Leipzig

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Januar 2020 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2020, 12:10 Uhr

Abonnieren